Einsatz: "Doc" Günter Neundorf behandelt DSC-Spieler Christoph Hemlein nach einem Foul jüngst beim Nürnberg-Spiel. Mit dabei ist auch Physiotherapeut Michael Schweika (rot). - © Wolfgang Rudolf
Einsatz: "Doc" Günter Neundorf behandelt DSC-Spieler Christoph Hemlein nach einem Foul jüngst beim Nürnberg-Spiel. Mit dabei ist auch Physiotherapeut Michael Schweika (rot). | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Arminias Kult-Arzt bleibt am Ball

70. Geburtstag: Seit der Saison 1986/87 begleitet Günter Neundorf den DSC. Der "Doc" hat alles miterlebt: Aufstieg, Abstieg, Armbruch, Middendorp. Ans Aufhören denkt er nicht

Dennis Rother

Bielefeld. Hermann Rieger kennt jeder Fußball-Fan. In 26 Jahren Amtszeit wurde der Physiotherapeut beim Hamburger SV zur Ikone am Spielfeldrand. 26 Jahre toppt Arminias Mannschaftsarzt Günter Neundorf sogar. Der "Doc", wie ihn alle nennen, hat sich seit seinem Start im Jahr 1986 zur Kultfigur entwickelt. Jahrzehnte war er bei allen Partien und Trainingslagern dabei - als Mediziner und Fan in Personalunion. Jetzt feierte Neundorf seinen 70. Geburtstag. Aus gesundheitlichen Gründen tritt er mittlerweile kürzer. Ein bisschen. "Dienst nach Vorschrift geht in diesem Leidenschafts-Job aber nicht." In der Tat: Amtsmüde wirkt Neundorf nicht. Und wie 70 sowieso nicht. Geht's um den DSC, glänzen die Augen, der "Doc" redet schnell und energisch, er sprudelt über. In den 70ern und 80ern habe er die ersten Kicker kennengelernt, in Kneipen, später als Patienten in der eigenen Praxis. 1987 dann das erste Spiel am Seitenrand, ein Remis gegen Wattenscheid. Seitdem ist Neundorf Stammgast. Sehnenrisse habe er schon so einige diagnostizieren müssen, Kreuzbandrisse ebenso. "Die schlimmsten Verletzungen auf dem Feld waren Silvio Meißners Verrenkungsbruch Ende der 90er und Oliver Kirchs Armbruch 2008." Die Professionalisierung des Fußballs habe sich seit den 80ern auch auf den Medizinbereich ausgewirkt. Es werde viel mehr gefordert. "Wer früher einen dicken Knöchel hatte, bekam Kompressen. Heute geht's 25 Mal in den Kernspintomographen", überspitzt Neundorf. Routine gebe es bei keiner Behandlung - und Routine kenne er auch nicht als Fan. "Vor jedem Anstoß kribbelt's noch." Profifußballer würden merken, wer tatsächlich mitfiebert und wer nur seinen Job erledigt. Neundorf ist Fan von authentischen, echten Typen. Und wer authentisch ist, bei dem dockt der "Doc" schnell an. Persönlich prägend sei etwa Ernst Middendorp gewesen. "Ich kennen keinen, der so brennt wie er", sagt Neundorf. Nachts um 3 Uhr hat Middendorp den "Doc" etwa rausgeklingelt, um per Auto kurzfristig nach Holland zu fahren und Spieler zu beobachten. "Akribischer Arbeitseifer", sagt Neundorf kopfschüttelnd und tiefbeeindruckt zugleich. Wichniarek, Kamper, Hain und Co.: "Das war die geilste Truppe" Die "geilste Truppe", die er je unter seinen Fittichen hatte, sei vermutlich die Riege um Matthias Hain, Artur Wichniarek und Jonas Kamper in den Jahren ab 2006 in der Bundesliga gewesen. "Engagiert, bodenständig, mannschaftlich geschlossen." Hain war auch beim für Neundorf emotionalsten Spiel dabei: 2005 machte der DSC im Abstiegskampf in Nürnberg aus einem 1:2-Rückstand in den Schlussminuten noch ein 3:2. 2015 kam für Neundorf ein Einschnitt. Der "Doc" erlitt eine Herzattacke. "Drei Monate war ich komplett raus." Jetzt horche er mehr in sich rein, Auswärtstrips suche er sich bewusster aus. Alles laufe in Absprache mit Teamarzt-Kollege Andreas Elsner. So richtig bremsen kann sich der "Doc" aber nicht. "Bei drei von vier Auswärtsspielen war ich in der laufenden Saison dabei", sagt er und grinst schelmisch. Darunter war Nürnberg, klar, wegen der guten Erinnerungen. Wieder gab's einen Sieg. Wieder glänzen die Augen. Neundorf bleibt auch wegen Coach Jeff Saibene am Ball. "Die derzeitige Arminia-Elf ist wie die Truppe um Hain echt stark, es macht Riesenspaß." Rente? "Nein, danke", sagt Neundorf und lacht. Der "Doc" bleibt Doc.

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