"Allenfalls viert- oder fünftklassig"

Arminias Ex-Trainer und Afrikakenner Middendorp verweist auf den Unterschied zwischen FIFA und CAF

VON RAINER KLUSMEYER
"Afrika-Cup ist viert- oder fünftklassig" - © FUSSBALL
"Afrika-Cup ist viert- oder fünftklassig" | © FUSSBALL

Maritzburg/Bielefeld. Der hinterhältige Anschlag auf die Nationalmannschaft von Togo, der drei Begleitern der Profis das Leben kostete, beschäftigt kaum ein Land mehr als Südafrika. "Eine sehr gefährliche Generalisierung" nennt Kirsten Nematandani, Fußball-Präsident des WM-Gastgebers, die weltweite Tendenz, Südafrika mit Angola in einen Topf zu werfen. Eine Meinung, der sich Ernst Middendorp anschließt.

"Sorry, ich bitte Sie", sagt der frühere Jahrhundert-Trainer des DSC Arminia, der mehrfach auf dem schwarzen Kontinent gearbeitet hat und derzeit seit ein paar Wochen den südafrikanischen Erstligisten Maritzburg United trainiert: "Die WM 2010 wird von der FIFA gemanagt - die spielt organisatorisch in der Bundesliga und der Champions League. Für den Afrika-Cup ist der kontinentale Verband CAF zuständig - und der ist allenfalls viert- oder fünftklassig."

Power-Ernst weiß, wovon er spricht. Mit den ghanaischen Topvereinen Kumasi Asante Kotoko und Hearts of Oak, seinen ersten beiden Stationen in Afrika, hat der Globetrotter ins Sachen Fußball diverse Erfahrungen mit vom CAF verantworteten Veranstaltungen gemacht. "Wir haben das Abschlusstraining vor einem Champions-League-Spiel in Senegals Hauptstadt Dakar nach zehn Minuten abbrechen müssen, weil unsere Spieler mit Steinen beworfen sind", schildert Middendorp einen von vielen bleibenden Eindrücken. Hotelunterkünfte, die nur für die kickenden Gäste als Behelf kurzzeitig geöffnet wurden.

Ex-Armine Ernst Middendorp im Jahr 2005 bei einer Pressekonferenz mit Kaizer Motaung, dem Präsidenten des südafrikanischen Spitzenklubs Kaizer Chiefs Johannesburg. - © FOTO: DPA
Ex-Armine Ernst Middendorp im Jahr 2005 bei einer Pressekonferenz mit Kaizer Motaung, dem Präsidenten des südafrikanischen Spitzenklubs Kaizer Chiefs Johannesburg. | © FOTO: DPA

Schiedsrichter, bei deren Beteiligung der Spielausgang vorhersehbar war - "vom Niveau war das alles bei weitem nicht mit Veranstaltungen in Europa zu vergleichen", meint der Trainer, der auch das Land des aktuellen Afrika-Cup-Ausrichters Angola bereist hat.

Regeln der Sicherheit verletzt

Anfang 2001 war das, Middendorps Team Asante Kotoko setzte sich in der ersten Runde des afrikanischen Cups der Pokalsieger gegen Atletico Sonangol durch - "kurz nachdem der 25-jährige Bürgerkrieg in Angola offiziell für beendet erklärt worden war". Jeder Afrikaner, so Middendorp, sollte aber wissen, dass "sich die rebellischen Aktivitäten im Grenzgebiet zum Kongo bis heute gehalten haben". Für ihn ist es deshalb zu einfach, die Schuld für den Rebellen-Angriff auf die Nationalmannschaft Togos allein dem Gastgeberland Angola in die Schuhe zu schieben. Middendorp: "Da hat auch Togo für mich unbegreiflich aufs Übelste gegen elementare Regeln der Sicherheit verstoßen."

Ein solch unglückliches Zusammenspiel von Versäumnissen wie jetzt beim Afrika-Cup von Ausrichter CAF, Gastgeber Angola und Teilnehmerland Togo hält der 51-jährige Ex-Bielefelder im Juni undJuli beim Weltturnier in seiner zweiten Heimat Südafrika für wenig wahrscheinlich. "Also, da wird es keine Mannschaft geben, die ein Trainingslager in Botswana oder Zimbabwe abhält und meint: Okay, fahren wir mal eben mit dem Bus zu unseren WM-Spielen nach Südafrika", ist Middendorp überzeugt. Zudem sorge die FIFA dafür, dass Sicherheits-Unternehmen aus Deutschland oder England für ausreichenden Schutz garantieren. Nein, die allgemeine Befürchtung, bei der WM könnten sich ähnlich schreckliche Ereignisse abspielen wie im Grenzgebiet zwischen Kongo und Angola, vermag Middendorp nicht zu teilen. Vorausgesetzt, jeder Gast befolge die Hinweise zur persönlichen Sicherheit.

"Südafrika ist etwas anderes als Angola"

Etwas anders sehen die Lage einige Wortführer des deutschen Fußballs. "Wir können es nicht bei dem Satz bewenden lassen: Südafrika ist etwas anderes als Angola", sagte Ligapräsident Reinhard Rauball beim Neujahrsempfang der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Frankfurt und verwies darauf, dass im November 2007 während des Confederations-Cups in Durban der frühere österreichische Profi Peter Burgstaller ermordet worden war. Rauball weiter: "Wir müssen uns Gedanken machen, wenn Spieler jetzt schon ihren Familien-Angehörigen davon abraten, nach Südafrika zu reisen." Auch DFB-Chef Theo Zwanziger empfindet die weltweiten Reaktionen "nicht als Panikmache" und warnt davor, "die Situation zu verharmlosen". Und was sagt der Kaiser? "Ich bin sicher, in Südafrika, der führenden Wirtschaftsnation des Kontinents, wird nichts derartiges passieren wie in Angola", meint Franz Beckenbauer.

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