Arminia-Trainer Jeff Saibene zu Besuch in der Redaktion. - © Wolfgang Rudolf
Arminia-Trainer Jeff Saibene zu Besuch in der Redaktion. | © Wolfgang Rudolf

Arminia Bielefeld Arminia-Trainer Jeff Saibene im XXL-Interview

Coach spricht über den Abstiegskampf mit Arminia, schwierige Personalentscheidungen und seine Person

Jörg Fritz
Peter Burkamp

Torsten Ziegler

Bielefeld. Mit seinem Start in Bielefeld darf Arminias neuer Trainer Jeff Saibene durchaus zufrieden sein. Mit sieben Punkten aus drei Spielen haben die Ostwestfalen ein Signal gesetzt. Beim Redaktionsbesuch der NW erklärte der 48 Jahre alte Luxemburger seine Spielphilosophie, verriet ein Geheimnis um ein Trikot von David Beckham und sprach auch über Fabian Klos, die Strategie, die zum Klassenerhalt führen soll und über eigene Fehler des Fußballlehrers. Herr Saibene, Ihr Einstieg bei Arminia ist mit sieben Punkten sehr erfolgreich gewesen. Wie haben Sie die Unsicherheit aus den Köpfen der Spieler bekommen? Jeff Saibene: Das Spiel gegen Kaiserslautern war sehr entscheidend. Dass die Jungs mit Vertrauen und einem Erfolgserlebnis in die neue Ära gegangen sind, hat vieles einfacher und den Spielern Mut gemacht. Wir haben viel auf dieses Spiel aufgebaut, so gesehen war der Einstieg einfacher. Warum hat die Mannschaft gegen Würzburg eine eher enttäuschende Leistung gebracht? Saibene: Im Nachhinein muss ich das auf meine Kappe nehmen. Ich hatte nicht den Mut, so aufzutreten, wie wir das in den letzten beiden Spielen gemacht haben. Das heißt, hoch pressen, den Gegner, sogar schon den Torwart, unter Druck setzen. Das haben wir in Würzburg noch nicht getan. Ich dachte, vielleicht geht alles ein bisschen zu schnell. Da wollte ich ein bisschen passiver spielen – im Nachhinein ein großer Fehler. Aber als Trainer kann man immer dazulernen. Wenn ich jetzt noch einmal anfangen würde, würde ich gleich offensiver und mutiger verteidigen. Das Spiel in Würzburg liegt mir immer noch ein bisschen auf dem Magen, da mir der Mut fehlte. Haben Sie das gegenüber der Mannschaft auch so offen thematisiert? Saibene: Nein, nicht so wie hier im Gespräch, aber mir war es bewusst. Drei Tage später haben wir viel offensiver verteidigt, viel höher angegriffen. Sind Sie ein Trainer, der seine Spieler mit einbezieht in seine strategischen Überlegungen? Saibene: Manchmal. Nicht immer. Vor dem Würzburg-Spiel nicht, da habe ich viele Einzelgespräche geführt. Sie haben den Torjäger und Kapitän Fabian Klos zuletzt zwei mal draußen gelassen. Warum? Saibene: Das hat mit der Spiel-Philosophie gegen Düsseldorf zu tun. Mit hohem Pressing und viel Laufbereitschaft den Gegner unter Druck setzen, lautete das Ziel. Da war meine Idee, mit zwei laufstarken Spielern anzufangen, den Gegner müde zu laufen und dann Klos die letzte halbe Stunde zu bringen, weil ich ihn mehr als torgefährlichen Strafraumspieler einschätze. Das ging dann auch auf. Ist Arminia mit zwei Spitzen, zuletzt Voglsammer und Yabo, schwerer auszurechnen. Die Spielweise von Klos ist seit Jahren bekannt? Saibene: Obwohl sie bekannt ist, hat er auch seit Jahren seine Tore geschossen. Klos hat eine große Qualität, aber wir haben mehr Optionen jetzt. Sören Brandy kommt auch noch dazu, und so kann ich in der Offensive, außer den fehlenden Chris Nöthe, aus dem Vollen schöpfen. Wie teilen Sie der Mannschaft und den Spielern ihre Aufstellung mit? Saibene: Ich habe Klos zwei Mal unter vier Augen erklärt, dass er nicht in der Startelf ist. Ich denke, das sollte so sein. Nicht mit allen Spielern, aber mit dem Kapitän und erfahrenen Spieler sollte es unter vier Augen ablaufen. Wie hat die Mannschaft auf den Wechsel im Angriff reagiert? Saibene: Einen Spieler wie Fabian Klos lässt man nicht so einfach auf der Bank. Ich habe mich damit beschäftigt. Es war mir aber klar, dass, wenn wir so spielen wollen, es im Moment sein muss. Immer mit dem Wissen, dass ich ihn in der Hinterhand habe. Wenn der Gegner weiß, dass Klos nach einer Stunde eingewechselt wird, bereitet denen das bestimmt keine Freude. Aber manchmal muss man Spieler draußen lassen oder auf die Tribüne schicken. Das ist der schwierige Teil meines Jobs. Wie treffen Sie Ihre Entscheidungen: Saibene: Ich bin ein Trainer, der viel grübelt und sich viel mit der Aufstellung und dem Training beschäftigt. Ich bin aber auch ein Teamplayer und stelle dem Trainerteam meine Ideen vor, die wir gemeinsam besprechen Florian Dick hat den größten Teil der Saison auf der Tribüne verbracht. Warum haben Sie ihn in die Startelf zurückgeholt? Saibene: Wir haben am Mittwoch nach meiner Ankunft in Wolfsburg gespielt. Als ich Flo gesehen habe, war für mich undenkbar, dass der nicht spielen sollte. Er war so überragend, so souverän, hatte so eine Ausstrahlung und Qualität in seinem Spiel. Ich kam ohne Vorurteile, so hat er bei Null angefangen, wie alle anderen auch. Er war von Anfang an top, im Training und im Testspiel. So einfach war das. Andere, wie Sebastian Schuppan, sind dagegen aktuell nicht mehr dabei. Saibene: Im ersten Spiel haben wir kurzfristig gewechselt, weil wir in Rückstand lagen, habe ich Florian Hartherz zurückgezogen, um mehr Offensivkraft zu haben. Schuppan ist ein routinierter, cleverer Spieler, der mehr die Position spielt. Hartherz ist eher der Typ, der die Läufe in die Tiefe macht. Das hat sich im Spiel in Würzburg so ergeben. Zuletzt war Schuppan nicht einmal mehr im Kader. Saibene: Wir haben Stephan Salger, der kann Innenverteidiger und links spielen. Ich habe Schuppi gesagt, dass ich nicht zwei solche Spielertypen auf der Bank brauche. Das sind dann Entscheidungen, die manchmal für die Spieler schwer verständlich sind und weh tun. Mit Ulm ist es dasselbe. Ich habe Yabo auf der Position und mit Klos einen weiteren Spieler auf der Bank. Da brauche ich dann keinen weiteren Spieler dieses Typs. Wie gehen Sie mit jungen Spielern um? Saibene: Ich setze tendenziell gern auf junge Spieler. Die wollen lernen, geben normalerweise immer Vollgas. Sie sind begeistert, dass sie spielen können. Wenn es geht, gebe ich jungen Spielern gern Spielpraxis. Beschreiben Sie bitte Ihre Fußball-Philosophie. Saibene: Meine Schlagworte sind Mut, hoch verteidigen, offensive Außenverteidiger, viel Präsenz im Strafraum sowie vier, fünf Leute im Abschluss zu haben. Ein guter Mix aus sehr organisiert, aufsässig und bissig aufzutreten, dazu in Ballbesitz aktiv zu sein und einen gepflegten offensiven Fußball zu spielen, ist meine Philosophie. Zuletzt gab es mehr Gelbe Karten für Ihr Team. Saibene: Das ist eher Zufall. Es war nie ein Thema, überhart in die Zweikämpfe zu gehen. Wir müssen aggressiv und aufsässig sein, um unsere Spielweise durchzuziehen. Aber weniger Gelb würde nicht schaden. Ich denke, dass die neue Ausrichtung der Mannschaft zugute kommt, weil wir auch viele laufstarke Typen haben. Ich glaube, das passt zu den Spielern. Ist das auch gegen Stuttgart das richtige Rezept? Saibene: Ich habe der Mannschaft gesagt, es muss unser Ziel sein, in vier, fünf Wochen, egal wie der Gegner heißt, unsere Spielidee umzusetzen. Jeder sollte merken, das ist die Spielphilosophie von Arminia Bielefeld, ob die Jungs nun auswärts oder zu Hause spielen, ist komplett egal. Das ganze Drumherum, ob Abstiegskampf oder Tabellensituation, müssen die Spieler ausblenden, um den Fokus nur auf den Platz zu richten. Das ist meine Aufgabe, wie ich der Mannschaft helfen kann. Wir werden immer unser Ding durchziehen, das ist mein Ziel. Welche Rolle können die Fans spielen? Saibene: Zuhause zu spielen, ist ein Plus, das müssen wir auch ausnutzen. Ich habe das Gefühl, wenn die Leute wie gegen Düsseldorf merken, da ist eine Mannschaft, die ist aggressiv und geht vorne drauf, dann springt der Funke über auf die Zuschauer. Haben Sie schon mal für sich ausgerechnet, wie viele Punkte der DSC für den Ligaerhalt braucht? Saibene: Nein, nächste Frage. Ihre Strategie klingt schlüssig, damit ist sie aber noch nicht in den Köpfen der Spieler. Saibene: Jeder muss genau wissen, da muss ich stehen, da ist mein Mitspieler, da ist der Ball. Über Videoanalyse kann man aufzeigen: das war gut oder darum hat das nicht funktioniert.. Das sind klare Prinzipien. Das heißt, acht von zehn Mal muss es so sein. Es ist wichtig, dass sich die Spieler mit diesen Grundsätzen befassen, dass sie wissen, was der Trainer verlangt. Da mache ich null Kompromisse. Wenn ein Spieler das nicht umsetzt, dann kommt der nächste. Das ist der Punkt, wo Sie widersprechen, wenn es heißt, Sie wären zu nett als Trainer. Saibene: So bin ich eigentlich ganz nett hier (lacht). Aber als Trainer geht es komplett gegen meine Prinzipien, wenn einer nicht das macht, was ich vorgebe. Damit meine ich nicht einen Fehlpass oder missglückten Abschluss. Mir geht es um grundsätzliche Dinge, die wir als Team brauchen, um Erfolg zu haben. Wer war für Sie als Trainer Vorbild und Lehrmeister? Saibene: Ich habe Ottmar Hitzfeld immer sehr bewundert. Bei den vielen Stars seiner Mannschaften war er ein Meister des Verwaltens in der Mannschaftsführung. Er ist mein großes Vorbild. Führung einer Mannschaft ist ein sehr interessantes Thema. Allein von der Spielphilosophie gefällt mir Rasenball Leipzig sehr gut. Sie spielen einen dynamischen und mutigen Fußball und verteidigen hoch. Es gibt derzeit viele junge Trainer, die im Gespräch sind. Fühlen Sie sich mit 48 Jahren nicht schon zu alt für das Geschäft? Saibene: Ich bin nicht mehr jung, aber auch nicht alt. Ich denke, im richtigen Alter zu sein. Während des Spiels wirken Sie oft in sich gekehrt und sind in Gedanken verloren. Saibene: Ich bin viel ruhiger geworden. Früher war ich gestresst. Ich hatte das Gefühl, dass diese Einstellung meiner Gesundheit schadet. Ich musste unbedingt ruhiger werden und mir Dinge weniger zu Herzen nehmen. Früher war ich 90 Minuten auf der Trainerbank unter Dampf. Jetzt bin ich innerlich entspannter geworden, aber es geht mir vor und nach den Spielen viel besser als früher. Haben die Schiedsrichter Sie früher oft auf die Tribüne geschickt? Saibene: Zweimal pro Jahr meistens. Und wer hat die Strafen bezahlt? Der Verein oder Sie? Saibene: Meistens musste der Trainer bezahlen. Haben Sie registriert, dass Sie als Trainer des FC Thun beobachtet worden sind? Saibene: Ich habe erst später davon erfahren, dass Arminia mich beobachtet hat...

realisiert durch evolver group