Wie steht es um Homosexualität im Fußball? - © picture alliance / augenklick/firo Sportphoto
Wie steht es um Homosexualität im Fußball? | © picture alliance / augenklick/firo Sportphoto

Coming-Out-Day Homosexualität im Fußball: Über ein altes Männlichkeitsbild

Im Fußball ist Homosexualität noch immer ein Tabuthema

Angela Wiese

Bielefeld. Am 11. Oktober ist Coming-Out-Day. In einigen Bereichen der Gesellschaft scheint genau dieses "Coming Out" aber besonders schwierig zu sein. In Deutschland zählt der Fußball dazu. Offen schwule Fußballspieler gibt es kaum, im Profi-Fußball schon gar nicht. Es soll ja schließlich um den Sport gehen, sagen die einen. Homosexualität passt nicht zum Männlichkeitsbild im Fußball, sagen die anderen.

Selbst untereinander scheinen die Spieler nicht zu wissen, wer homosexuell ist. Das lässt sich aus Sätzen wie dem ablesen, den Bayern-München-Spieler Mats Hummels in der Juni-Ausgabe der Talksendung Schulz & Böhmermann sagte. Er wisse nicht, wer in der Bundesliga schwul sei. "Von keinem einzigen weiß ich es", sagt Hummels.

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Homosexualität im Fußball: Über ein veraltetes Männerbild

Dr. Tatjana Eggeling ist darüber nicht verwundert. Die Wissenschaftlerin forscht seit über zehn Jahren zum Thema Homosexualität im Sport. "Vermutlich weiß kaum ein Fußballer, egal ob homo oder hetero, von der Homosexualität eines Mitspielers", sagt Eggeling. "Schwule Spieler geben sich so, wie das System es von ihnen verlangt. Sie verhalten sich so heterosexuell wie möglich und geben sich zum Beispiel betont hart."

"Angst vor dem Unbekannten"

Katja Sabisch, Professorin für Gender Studies an der Ruhr-Universität Bochum. - © Ruhr-Universität Bochum
Katja Sabisch, Professorin für Gender Studies an der Ruhr-Universität Bochum. | © Ruhr-Universität Bochum

Katja Sabisch ist Professorin für Gender Studies an der Ruhr-Universität Bochum und befasst sich auch mit sozialwissenschaftlicher Fußballforschung. Sie sagt, der Fußball sei die letzte Bastion der Männlichkeit. "Sich in einem Kontext, der von diesem Bild beherrscht wird, zu outen, ist sehr schwierig. Das ist nicht wie in der Politik, wo Sätze wie ,Ich bin schwul und das ist auch gut so' gesagt werden können."

Im Sport gehe es hauptsächlich um Körper, es gibt wenig körperliche Distanz, sagt Eggeling. "Wenn es um Homophobie geht, schlägt gerade deshalb auch die Furcht vor dem Fremden zu, die Angst vor dem Unbekannten."

Die Sexualität nicht offen zu leben, sei anstrengend für die Spieler. "Es frisst viel Energie, nicht anders zu sein als die heterosexuelle Normalumgebung", sagt Eggeling. Möglich sei auch, dass junge Spieler aus dem System aussteigen, auch solche, die Talent hätten für eine große Karriere. Das bedeute auch ökonomische Verluste für Sportinstitutionen, die in solche Spieler investiert haben.

Auch das Coming-out des Ex-Profis Thomas Hitzlsperger 2014 habe nichts daran geändert, dass Homosexualität im Profi-Fußball noch zu den Tabus gehört. Und doch hat es etwas bewirkt, sagt Katja Sabisch. "Es wurde darüber gesprochen."

Aus Sicht der Fans

Aus Fansicht ist Homosexualität im Fußball kein großes Thema. Auch nicht in Bielefeld. Hier gründete sich vor zehn Jahren der schwul-lesbische Arminia-Fanclub "Blaue Bengel". Die meisten Mitglieder des Clubs seien homosexuell, was mit der Gründung im Wesentlichen aber nichts zu tun hatte, heißt es auf der Homepage des Vereins. Es gehe um Fußballleidenschaft und um Freundschaft. "Natürlich sind Homosexuelle auch Zielscheibe für Leute, die intolerant sind", sagt Roland Kano, Gründungsmitglied und Erster Vorsitzender, über homophobe Banner, wie sie in Teilen Deutschlands immer wieder mal in Stadien zu sehen waren. "Hier in Bielefeld merken wir im Block nichts. Wir sind hier Teil des Ganzen und zufrieden."

Mitglied des Sprecherrats des Netzwerkes "Queer Football Fanclubs". - © QFF
Mitglied des Sprecherrats des Netzwerkes "Queer Football Fanclubs". | © QFF

Sven Kistner vom Sprecherrat des Queer Football Fanclubs (QFF), einem Netzwerk schwul-lesbischer Fanclubs in Europa, sieht das Thema Homosexualität im Fußball untergeordnet. "Zu Recht, denn es soll vor allem um Fußball gehen." Das private Umfeld von Spielern rücke in der heutigen Medienwelt zwar zunehmend in den Fokus. "Aber ich denke, dass das überhöht wird", sagt Kistner.

Dass es keine offen schwulen Fußball-Spieler gibt, heißt für ihn nicht unbedingt, dass es keine geben darf. "Ich denke, da gibt es immer noch Hemmnisse. Die Frage ist, ob Homosexualität von Spielern als Nebensächlichkeit toleriert würde. Ich denke, die Gesellschaft wäre weit genug." Die Hürde sei, dass sich jemand finden müsste, der sich zuerst outet. Unter den Fans, so Kistner, habe sich einiges getan. "Auch die LGBT-Fanclubs haben zur Normalisierung beigetragen." Kistner ist Fan des FC Bayern. "Wir sind sehr gut integriert", sagt er.

Aktionen der Mannschaften

Die Institutionen im Fußball befassen sich mittlerweile mehr und mehr mit Homophobie. Der DFB hat kürzlich Thomas Hitzlsperger als "Botschafter für Vielfalt" vorgestellt. Fußball-Nationalspieler Julian Draxler trug im Testspiel gegen Dänemark eine regenbogenfarbene Kapitänsbinde. Die Nationalmannschaft nahm damit teil an einer Aktion für Offenheit und Vielfalt des dänischen Verbandes.

Der SC Paderborn veranstaltete Ende 2016 in der Benteler-Arena den Workshop "Gemeinsam für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt - gegen Sexismus und Homophobie im Fußball", berichtet Sprecher Matthias Hack. Teilgenommen haben SCP-Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen. "Um die Thematik im Verein breitflächig zu platzieren", so Hack. Der Workshop wurde gefördert von der Bundesliga-Stiftung und der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld.

Arminia Bielefeld setzte in der Vergangenheit auf öffentlichkeitswirksame Aktionen, "um die Akzeptanz von Homosexualität im Fußball-Kontext weiter zu erhöhen", wie Arminias Sprecher Tim Santen mitteilt. Santen verweist auf eine Plakat-Aktion gegen Homophobie und auf die Regenbogen-Shirts, in denen die Spieler bei einem Auswärtsspiel in Köln eingelaufen sind. Arminia Bielefeld engagiere sich, um die Akzeptanz zu erhöhen, so Santen.

Als Teil der Fußballbranche wolle Arminia Bielefeld es aber vermeiden, öffentliche Erwartungshaltungen an Outings im Profifußball zu generieren. "Der Art und Weise wie jemand mit seiner Liebe und seinen Vorlieben in der Öffentlichkeit umgehen möchte, liegt aus unserer Sicht eine zutiefst private Entscheidung zugrunde. Wünschenswert wäre ein Umfeld, auch mediales Umfeld, in dem niemand seine Sexualität ,outen' muss, sondern in dem unterschiedliche sexuelle Vorlieben gleichermaßen akzeptiert sind und im Umgang miteinander keine Rolle spielen", teilt Santen mit.

Veränderungen in der Zukunft?

Kapitänsbinden auf dem Platz, Banner gegen Homophobie auf dem Rasen - es sei gut, wenn das Thema von den Mannschaften aufgegriffen werde, sagt Katja Sabisch. Für einen echten Wandel, sagt sie, wäre aber mehr nötig. "Ein Ansatz wäre eine intensivere, besser ausgestattete Fanarbeit, die schon bei der Jugend beginnt." Es müsse mehr über Männlichkeiten und Vielfalt gesprochen werden. Dafür fehle aber das Geld. Laut Sabisch gehören homophobe Äußerungen auch heute zur Fankultur dazu.

Tatjana Eggeling sieht es ähnlich: „Im Grunde müssten die Vereine viel Geld in die Hände nehmen und die Strukturen von unten aufrollen. Angefangen beim Jugendverein, wo daran gearbeitet werden müsste, dass die sexuelle Orientierung keine Rolle spielt und es völlig in Ordnung ist, schwul oder lesbisch zu sein" Diskriminierende Sprüche wie "schwuler Pass" dürften nicht geduldet werden. "Dafür ist eine tiefgreifende Änderung des Klimas notwendig."

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