Alles richtig gemacht: Als die Partie zu kippen drohte, wusste Trainer Florian Kehrmann seinem Team zu helfen. - © Foto: Hagemann
Alles richtig gemacht: Als die Partie zu kippen drohte, wusste Trainer Florian Kehrmann seinem Team zu helfen. | © Foto: Hagemann

Lemgo Handball: Die Drama-Könige aus Lemgo

Handball: TBV Lemgo schafft den Klassenerhalt mit einem 32:31 gegen Gummersbach aus eigener Kraft. Die letzten 60 Minuten der Saison bieten fast unerträgliche Spannung

Torsten Ziegler

Lemgo. In ihrem Hallenheft annoncierten die Lemgoer den Dauerkartenverkauf für die nächste Spielzeit noch mit den Worten: "Oder alternativ für alle geplanten 19 Heimspiele der 2. Liga." Es werden nur 17 Heimspiele. In der Handball-Bundesliga. Und keiner im prallvollen Viereck der Lipperlandhalle wird die sensationell spannenden 60 Minuten gegen Gummersbach, die den Klassenerhalt sicherstellten, so schnell vergessen. Auch nicht die Spieler. Nicht einmal jene, die so viel erlebt haben wie Christoph Theuerkauf. "Ich habe schon Titel gewonnen", sagte der Kreisläufer total entkräftet nach dem 32:31, "aber das heute ging in die gleiche Richtung." Entsprechend meisterlich fiel der Jubel aus. "Riesendank an die Fans, sie haben die Halle zum Beben gebracht. Seit 14 Jahren bin ich Profi. Aber so eine Situation mit den ganzen Überkreuzvergleichen hatte ich noch nie. Ich bin einfach nur supersuperglücklich", sagte Theuerkauf. Als der kampferprobte "Theuer" 1984 geboren wurde, hatte der TBV seinen ersten Kampf um die Rettung des Oberhaus-Platzes noch am Grünen Tisch durch den Göppinger Zwangsabstieg gewonnen. Diesmal schafften es die Lipper ganz allein. Der TBV Lemgo darf im Spätsommer in der Erstklassigkeit weitermachen. Doch bis es soweit war, dass die Bierfässer zur Klassenerhalts-Sause mit den Fans auf die Spielfläche gerollt werden durften, hatte die mächtige Allianz aus Team und Fans emotionale Ausnahmesituationen zu meistern. Besonders ab der 42. Minute. Es ist 17:10 Uhr am Samstagnachmittag und die Blitztabelle zeigt den TBV im Fernduell mit dem Bergischen HC, der einem ungefährdeten Sieg gegen Hannover entgegeneilt, im Nachteil. Nach 32 Führungen und 12 unentschiedenen Spielständen blicken die Lipper beim 23:24, dritter Rückstand nach dem 7:8 und 8:9, in die hässliche Fratze des Abstiegsgespenstes. Jetzt muss etwas passieren. Nach einer bis dahin sehr konzentrierten Leistung im Angriff haben Azat Valiullin (2) und Andrej Kogut (1) binnen weniger Minuten dem Gegner durch technische Fehler drei Bälle geschenkt. Florian Kehrmann reagiert sofort, indem er im Angriff auf sieben Feldspieler setzt und den 20 Jahre alten Jari Lemke für Valiullin bringt. "Das hat sofort funktioniert", befindet Tim Suton, der in der dramatischen Schlussphase wie Tim Hornke, Patrick Zieker und Lemke eine herausragende Rolle spielt. Hornke, rechts freigespielt, gleicht aus (24:24). Suton knallt den Ball in den Winkel (25:24). Wieder Hornke, rechts freigespielt: 26:25. Doch der Schock folgt auf dem Fuße: Suton, erneut ein Führungsspieler, knickt um und humpelt in die Kabine. Auch für Trainer Kehrmann eine Schrecksekunde. "Es wäre bitter gewesen, ihn zu verlieren", sagt er. Vorerst aber hämmert Lemke, einer der wohl kaum gespielt hätte ohne dieses große TBV-Verletzungspech zum Saisonende, zum 27:26 ein. Noch sind zehn Minuten zu spielen. Ohne Suton? Zieker fängt einen VfL-Pass ab und startet zum Gegenstoß - 28:26. Aber Gummersbach lässt nicht nach, egalisiert schnell (28:28). Suton kehrt mit einem dicken Tapeverband um den Knöchel zurück. "Es hat echt wehgetan, doch mit so viel Adrenalin im Körper ging es dann wieder", erklärt der in die A-Nationalmannschaft Berufene. Hornke bringt den TBV in Führung (29:28). Lemke, das nur am Rande, zählt immer gewissenhaft mit den Fingern ab, ob der Platz auf dem Feld für ihn als siebten Mann schon frei ist. Ansonsten verteilt er die Bälle so sicher, als hätte er sein Leben lang täglich nichts anderes gemacht. »Man kann es nicht beschreiben, wie groß der Druck war« "Ich bin ein recht cooler Typ und mache alles mit einem Schmunzeln auf dem Feld", beschreibt sich der Bruder des Europameisters Finn Lemke. Und "prädestiniert" sei er für das Sieben gegen Sechs. Davon profitiert Zieker. Dessen Dreher kullert allerdings am Tor vorbei. Gummersbach trifft zum 29:29. Noch fünf Minuten. Die ganze Saison verdichtet sich auf diese paar Zeigerumdrehungen in der Lipperlandhalle, da die parallel klare Führung des BHC gegen Hannover von Lemgo für den Klassenerhalt einen Punkt verlangt. Zieker gelingt das 30:29. Julius Kühn gleicht aus. Noch drei Minuten und zehn Sekunden, Siebenmeter für den TBV. Hornkes fünfter Strafwurf, alle drin, 31:30. Doch die Gäste bleiben lästig: 31:31. Dann Hornke, die personifizierte Zuverlässigkeit, springt hoch und weit, hat einen perfekten Wurfwinkel, den besten aller seiner Versuche, er verzieht total. Noch 100 Sekunden. Eine Ewigkeit. Trifft Gummersbach jetzt, kann das der Abstieg für Lemgo sein. Florian Baumgärtner jedoch verwirft. "Man kann es nicht beschreiben, wie groß der Druck war", sagt Suton. Doch nicht der Druck und auch nicht der lädierte Fuß hindern das Supertalent daran, den Wurf zu setzen, der alle Fragen beantwortete. Das 32:31 gut zwanzig Sekunden vor dem Abpfiff veredelt den erinnerungswürdigen Nachmittag im Lipperland. "Es war das Glück des Tüchtigen", sagt Suton strahlend. Durch die Beine von Carsten Lichtlein fliegt der Ball in die Maschen und alle Schmerzen sind in diesem Moment vergessen. Auch die von Christoph Theuerkauf, der noch beim Sieg am Mittwoch in Hannover übel auf den Boden geklatscht war. Der sagt: "Wer in den letzten drei Spielen sechs Punkte holt wie wir, hat den Klassenerhalt auch verdient." Es wird die 35. Bundesligasaison in Folge sein. Nur Kiel und Gummersbach sind noch länger dabei.

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