Gestenreich: Arminias Geschäftsführer Gerrit Meinke erläutert die Zukunftsperspektiven des Vereins. - © Wolfgang Rudolf
Gestenreich: Arminias Geschäftsführer Gerrit Meinke erläutert die Zukunftsperspektiven des Vereins. | © Wolfgang Rudolf

Arminia Arminias Geschäftsführer Gerrit Meinke: "Spielertypen wie mich gibt’s nicht mehr"

Meinke wird heute 50 Jahre alt und spricht über vergangene Zeiten sowie über die Neustrukturierung der Führungsebene des Fußball-Zweitligisten

Jörg Fritz
Peter Burkamp

Herr Meinke, wie feiern Sie heute Ihren 50. Geburtstag? Gerrit Meinke: Ich bin im Dienst und feiere privat am Wochenende. Die Dienstreise am Sonntag nach Darmstadt fällt aus. 50 ist ein guter Anlass, um zurückzublicken, aber auch nach vorn zu schauen. Gerrit Meinke: Ich ertappe mich selber dabei, mir seit geraumer Zeit Gedanken über früher zu machen. Bis heute habe ich immer mit Fußball zu tun gehabt. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Das ist überragend für mich. Was ist Ihr Wunschziel für die kommenden Jahre? Gerrit Meinke: Ich würde gern Geschäftsführer des Bundesligisten Arminia Bielefeld sein. Das ist eine Vision, an der wir arbeiten. Hätten Sie einen Wunsch zum Geburtstag frei, würden Sie die Schulden wegwünschen oder lieber in die 1. Liga aufsteigen? Gerrit Meinke: Ich würde den sportlichen Aspekt in den Vordergrund stellen, denn das würde uns natürlich auch finanziell enorm helfen. Vor knapp 30 Jahren spielten Sie für Arminia. Ist das Fußballerleben heute besser? Gerrit Meinke: Ich möchte die Zeit nicht missen. Mit meinem Spielstil hätte ich heute allerdings keine Chance mehr. Solche Spielertypen wie mich gibt es nicht mehr. Ich stand im Sechszehner und sollte die Bälle reinmachen. Alles gut. Jede Zeit hat ihren Fußball. Bleibt der Spaßfaktor heute für die Spieler aufgrund der Kommerzialisierung auf der Strecke? Gerrit Meinke: Früher konnten wir uns öffentlich schon freier bewegen und mal ein Bier trinken, ohne dass es am nächsten Tag in der Zeitung stand. Es ist jetzt so viel Geld im Fußballgeschäft vorhanden, das zumindest bei uns unter anderem von Sponsoren und Zuschauern stammt. Diese Gruppen haben ein Recht darauf, dass professionelles Verhalten gewährleistet ist. Spieler werden auch professionell bezahlt. Das ist für mich Marktwirtschaft. 222 Millionen Euro an Ablöse ist auch Marktwirtschaft. Das muss man nicht gutheißen. Ich sage aber immer, mehr Markt, weniger Staat. War der Trainerberuf nie ein Thema für Sie? Gerrit Meinke: Nach meinem Laufbahnende habe ich mich gedanklich damit beschäftigt. Als Trainer muss man aber seine Standorte häufig wechseln. Umzüge gehören jedoch nicht gerade zu meiner Lebensphilosophie. Ich habe mich schließlich dagegen entschieden und bin froh darüber. Sie sind im Fernsehen Zuflüsterer von ARD-Fußball-Kommentator Tom Bartels. Welchen Reiz hat dieser Job für Sie? Gerrit Meinke: Ich arbeite gern im Hintergrund mit Menschen, die mit dem Fußball zu tun haben. Ich erweitere dadurch auch mein Netzwerk im Fußball. Diese Kontakte kommen auch Arminia zugute. Es ist ein Ausgleich, und ich bin näher am Fußball. Beim DSC bin ich schwerpunktmäßig im kaufmännischen Bereich aktiv. Sind Sie 2018 bei der Weltmeisterschaft in Russland für die ARD aktiv? Gerrit Meinke: Das ist erstmal so geplant. Was danach kommt, weiß ich noch nicht. Es hängt viel davon ab, wie die Rechtevergabe sich entwickelt. Ab 1. Oktober sind Sie ausschließlich als Geschäftsführer für die Stadiongesellschaft tätig. Was bedeutet diese Veränderung für Sie und den Verein? Gerrit Meinke: Im Abstiegskampf war die Abwicklung des Tagesgeschäftes von zentraler Bedeutung. Planungen und Verfolgung von Zielen kamen zu kurz. Das kann nicht im Sinn von Arminia sein. Ich stehe komplett hinter dem Beschluss des Aufsichtsrats, mit der Einstellung von Markus Rejek einen zusätzlichen Geschäftsführer installiert zu haben. Rejek bringt auch eine gewisse Kernkompetenz mit, Vertrieb und Marketing sind seine Spezialgebiete. Ich komme eher von der Finanzseite her. Diese Neuorientierung war zwingend erforderlich. Welche Schwerpunkte haben Sie sich in Ihrem Bereich gesetzt? Gerrit Meinke: Zur Stadiongesellschaft gehört das Trainingsgelände. Da geht es auch um die Infrastruktur des NLZ. Die Container dürfen nach einer Verlängerung nur noch eineinhalb Jahre stehen. Wo bringe ich dann U 17, U 19 und U 23 unter? Idealerweise macht man etwas, wo alle Mannschaften untergebracht sind. Daran arbeiten wir und haben konkrete Konzeptionen. Und das Stadion? Gerrit Meinke: Da geht es in erster Linie um die Instandhaltung, von Modernisierung will ich gar nicht reden. Bei den regelmäßigen Wartungen taucht immer irgendetwas auf. Wie sieht es mit weiteren Wandlungen von Darlehen in Stadionanteile aus? Gerrit Meinke: Das ist auch ein wichtiges Thema der Stadiongesellschaft, da der überwiegende Teil der Schulden der Arminia-Gruppe bei ihr liegt. Unser Ziel ist es, weitere Wandlungen zu vollziehen. Gespräche sind geführt worden. Dieses Kernthema kann man nicht so nebenbei erledigen und ist ein Beispiel dafür, dass es einfach Sinn macht, einen weiteren Geschäftsführer zu installieren. Sind in Kürze weitere Wandlungen zu erwarten? Gerrit Meinke: In der Zeit, in der ich hier bin, sind die Schulden von 33 auf 22 Millionen heruntergegangen. Davon ist ein großer Teil gewandelt worden. Die Wandlung ist ein gutes Werkzeug, denn das Geld für die Gläubiger geht ja nicht verloren. Insofern ist es unser Bestreben, da voran zu kommen. Bis zur Jahreshauptversammlung werden wir aber wohl keine weiteren Wandlungen vermelden können. Waren Sie in die Geschäftsführerlösung involviert? Gerrit Meinke: Ich befand mich seit geraumer Zeit mit dem Aufsichtsrat zu diesem Thema in Gesprächen. Als wir die Lizenz bekamen, habe ich mal durchgeatmet und unser Gedanke war, dass es in dieser Konstellation auf Dauer nicht funktionieren wird im Sinne des Klubs. Da kam der Stein ins Rollen, und jetzt haben wir eine Lösung. Das ist eine strategische Entscheidung, eine Neustrukturierung der Geschäftsführung ist eminent wichtig für Arminia. Wie ist die aktuelle finanzielle Situation? Gerrit Meinke: Wirtschaftlich war die abgelaufene Saison kein Erfolg. Zum einen haben wir unsere Umsatzziele nicht erreicht. Zudem waren letztlich die Einnahmen im Pokal nicht ausreichend, um die Auswirkungen der holprigen Saison mit den Trainerwechseln zu kompensieren. Im Bereich des Sponsorings haben wir unsere Ziele deutlich verfehlt. Wir bekommen jetzt zwar mehr TV-Geld, die Auswirkungen der vergangenen Saison spüren wir jedoch bis in die laufende. Vielleicht haben wir da in einigen Bereichen zu ambitioniert geplant. Daraus haben wir unsere Schlüsse gezogen. Wir haben etwas weniger Geld für die Spieler, aber man sieht, welche Rolle ein Trainer spielt, denn so viel Fluktuation im Kader haben wir nicht. Insofern glaube ich, dass man mit dem Etat ganz gut arbeiten und seine Ziele erreichen kann. Der neue Mann, Markus Rejek gilt als Marketingfachmann. Erfolgt jetzt eine überregionale Sponsorenoffensive? MEINKE: Wir haben das mit unserer Vermarktungsagentur Lagardère Sports auch schon öfters diskutiert. Bei einem Verein wie Arminia, der schon einige Jahre erster Liga gespielt hat, kann man die Frage nach überregionalen Sponsoren ruhig mal stellen. Da habe ich da schon eine gewisse Erwartungshaltung an Markus Rejek, weil er sicherlich über entsprechende Kontakte verfügt und weil er aus dieser Kernkompetenz kommt. Steigt generell die Erwartungshaltung an alle drei Geschäftsführer, wenn sich jeder einzelne mehr um seinen Bereich kümmern kann? Gerrit Meinke: Klar steigen damit die Ansprüche an jeden einzelnen. Das stimmt. Aber dafür ist man doch auch Geschäftsführer, und diesen Anspruch lasse ich auch gerne an mich stellen. Wir wollen ja vorankommen. Auch wenn das Szenario 3. Liga aktuell sehr fern ist. Es kann schnell in Richtung Abstieg gehen, siehe das Beispiel Würzburg. Wäre Arminia in der 3. Liga überlebensfähig? Gerrit Meinke: Es ist schwer zu prognostizieren. Ich glaube, es hängt davon ab, wie man absteigt – siehe 2014 mit der dramatischen Relegation. Da hat gefühlt jeder in der Stadt gesagt, ,das können wir so nicht stehen lassen’, und wir hatten schnell eine Einigkeit, die Basis für Investitionen war. Wir sind nicht so aufgestellt, dass wir sagen: Wir steigen nicht mehr ab. Das kann immer passieren. Ist man dann ein zweites oder drittes Jahr in der 3. Liga, muss man deutlich abspecken. Es gilt ein Fundament dafür zu legen, um die Wahrscheinlichkeit signifikant zu reduzieren, dass wir noch mal dahin abrutschen.

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