Middendorp bleibt sich treu

Trainer sieht trotz Spielerkritik keine Alternative zum Umbruch

VON TORSTEN ZIEGLER

Bielefeld. Das sieht nach lockerer Arminen-Arbeit in drei Gruppen aus. Links mit einem Spielchen, das Kinder als "Schweinchen in der Mitte" bezeichnen, daneben vier Profis beim Fußball-Tennis, rechts fleißiges Flankenschlagen auf Stürmer ohne Gegenspieler. Cheftrainer Ernst Middendorp nimmt in der "dritten Einheit innerhalb von 36 Stunden die Belastung zurück", nachdem er "am Mittwoch ganz bewusst eine gewisse Müdigkeit" hergestellt hatte. Die Mischung aus Regenerations- und Spaßtraining soll aber nicht nur schmerzenden Beinen gut tun. "Das kann ein bisschen die Spannung lösen, die ja doch da ist", sagt Middendorp und gibt von Donnerstagmittag bis zur nächsten Einheit, heute, 17 Uhr, frei.

Am Morgen noch hatte ein Interview von Petr Gabriel die vorhandene Unruhe geschürt. Der seit Wochen wegen eines Mittelfußbruchs ausfallende 34-Jährige warf Ernst Middendorp im kicker vor, auf die falschen Führungsspieler zu setzen. "Es sind neue Leute, die der Trainer als Führungsspieler sehen will - aber ich sehe sie nicht", sagte der Tscheche. Von seinem Trainer fühlt er sich von Beginn an "als Leader" aussortiert. Jetzt gebe es außer Mathias Hain, Rüdiger Kauf und Jörg Böhme "keine Leute, die die Mannschaft zusammenhalten". Das habe Middendorp "schlecht eingeschätzt".

Mit dieser Kritik aus dem Off - Gabriel wird in zwei Wochen aus der Reha entlassen - ging der Trainer gelassen um. Er werde normal mit dem Spieler weiterarbeiten, versprach Middendorp. Gabriel habe "ja so viel Unwahrheiten gar nicht gesagt". Für die Unzufriedenheit des Verteidigers äußerte er sogar Verständnis: "Das ist normal. Wir stecken in einem Umbruch, der unvermeidbar ist und sicher noch ein, zwei Jahre braucht. Wir hatten bei meinem ersten Spiel in Aachen einen Altersdurchschnitt von ungefähr 32. Sorry, aber das hatte keine Perspektive."

Natürlich gebe es sieben, acht Spieler, die in den vergangenen Jahren "Hervorragendes" für den Klub geleistet haben. "Denen zolle ich absoluten Respekt. Aber zu der Verjüngung gibt es trotzdem keine Alternative. Das durchzuziehen, dafür bin ich verpflichtet worden, und ich mache das mit voller Überzeugung und Konsequenz."

Dass seine Arbeit in der Tabelle aktuell nicht belohnt wird, ist vor dem Kellerduell am Sonntag (17 Uhr) gegen Nürnberg der jobgefährdende Aspekt des Umbruchs. Vereins- und Geschäftsführung scheuen sich vor einem Ultimatum (Reinhard Saftig: "Das gibt es nicht!"), verharren aber in einer abwartenden Haltung. Auch wenn bei einem Krisengespräch am Montag "alles offen gesagt wurde" (Middendorp), scheint längst nicht alles bereinigt.

Der im Jahr des großen Vereinsjubiläums 2005 von den Fans zum Jahrhunderttrainer Gewählte wirkt darüber irritiert: "Wir haben bei meiner Vertragsverlängerung im Mai hier gemeinsam einen Pflock aus Beton eingeschlagen, der steht drei Meter tief in der Erde. Ich kann nicht glauben, dass der nach so kurzer Zeit wackelt. Man kennt mich und meine Arbeitsweise hier seit fast zwanzig Jahren. Es gibt also nichts Überraschendes. Und dass ein Umbruch nicht wie Licht anknipsen funktioniert, weiß auch jeder."

Etwas Positives gewinnt Middendorp den Diskussionen um seine Person jedoch ab. "Ich find’s o.k., dass aufmich eingehämmert wird und nicht auf die Spieler. Die nervliche Belastung für die Jungs ist schon groß genug."

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