Das Bild einer NW-Leserin, die im Zug war, zeigt vermummte Gestalten, die sich in Höhe des Bahnhofs Wattenscheid dem Regionalzug nähern, in dem offenbar Arminia-Fans die Notbremse zogen. - © Elke Westerhold
Das Bild einer NW-Leserin, die im Zug war, zeigt vermummte Gestalten, die sich in Höhe des Bahnhofs Wattenscheid dem Regionalzug nähern, in dem offenbar Arminia-Fans die Notbremse zogen. | © Elke Westerhold

Bielefeld/Bochum Haben sich die gewaltbereiten Fanlager in Wattenscheid verabredet?

Jens Reichenbach
Leandra Kubiak

Bielefeld. Nachdem am Samstagvormittag ein Regionalexpress mit Arminia-Fans in Bochum-Wattenscheid von etwa 80 vermummten Personen attackiert wurde, sind weiterhin einige Details der Tat unklar. Nach Angaben von Volker Stall, Sprecher der Bundespolizei in Dortmund, gehen die Ermittler weiterhin von 80 Angreifern aus. Augenzeugen sprachen von deutlich weniger Vermummten. Ob diese - wie mehrfach vermutet - tatsächlich Ultras des VfL Bochum waren oder ob genau das fingiert werden sollte, ist derzeit Teil der Ermittlungen, sagt Stall. Dem Polizeisprecher zufolge wurden bei der Attacke auf den Zug mehrere Fenster beschädigt, einige splitterten, außerdem wurden Zugtüren durch Tritte verbogen. "Was da passiert ist, war für die Fahrgäste schon eine ziemliche Bedrohung", betonte Stall. Die Schadenssumme dürfte vierstellig sein. Vermummungsverbot und Landfriedensbruch Wie ein Sprecher der Deutschen Bahn auf Anfrage von nw.de mitteilte, wird die Bahn Strafanzeige erstatten, sobald dem Unternehmen ein umfassender Bericht der Bundespolizei zu den Ereignissen vorliegt. Eine konkrete Schadenssumme könne erst nach der Reparatur durch die Deutsche Bahn genannt werden. Der Zug musste am Samstag nicht aus dem Verkehr gezogen werden, sondern konnte seine Fahrt Richtung Köln/Bonn fortsetzen. Der geplante Ausstieg in Wattenscheid fiel allerdings aufgrund des Angriffs aus. Der Sprecher der Bundespolizei geht mindestens vom Tatvorwurf der Sachbeschädigung aus, wegen der Vermummungen seien auch Verstöße gegen das Versammlungsgesetz denkbar. Ob man den Tätern auch Landfriedensbruch vorwerfen kann, wird am Ende die Staatsanwaltschaft entscheiden, so Stall. "Irgendwoher müssen die gewusst haben, in welchem Zug die Bielefelder sind" Das Bielefelder Fan-Projekt und Arminia Bielefeld selbst haben bisher keine Einschätzung zu dem Vorfall abgegeben. Der Verein sei auf die Erkenntnisse der polizeilichen Ermittlungen angewiesen und wolle sich daher zunächst nicht äußern, sagte der DSC-Fanbeauftragte Thomas Brinkmeier auf Anfrage. Auch der VfL Bochum äußerte sich bisher nicht zu dem Vorfall. Laut Bundespolizei saßen in dem angegriffenen Regionalexpress rund 780 Arminia-Fans. Zunächst hatte die Polizei eine deutlich niedrigere Zahl genannt. Darunter waren auch 140 Problemfans der Bielefelder Fanszene, sagte Stall. Einer der aktuellen Ermittlungsansätze sei, dass sich die gewaltbereiten Lager der beiden verfeindeten Gruppen möglicherweise zu einer Auseinandersetzung in Wattenscheid verabredet haben. "Irgendwoher müssen die ja gewusst haben, in welchem Zug die Bielefeld-Fans unterwegs sind", gibt die Polizei zu bedenken. Gegen diese These spricht die offene Ankündigung der größten Arminia-Ultragruppe im Internet, mit welchem Zug man gedenke nach Duisburg zu fahren. Trotzdem hatten Bielefelder Fans nach der Attacke im Bahnhof Bochum-Wattenscheid, der übrigens nicht videoüberwacht wird, die Notbremse gezogen, um die Konfrontation  zu suchen, sagte Stall. "Das Ziehen der Notbremse macht sonst keinen Sinn." Zu viel los an Karneval: Kein Sonderzug Dass die Zuginsassen mit einem großen Schreck davonkamen, hätten sie dem besonnenen Zugfahrer zu verdanken. Neben den Arminia-Fans saßen auch zahlreiche Fahrgäste, die nicht zum Fußball wollten, in dem Zug (Familien und Kinder). "Er hatte aktiv verhindert, dass die Zugtürentriegelung ausgelöst wurde", so Stall. Um die Notbremsung zu umgehen, musste er zudem mehrere Handgriffe tätigen. "Deshalb blieb der Regionalexpress kurz stehen, bevor es endlich weiterging." Laut Stall waren Verriegelung und Weiterfahrt die einzig richtige Reaktion auf die Attacke. Als die alarmierte Polizei am Bahnhof eintraf, waren die Vermummten längst wieder verschwunden. Dass es sich bei dem betroffenen Zug am Samstag um einen regulären Regionalexpress handelte, und nicht um einen ein Sonderzug des Vereins, der nicht in Wattenscheid gehalten hätte, habe am Großaufkommen in der Karnevalszeit gelegen, so der Sprecher der Bundespolizei. Schwierige Ermittlungen für szenekundige Beamte Laut des DSC-Fanbeauftragten Brinkmeier sei das Streckennetz am Wochenende bereits ausgelastet gewesen. Der Verein hatte den Fans allerdings auf seiner Internetseite geraten, die Anreise um 9.59 Uhr (RE 10614) ab Bielefeld Hauptbahnhof anzutreten - also eine Stunde später. In diesem späteren Zug sollen letztlich erheblich weniger Fans gesessen haben, als in der Verbindung, die um 8.59 Uhr in Bielefeld abgefahren war. Die Ermittlungen der Polizei gestalten sich derweil schwierig. Zwei szenekundige Beamte (SKB) der Bundespolizei, die vorne in der Lok saßen, als es zu der Attacke kam, haben die Ermittlungen in dem Fall übernommen. Sie seien allerdings Experten für Bielefelder Fans, erklärt Stall. Die wenigen vorhandenen Videoaufnahmen liegen daher auch SKB der Bochumer Polizei vor.

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