Gaby Bikombo (Südafrika), Dieter Simon (Welthaus) und Leonardo Vieira (Brasilien; v. l.). - © FOTO: KARL-HENDRIK TITTEL
Gaby Bikombo (Südafrika), Dieter Simon (Welthaus) und Leonardo Vieira (Brasilien; v. l.). | © FOTO: KARL-HENDRIK TITTEL

Flagge zeigen für die Armen

FUSSBALL: Experten berichten im Welthaus über die Schattenseiten einer Fußball-Weltmeisterschaft

VON KARL-HENDRIK TITTEL

Bielefeld. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 war für die FIFA die finanziell erfolgreichste aller Zeiten, für das Gastgeberland Südafrika brachte sie dagegen einen Verlust auf verschiedenen Ebenen, sagt Gaby Bikombo von der südafrikanischen Organisation StreetNet. "Es wurde eine WM für alle versprochen, aber für die meisten Menschen, besonders die armen, war sie eine große Enttäuschung." Ähnliches befürchtet Leonardo Vieira vom brasilianischen Gewerkschaftsverband CUT für die WM 2014 in seinem Heimatland. Im Welthaus Bielefeld versuchten beide, Aufklärungsarbeit zu leisten.

"Es war die Sache nicht Wert", sagt Gaby Bikombo und blickt für einen Moment auf den gelben Lederfußball in seinen Händen. Im Hintergrund steht ein riesiger Globus. Sein Heimatland Südafrika ist deutlich zu erkennen. Um 50 Prozent hätte der Weltfußballverband FIFA seine Einnahmen im Vergleich zur WM 2006 in Deutschland gesteigert, zwischen anderthalb und zwei Milliarden Euro Gewinn sollen es am Ende gewesen sein. "Auf der anderen Seite bedeutete die WM für Südafrika einen Verlust von etwa zwei Milliarden Euro", so Bikombo.

Aus zivilgesellschaftlicher Perspektive kommt der Südafrikaner zu keiner erfreulichen Bilanz der ersten WM auf afrikanischem Boden. "Das Geld, das zum Bau der Stadien verwendet wurde, fehlt jetzt bei wichtigen Dingen wie im Gesundheits- oder Bildungswesen." Und diese neuen Stadien stünden leer und hätten keinen Nutzen in der Zukunft - "white elephants" würden seine Landsleute zu den Bauten sagen. Ferner seien viele neue Jobs versprochen worden, aber nun seien die meisten der Arbeiter wieder "out of work", sagt Bikombo.
Die größten Verlierer seien die armen Stadtbewohner, die "mit Gewalt" aus den WM-Zentren getrieben wurden, und die Straßenhändler gewesen. "Die Händler haben ihre Plätze zum Verkaufen verloren, da in den Städten nur von der FIFA lizenzierte Händler erlaubt waren", sagt der Südafrikaner. Besonders für die armen Menschen war die WM eine "große Enttäuschung". Aber auch für die Gastronomie und das Hotelgewerbe, denn es kamen bedeutend weniger Besucher nach Südafrika als erwartet .

Positives hätte die WM zwar auch gebracht. Zum Beispiel das Südafrika das schaffen kann, was andere Länder auch schaffen, die Einheit verschiedener Ethnien innerhalb des Landes oder eine verbesserte Infrastruktur, aber die Enttäuschung überwiege klar.

Leonardo Vieira, Mitglied des größten lateinamerikanischen Gewerkschaftsverbandes CUT, befürchtet: Brasilien ist in die gleiche "Falle" getappt, wie Südafrika. "Die FIFA verkauft die Idee, die WM sei eine große Party, bei der jeder profitieren würde." Aber das sei falsch, besonders wenn diese Idee an "niedriger entwickelte Länder" verkauft werde, wie man in Südafrika gesehen hätte. Die Kosten für die WM in Brasilien seien aktuell schon dreimal höher als angedacht - mit rund 40 Milliarden US-Dollar werde zurzeit gerechnet. "Die brasilianische Regierung hat der FIFA quasi einen Blanko-Scheck ausgestellt", beschreibt Vieira. 98 Prozent der Investitionen trage die Regierung. "Die FIFA wird wohl auch in Brasilien wieder einen großen Gewinn erzielen, denn sie hat in Deutschland und Südafrika keine Steuern gezahlt und wird es 2014 auch nicht tun", sagt Vieira, der beklagt, dass der Weltfußballverband dem Gesetz nach eine "gemeinnützige Organisation und somit steuerbefreit ist".

Der Allgemeinheit werden die Gelder, die die FIFA in Brasilien durch Sponsorengelder, den Verkauf von Fernsehrechten oder Tickets, einnehmen wird, wohl nicht zugute kommen, vermutet er. "Ebenso wie in Südafrika wird die FIFA an den Austragungsorten nur lizenzierte Händler dulden, die heimischen Straßenverkäufer werden leer ausgehen und arme Menschen werden für neue Straßen aus ihren Häusern gejagt".

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