Zu Gast in der SchücoArena: HSV-Chef Heribert Bruchhagen. - © Barbara Franke
Zu Gast in der SchücoArena: HSV-Chef Heribert Bruchhagen. | © Barbara Franke

Bielefeld Ex-Armine Heribert Bruchhagen spricht auf der Alm über König Fußball

"Moderner Städtekampf": HSV-Chef hält kurzweiligen Vortrag über die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung des Sports

Dennis Rother

Bielefeld. Er ist der bekannteste Fußballfunktionär aus Ostwestfalen: Heribert Bruchhagen. An alter Wirkungsstätte auf der Alm berichtete der 68-Jährige jetzt von der gesellschaftlichen Bedeutung von König Fußball. Der Vortrag war trotz Zahlenwust rund um Zuschauerschnitt und Spieleretats unterhaltsam, doch ernste Töne gab es auch. Und Bruchhagen erklärte launig, warum ihn die Heimat fit gemacht hat für den Spitzensport. In den Vip-Bereich der Schüco-Arena hatte die Volksbank Bielefeld-Gütersloh eingeladen. Bruchhagen zeichnete im Parforceritt durch Bundesligajahrzehnte die rasante wirtschaftliche Entwicklung nach: Noch in den 80ern gab es etwa kaum eine Million Euro an Fernsehgeld. Fußball war was für Puritaner, „im Stadion saßen ,Kicker‘-Leser", sagte Bruchhagen. Fußball war Nische. Wir-Gefühl und Kommerz Und heute? 1,2 Milliarden Euro zahle das Fernsehen den Klubs, mehr als zwei Millionen Euro Gehalt bekämen Spieler bei Bruchhagens HSV im Schnitt – und Bayerns Lizenzspieleretat liege gar bei 250 Millionen Euro. 30 von 80 Millionen Deutschen wüssten laut Erhebungen schon am frühen Samstagabend die Bundesliga-Ergebnisse – alles schwindelerregende Zahlen eines Dauerbooms. „Wir erleben modernen Städtekampf", so Bruchhagen. „Nur im Fußball gibt es noch Wir-Gefühl." Das Rieseninteresse wiederum sorge für enormen öffentlichen Erfolgsdruck und führe zu „wirtschaftlicher Unvernunft". Aber nicht überall. Bruchhagen ist bekannt für einen eher nüchternen, fast spröden Stil. Vollmundige Ankündigungen macht er kaum, er setzt ähnlich wie Arminia-Boss Hans-Jürgen Laufer, der beim Vortrag im Publikum saß, eher auf die sprichwörtliche ruhige Hand. Die alte Heimat habe ihn für spätere Aufgaben „gestählt", sagte Bruchhagen augenzwinkernd. Er könne sich aus seiner Amtszeit in Bielefeld und Gütersloh noch an manch „direkte Kritik" von der Tribüne erinnern. „Die Erwartungshaltung in der Region scheint immer höher, als es realistisch ist." Amateurvereine sind die Verlierer Ein Trend macht Bruchhagen Sorgen: Die Vormachtstellung von Großklubs. Die finanziellen Kraftprotze – zu denen zählt Bruchhagen regional auch den DSC – wirken für immer mehr Talente und Fans als Magneten. Amateurvereine seien die Verlierer. „Früher kamen bei Lokal-Derbys 600 Leute. Heute sind’s 50", so Bruchhagen. Der Rückgang ziehe sich vom Kreisklassen-Bolzplatz bis zur Oberliga. Dort würden auch immer weniger Rohdiamanten kicken: „Denn schon 15-Jährige wollen in Bundesliga-Nachwuchsleistungszentren."

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