Mein Haus, mein Chauffeur, meine Mannschaft

FUSSBALL: Ex-Arminen-Trainer Middendorp erlebt im Iran fast paradiesische Zustände

Tabris (nw). Es klingt ziemlich abenteuerlich. Tabris liegt in der Region Ost-Aserbaidschan, zwischen der Türkei und dem Kaspischen Meer. In die Hauptstadt Teheran sind es knapp 600 Kilometer, oder umgerechnet 20 Stunden mit dem Auto. Der örtliche Fußball-Klub ist nur Zweitligist. Und trotzdem behauptet Ernst Middendorp, einst Trainer von Arminia Bielefeld in der Bundesliga: "Ein Abenteuer ist das hier nicht."

Wie um alles in der Welt landet ein deutscher Trainer im Iran, noch dazu in Tabris? "Kontakte", sagt Middendorp. Kontakte, die er aufgebaut hat in seiner Zeit in Bielefeld (1995-1998). Damals, genauer 1997, holte er die ersten Iraner in die Bundesliga: Ali Daei und Karim Bagheri. "Seitdem", erzählt Middendorp, "wird die Bundesliga im Iran mit viel Interesse verfolgt". Ein halbes Jahr lang hatte Traktorsasi Tabris um ihn gebuhlt, nach einem Kurztrip Anfang Juli sagte er zu, für zwei Jahre.
"Das war damals unglaublich imponierend", sagt der 45-Jährige, und das sei es heute noch.

Entwicklungsland? Mitnichten. Hinter dem Klub in Tabris steht ein Unternehmen mit 11.000 Angestellten, Traktorsasi eben, das Traktoren und Kleinlaster baut. Die Stadt selbst ist nicht gerade ein Dorf: drei Millionen Einwohner, mit Vororten.
Geld scheint keine Rolle zu spielen bei Traktorsasi. Der Klub, vor 38 Jahren gegründet, landesweit beliebt, aber 2002 abgestiegen in die zweite Liga, verfügt über ein luxuriöses und äußerst modernes Trainingsgelände. Am Stadtrand wird zudem eine neue Arena errichtet, für 70.000 Zuschauer.

Auch Middendorp selbst hat es gut getroffen. Im September 2003 war er beim Regionalligisten FC Augsburg rausgeflogen, nun genießt er fast schon paradiesische Zustände. Auf dem Firmengelände bewohnt er ein schickes Haus. In Schuss hält es ein Angestellter, mit dem sich der deutsche Trainer in der Landessprache Farsi übt. Autofahren muss er nicht, er wird chauffiert. "Aber das ist normal hier", sagt Middendorp, "so werden Arbeitsplätze geschaffen."

Einzige Gegenleistung, die der Deutsche erbringen muss: Rang eins oder zwei und damit Aufstieg in die erste Liga (14 Klubs). Und da gibt es kein Vertun im Iran: "Auf Gedeih und Verderb muss Erfolg her", erklärt Middendorp. Drei Spiele, zwei davon auswärts, fünf Punkte - so seine Bilanz. "Ich bin sehr zufrieden", sagt er. Die Qualität seiner Mannschaft sei sehr gut, versichert Middendorp. Die Kommunikation verläuft noch etwas umständlich. Ein paar Brocken Farsi beherrscht der Trainer, der Teammanager und der Co-Trainer sprechen beide Englisch, sie leisten Übersetzungshilfe. 18 Neue hat Middendorp zu integrieren, darunter einige bisherige Erstligaspieler, die auf deutschem Zweitliga-Niveau entlohnt werden, "plus Schmerzensgeld" - für den Umzug nach Tabris.

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