Arminias Trainer Jürgen Kramny hofft auf viele Punkte. - © Christian Weische
Arminias Trainer Jürgen Kramny hofft auf viele Punkte. | © Christian Weische

Arminia Bielefeld Arminia-Coach Jürgen Kramny: „Dem Klassenerhalt alles unterordnen“

Der DSC-Trainer im Interview

Jörg Fritz
Peter Burkamp

Arminia Bielefelds neuer Trainer Jürgen Kramny spricht im Interview über Motivationseigenschaften, seine Strategie im Abstiegskampf, einen neuen Athletiktrainer und einen alten Weggefährten aus Mainzer Tagen. Herr Kramny, nach welchen Kriterien beurteilen Sie, ob ein Verein für Sie in Frage kommt? Was haben Sie beim Angebot aus Bielefeld abgewogen? Jürgen Kramny: Grundsätzlich muss man sich auseinandersetzen, um was für einen Verein es sich handelt. Ich habe bisher nur bei Traditionsklubs gearbeitet. Dort, wo Fußball gelebt wird. Und das ist schon ein bedeutendes Kriterium für mich. Die Strukturen bei Arminia waren für mich sehr interessant. Und die Mannschaft natürlich auch. Ich habe mir den Kader angeschaut, die jüngsten Problematiken analysiert und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass wir das angestrebte Ziel Klassenerhalt in dieser Konstellation erreichen können. Haben Sie sich bei der Entscheidungsfindung mit Ihrem ehemaligen Co-Trainer Heiko Gerber abgesprochen, der von 1996 bis 1998 beim DSC war? Kramny: Als die ersten Kontakte zu Arminia aufkamen, habe ich mit ihm geredet. Er sprach von einem sehr interessanten Verein und einer sehr interessanten Stadt. Aber auch Günther Schäfer, der zuletzt bei mir Teammanager war, berichtete mir, eine schöne Zeit mit sportlich unterschiedlichen Situationen in Bielefeld verbracht zu haben. Der Verein lebt Fußball. Deshalb haben sich die Spieler auch hier wohl gefühlt. Wie haben Sie sich über Arminia informiert, um positive Änderungen zu bewirken? Kramny: Ich habe mir Material besorgt und viele Spiele angeschaut, vor allem welche mit unterschiedlichen Verläufen sind erkenntnisreich. Die Problematik der ersten Spiele bestand darin, dass knappe Partien nicht gewonnen wurden. Man kam dann in ein Negativfahrwasser. Jetzt müssen wir die andere Richtung finden. Die Interimstrainer Carsten Rump und Sebastian Hille haben es schon richtig gut hinbekommen. Das gab Selbstvertrauen. Die Mannschaft hat an Stabilität gewonnen. Haben Sie versucht zu ermitteln, weshalb Ihr Vorgänger Rüdiger Rehm gescheitert ist? Kramny: Ich habe keinen Kontakt aufgenommen, denn ich wollte nicht befangen meinen Job in Bielefeld antreten. Ich nehme das auf, was in Bielefeld vorhanden ist, analysiere den Ist-Zustand und versuche, das Optimale aus der Mannschaft herauszuholen. Ein Gespräch mit Rehm war daher nicht notwendig. War es für Sie ein Problem, nicht als Erster von Arminia angefragt worden zu sein? Kramny: Das ist völlig egal. Wenn die Verantwortlichen mit dir reden, geben sie dir schon das Gefühl, dass du eine ernste Rolle spielst. Wenn du dann da bist, bist du da und der verantwortliche Mann. Sie haben keinen eigenen Co-Trainer mit nach Bielefeld gebracht. Warum nicht? Kramny: Ich wollte zunächst schauen, was in Bielefeld vorhanden ist. Rump und Hille, so mein Eindruck, machen eine sehr gute Arbeit. Ein Athletiktrainer fehlt natürlich noch. Darüber müssen wir uns im Winter unterhalten. In welchem Zustand fanden Sie die Mannschaft vor? Kramny: Die Spieler waren sehr offen, so mein Eindruck nach den ersten Tagen, als ich sie intensiv beobachtet habe. Ich habe viele Gespräche geführt. Wichtig ist, dass die Mannschaft sich auf dem Platz wohl fühlt. Die Spieler waren vielleicht auch froh, dass ich nicht zu viel Neues installiert habe. Es geht jetzt um einfache Dinge. Die Abläufe müssen wieder stimmen. Die Mannschaft ist derzeit gefestigt. Wir haben eine gute Basis und enge Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen. Das Team scheint sich in der Formation, mit der wir derzeit spielen, sehr wohl zu fühlen. Der Kader ist relativ groß. Planen Sie eine Ausdünnung? Kramny: Wir haben mit 23 Feldspielern keinen zu großen Kader. Bei einigen Spielern, die nur wenige Einsatzminuten hatten, kann man sich schon Gedanken machen, wie es mit ihnen weiter geht. Diese Entscheidungen werden wir in den nächsten Wochen fällen und auch überlegen, was vielleicht extern möglich ist. Für eine abschließende Einschätzung bin ich aber noch nicht lange genug hier. Laut Geschäftsführung sind Neuzugänge nur dann möglich, wenn Spieler den Verein verlassen. Kramny: Was nicht geht, geht eben nicht. Brauchen wir unbedingt eine Verstärkung, wird die sportliche Leitung mit mir eine Lösung finden. Das wichtigste ist doch, dass Arminia Bielefeld in der 2. Bundesliga bleibt. Wenn etwas machbar erscheint, gibt es sicherlich Wege dafür Unterstützung zu finden. In welchem Mannschaftsteil ist der Bedarf am größten? Kramny: Nach der Hinrunde kann ich ihnen da besser Auskunft geben. Im Moment vertraue ich der aktuellen Mannschaft. Welche Erfahrungen nehmen Sie aus der vergangenen Saison in Stuttgart für den Abstiegskampf in Bielefeld mit? Kramny: Wir müssen noch mehr Selbstvertrauen gewinnen und in keiner Phase nachlassen. Ohne mannschaftliche Geschlossenheit geht gar nichts. Abstiegskampf heißt nicht nur kämpfen, sondern wir müssen mutig bleiben, Lösungen zu finden und zeigen, dass wir Fußball spielen können. Wir müssen uns trauen, auch mit dem Ball dem Gegner Probleme zu bereiten. Das wird der Ansatz für jetzt und die komplette Rückrunde sein. Welche Spielphilosophie verfolgen Sie? Kramny: Ich bin ein Freund der Anpassung. Ich muss immer in kleinen Wegen die Spieler davon überzeugen, was ich vermitteln will. Ich bin ein Freund von Pressing oder Gegenpressing, aber nicht von Harakiri. Taktik, Aufstellung und Systeme sind wichtig. Das wichtigste ist aber die Basis, was in diesem System auf dem Platz passiert. Das sind Zweikämpfe, Laufverhalten, Konzentrationsfähigkeit, Entschlossenheit, Konsequenz, Biss und Willen. Das sind Motivationseigenschaften, die die guten Mannschaften einfach vereint haben. In Fürth stand Kapitän Fabian Klos nicht in der Startformation. Ein Zeichen für ihn und alle anderen Profis? Kramny: Gegen Heidenheim hat die Mannschaft in dieser Formation ein richtig gutes Spiel gemacht. Ohne Klos, der gesperrt war. Ich habe mit ihm während der Woche gesprochen. Er hat die Entscheidung akzeptiert. Ich gebe meinen Anteil von der Bank, wenn ich eingewechselt werde, sagte er mir. So muss es sein. Fabian Klos ist Kapitän und ein ganz wichtiger Spieler. Er wird auch wieder treffen. Hoffentlich schon am Sonntag gegen Bochum. Welche Rolle spielt bei Ihnen der mentale Bereich? Kramny: Manchmal ist es besser, die Spieler etwas in Ruhe zu lassen statt alles zu thematisieren. Ich beobachte lieber, wer tatsächlich diese Hilfestellung braucht. Bei Fabian Klos habe ich das Gefühl, er braucht sie nicht. Er wird seine Tore machen. Bei ihm müssen andere Dinge thematisiert werden. Dass er nicht wie in Fürth auf die Flügel ausweicht, sondern im Zentrum bleibt. Das ist sein Hauptbereich. Welche Bedeutung hat für Sie das Winter-Trainingslager in Spanien? Kramny: Dort können wir einen neuen Geist herstellen, da wir mehrere Tage zusammen sind. Wir werden die Trainingsformen so wählen, dass wir zusammen Erfolgserlebnisse sammeln. Das Trainingslager bildet den Grundstock für eine hoffentlich erfolgreiche Rückrunde. Wir alle müssen nur ein gemeinsames Ziel haben, dafür müssen wir uns das halbe Jahr komplett unterordnen und alle Egoismen abstellen. Bis Weihnachten bestreitet Arminia noch drei Spiele. Wie muss die Punktausbeute ausfallen? Kramny: Die Hauptpunkte für den Klassenerhalt müssen wir zu Hause erzielen. Gegen Sandhausen und Heidenheim haben wir zwei Mal gewonnen. Das ist ein guter Trend, den wir fortführen wollen. Wichtig ist, sich immer jeweils auf das nächste Spiel einzulassen. Sie haben in Stuttgart acht Profitrainer erlebt. Was haben Sie mitgenommen? Kramny: Jeder Trainer muss seinen eigenen Weg finden. Das habe ich auch gemacht. Wichtig für einen Trainer ist, eine Mannschaft zu haben, die das Teamgefühl lebt. Dann hat man einen großen Vorteil gegenüber anderen Mannschaften, bei denen es nicht stimmt. Diese Einstellung müssen wir in Bielefeld hinkriegen. Ein langjähriger Weggefährte aus Mainzer Tagen ist Jürgen Klopp. Haben Sie mit ihm über das Angebot aus Bielefeld gesprochen? Kramny: Wir haben Kontakt gehabt. Er hat mir alles Gute und viel Glück gewünscht. Nach den Spielen gratulieren wir uns gegenseitig oder tauschen uns kurz aus, wenn es etwas Interessantes gibt. Ich finde das aber nicht so erwähnenswert. Wie hat Ihre Familie auf das neue Engagement reagiert? Kramny: Ich war seit Mitte Mai zu Hause und habe mich intensiv mit der Familie beschäftigt. Die Aufgabe in Bielefeld hat mich gereizt. Ich hatte Lust darauf. Meine Frau und meine Kinder stehen voll dahinter. Dementsprechend sind sie auch froh, dass ich eine neue Herausforderung gefunden habe. Meine Kinder haben sich gewünscht, dass der Papa wieder einen Verein hat.

realisiert durch evolver group