Der Arminia-Stand auf dem Leinewebermarkt und mitten im Regen. - © FOTO: SARAH JONEK
Der Arminia-Stand auf dem Leinewebermarkt und mitten im Regen. | © FOTO: SARAH JONEK

BIELEFELD Arminia-Gefühl: "Jetzt erst recht"

Politische Abrechnung nach "peinlicher" Ratssitzung

VON ANSGAR MÖNTER

Bielefeld. Die Arminia-Rettungsversuche – neben Lenas Sieg in Oslo – Top-Thema in Bielefeld am Wochenende. Ohne Pause diskutierten Leinewebermarkt-Besucher am Arminia-Stand gestern und Samstag. Vor allem die Rolle der Stadt wurde analysiert. Der Rat hatte am Freitag entschieden, 500.000 Euro Kredit für den von der Insolvenz bedrohten Verein zu bewilligen. Bei den Fans löste das vor allem Kopfschütteln aus. Am Arminia-Stand herrschte dennoch ein verhaltener Optimismus.

Auch der Fanartikel-Umsatz war verheißungsvoll: Kappen, Kissen, Tassen und Hundenapf in Schwarz-Weiß-Blau wurden gekauft wie immer. Das Motto nach den turbulenten vergangenen Tagen lautete: Jetzt erst recht. Anderseits: Auch Kritiker meldeten sich zu Wort bei den Helfern am Stand. Sie prangerten das Missmanagement an und hielten jede städtische Hilfe für falsch.

Die geteilte Meinung im Volk spiegelt sich nach wie vor in der Politik wider. Jetzt, zwei Tage nach der 500.000-Euro-Hilfe-Entscheidung im Stadtrat, kommt vor allem Kritik an der Vorbereitung der Sitzung hoch.

"Dilettantisch" sagt Rainer Lux, Fraktions-Chef der CDU, sei sie gewesen. "Und zwar von beiden Seiten: Oberbürgermeister und Arminia." Auch für FDP-Chef Thomas Seidenberg war die Verwaltungsvorlage "unzureichend". Er moniert Richtung SPD: "Man hätte sich im Vorfeld mit uns stärker in Verbindung setzen müssen." Es sei zudem unglücklich gewesen, dass sowohl Kämmerer als auch Oberbürgermeister in der entscheidenden, sowieso knappen Zeit wegen Urlaubs nicht ansprechbar gewesen seien. "Verkorkst" nennt Seidenberg das.

Schlechtes Management im Vorfeld ist für Inge Schulze von den Grünen ebenfalls der Hauptgrund dafür, dass die Ratssitzung zur Arminia-Rettung derart kurios verlief. "Ich bedaure die Art und Weise", sagt sie. Teilweise sei es "peinlich" gewesen, wie "taktische Spielchen" die Diskussion beherrschten. Die Ampel-Koalition sieht Schulze wegen der Differenzen zwischen Grünen und FDP einerseits und SPD andererseits aber nicht gefährdet.

Für Georg Fortmeier, Fraktions-Chef der SPD, wurde ein "lächerlicher Beschluss" gefasst. "Man hätte mindestens der 1,85 Millionen-Euro-Hilfe, die zuletzt im Raum stand, zustimmen müssen", sagt er. "Das wäre das richtige Signal gewesen. Für ihn ist klar: Die Stadt hätte mit im Boot sein müssen – zum eigenen Vorteil. Die Kritik aus den anderen Parteien hält er für vorgeschoben: "Sie soll eine sowieso beschlossene ablehnende Haltung jetzt rechtfertigen."

Dass die Arminia-Verantwortlichen nun versuchen, ganz ohne Hilfe der Stadt die Rettung zu schaffen, verbuchen alle politische Parteien auf ihrer Habenseite. Die einen sehen sich bestätigt, weil sie das von Anfang an gefordert hätten; die anderen interpretiert daraus eine logische Reaktion, weil die Gegenseite aus ihrer Sicht wirkliche Hilfe verweigerte, aber zugleich über den Vereinspräsidenten mitbestimmen wollte. Das "Jetzt-erst-recht-Gefühl" – vielleicht ist es das, was jetzt die nötige Kräfte tatsächlich freisetzt.

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