Hans-Georg von der Ohe präsentiert seine komplette Olympia-Kollektion von München. - © FOTO: WOLFGANG RUDOLF
Hans-Georg von der Ohe präsentiert seine komplette Olympia-Kollektion von München. | © FOTO: WOLFGANG RUDOLF

Der Ausgehanzug hat einen Ehrenplatz

VOLLEYBALL: Der Bielefelder Zahnarzt Hans-Georg von der Ohe trug 1972 das Nationaltrikot

VON WOLFGANG HORSTMANN
Hans-Georg von der Ohe (hinten, 3. v. l.) im offiziellen Olympia-Outfit von 1972. In der hinteren Reihe ist auch der spätere Paderborner Toni Rimrod (3. v. r.) zu erkennen.
Hans-Georg von der Ohe (hinten, 3. v. l.) im offiziellen Olympia-Outfit von 1972. In der hinteren Reihe ist auch der spätere Paderborner Toni Rimrod (3. v. r.) zu erkennen.

Bielefeld. Wer an der Otto-Brenner-Straße im Behandlungsstuhl von Dr. Hans-Georg von der Ohe sitzt, ist froh, dass der Mann meisterhaft mit zahnmedizinischen Geräten umgehen kann. Die wenigsten seiner Patienten dürften wissen, dass der gebürtige Niedersachse vor vier Jahrzehnten auch meisterhaft Volleyball spielte und als Mitglied der deutschen Nationalmannschaft 1972 an den Olympischen Spielen in München teilnahm.

"Unser Ziel bei den Spielen war Platz neun. Wir wollten die Niederlande, Rumänien und Tunesien hinter uns lassen", erzählt von der Ohe. Doch dieses Vorhaben misslang. In der Vorrundengruppe traf man auf den späteren Olympiasieger Japan und den Silbermedaillengewinner DDR. Beide Begegnungen gingen mit 0:3 verloren. Die vorangegangenen Gruppenspiele gegen Brasilien, Rumänien und Kuba hatten auch keinen Sieg gebracht. Gegen die heutigen Volleyballgroßmächte Brasilien und Kuba scheiterten von der Ohe und seine Teamkollegen immerhin erst im fünften und entscheidenden Satz.

Als Gruppenletzter traf die Auswahl der BRD im Platzierungsspiel um Platz elf auf Tunesien und gewann mit 3:1. "Rein sportlich betrachtet war das Olympiaturnier eine Enttäuschung", blickt der Zahnmediziner zurück.

Zu seinen Mitspielern im Nationalmannschaftstrikot zählten seine Vereinskollegen Uwe Zitranski, Hatto Nolte, Hans-Ulrich Graßhoff und Rüdiger Hild vom USC Münster. "Der TSV 1860 München und wir waren Anfang der 70er-Jahre die stärksten Vereinsmannschaften in Deutschland", hat der 1969 vom MTV Celle in die westfälische Volleyballhochburg gewechselte Angreifer die Situation der nationalen Volleyballspitze aus der damaligen Zeit sofort parat. Auch ein gewisser Toni Rimrod spielte damals für die "60er". In den 70-ern wechselte der Linkshänder dann zum VBC Paderborn und sorgte für einen Volleyballboom an der Pader.

Absolut präsent ist beim zweifachen Großvater das Attentat der Palästinenser auf die israelische Olympiamannschaft. "Wir waren auf dem Weg zum Training, als uns Sicherheitspersonal mit Maschinengewehren den Weg zur Trainingshalle versperrte", erinnert sich von der Ohe. Im Anschluss an die Übungseinheit ("Wir sind durch die Kellerräume im olympischen Dorf zur Halle gekommen") setzte sich das Team vor den Fernseher und verfolgte die Geschehnisse am Bildschirm. Nach dem blutigen Ende der Geiselnahme glaubte kaum jemand an eine Fortsetzung der Spiele. Nach einem halben Tag Unterbrechung sprach IOC-Präsident Avery Brundage bei der Trauerfeier im Olympiastadion dann aber den legendären Satz "The games must go on".

"Das war für uns alle eine Überraschung", hat der Olympionike von der Ohe den Moment, in dem die Fortsetzung der so heiter begonnenen Spiele in München verkündet wurde, nicht vergessen.

Im Anschluss an den eigenen Wettkampf und das Attentat war der 50-fache Nationalspieler Augenzeuge von zwei sportlichen Ereignissen, die in jedem Olympiabuch der Spiele von München einen herausragenden Platz einnehmen: "Ich war im Stadion, als Ulrike Meyfarth im Hochsprung gewann und als sich Heide Rosendahl als Schlussläuferin der 4x100m Staffel gegen die 100-m-Olympiasiegerin Renate Stecher aus der DDR durchsetzte."

Die bisherigen beiden Begegnungen seiner Nachfolger in London schaute sich der Zahnarzt vor dem Fernseher an. "Das Spiel, das die DVV-Auswahl gegen die russische Nationalmannschaft gezeigt hat, war gut." Weniger zufrieden war der Experte für Paradontologie mit der Vorstellung gegen den Goldmedaillengewinner von 2008, die USA: "Mich hat ein wenig enttäuscht, dass sich die Nationalmannschaft gegen das 0:3 nicht so richtig gewehrt hat."

Vor dem Fernseher sitzt Dr. von der Ohe keineswegs im Olympiatrikot, noch zieht er den offiziellen Ausgehanzug von 1972 an. Alle Kleidungsstücke von damals sind fein säuberlich in einem Koffer verstaut. Öffnen sich die Klappverschlüsse des Gepäckstücks, erwacht ein Stück Sportgeschichte. Und im Gesicht des ehemaligen Volleyballnationalspielers macht sich ein Lächeln breit.

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