"Ultras sorgen für Stimmung"

INTERVIEW: Zwei Pädagogen arbeiten in Bielefeld für eine positive Fan-Kultur

Bielefeld. Die beiden Pädagogen Jörg Hansmeier (40) und Ole Wolff (41) leiten das Bielefelder Fanprojekt. Die NW-Redakteure Matthias Bungeroth und Hubertus Gärtner sprachen mit ihnen über aktuelle Stimmungen und Entwicklungen in der Szene. Auch das Thema Gewalt war nicht tabu.

Herr Wolff, Herr Hansmeier, der englische Literat Nick Hornby schreibt, Fußballteams seien sehr einfallsreich, wenn es darum gehe, ihren Fans Kummer zu bereiten. Herr Wolff, Herr Hansmeier, teilen Sie diese Einschätzung?
WOLFF:
Das liegt in der Natur der Sache. Wenn man in Bielefeld wohnt und dort die Bundesliga-Spiele besucht, kann man das leider besonders oft erleben.

Auf der anderen Seite wird kolportiert, Fußballfans seien beschränkt. Nicht alle, aber viele . . .
WOLFF:
Das stimmt überhaupt nicht. Wenn man sich die Fan-Entwicklung der letzten Jahre anschaut, dann muss man sagen, dass die Kreativität der Fans mit Sicherheit zugenommen hat.

Ihr Projekt existiert seit fast zwölf Jahren. Es soll eine positive Fan-Kultur entwickeln. Sind Sie vorangekommen?
HANSMEIER:
Eindeutig ja. Natürlich müssen wir an dem Thema weiter arbeiten. In Bielefeld haben wir aber schon eine sehr positive Fan-Kultur erreicht. Es gibt ein großes Netzwerk an Organisationen, die sich um die Fans kümmern.

Wie viele Fans betreuen Sie?
HANSMEIER:
In der Hauptsache kümmern wir uns um die Aktivenszene. In Bielefeld sind das gut 200 Personen. Sie leben nur für den Fußball. Weil Arminia Bielefeld schon im vierten Jahr ununterbrochen in der 1. Bundesliga spielt, ist die Anziehungskraft des Klubs gestiegen. Wir sehen immer neue Gesichter.
WOLFF: Im Gegensatz zu den älteren haben viele junge Arminen-Fans noch nie einen Abstieg erlebt. Sie haben noch nicht gelernt, mit wirklich negativen Ereignissen umzugehen. In der aktuellen Situation, die sportlich prekär ist, erklärt das vielleicht den einen oder anderen Wutausbruch.

Wer über Fußballfans redet, der wird auch schnell mit der Diskussion über Gewalt konfrontiert. Die Zahl der gewaltbereiten Fans in den Bundes- und Regionalligen beträgt annähernd 12.000. Sie ist in den letzten Jahren in etwa konstant geblieben. Können Sie das so hinnehmen?
WOLFF:
Als 1992 das Nationale Konzept für Sport und Sicherheit geschrieben wurde, auf das sich unser Fanprojekt heute noch in seiner Arbeit bezieht, war das Gewaltniveau mit Sicherheit viel höher. Es gab viel mehr Körperverletzungen. Die Gewalt heute ist anders. Es geht mehr um Sachbeschädigung oder das weite Feld des Landfriedensbruches, in anderen Städten auch um illegales Abbrennen von Feuerwerkskörpern.
HANSMEIER: Bei Veranstaltungen mit der Dimension eines Bundesligaspiels bleibt es nicht aus,dass es manchmal zu Reibereien zwischen Menschen innerhalb und außerhalb der Stadien kommt. Das gilt erst recht, wenn Alkohol im Spiel ist. Echte Fan-Gewalt - zum Beispiel Massenschlägereien - kommt in einem Bundesligastadion heute eher selten vor. Das liegt zum einen an der Überwachung, zum anderen aber auch daran, dass sich die gegnerischen Fans kaum noch über den Weg laufen.

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