Geschichtsunterricht auf dem Mountainbike: Dieter Borsutzky (l.) und Leo Charrois nahmen sich bei der Grenzsteintrophy Zeit, Museen und Gedenkstätten an der ehemaligen innerdeutschen Grenze zu besichtigen. Hier legen sie einen Stopp in Mödlareuth ein. - © Privat
Geschichtsunterricht auf dem Mountainbike: Dieter Borsutzky (l.) und Leo Charrois nahmen sich bei der Grenzsteintrophy Zeit, Museen und Gedenkstätten an der ehemaligen innerdeutschen Grenze zu besichtigen. Hier legen sie einen Stopp in Mödlareuth ein. | © Privat

Bielefeld 1.350 Kilometer über Stock und Stein

Radsport: Dieter Borsutzky und sein Sohn Leo Charrois sind die Grenzsteintrophy gefahren

Hans-Joachim Kaspers

Bielefeld. Es gab Situationen, da stellte sich Leo Charrois die Sinnfrage. "Als eine bequeme Straße genau in die gleiche Richtung führte, das GPS uns aber eine eklige Steigung auf einem zugewachsenen Pfad oder mitten durchs Gebüsch hoch schickte, kam ich schon mal ins Grübeln", erzählt der 16-jährige Schüler des Bielefelder Oberstufenkollegs. Gemeinsam mit seinem Vater Dieter Borsutzky (59) stellte sich Leo einer speziellen Herausforderung: Die beiden nahmen an der 7. Grenzsteintrophy, einer MTB-Tour der besonderen Art, teil. Die gerne als "Abenteuer mitten in Europa" bezeichnete Tour wurde am 17. Juni im sächsischen Eichigt, einem Dörfchen ganz in der Nähe des ehemaligen Dreiländerecks BRD - DDR - Tschechien, gestartet. 14 Tage, 1.350 Kilometer und 20.000 Höhenmeter später, nach einer spektakulären Fahrt immer an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze entlang, waren Vater und Sohn am Ziel - auf dem Priwall in der Nähe von Travemünde. "Wir wollten die Strecke eigentlich in zwölf Tagen schaffen, aber das schlechte Wetter und einige wirklich schwierige Passagen haben uns viel Zeit gekostet", berichtet Dieter Borsutzky. "Manche Steigungen, vor allem direkt auf dem Kolonnenweg, waren so heftig, dass wir einfach absteigen mussten", erzählt sein Sohn Leo. Immerhin hatten beide neben dem eigenen Körpergewicht 22 Kilogramm Ausrüstung (Fahrrad und Gepäck) die Anstiege hinaufzuwuchten. Trotz aller Strapazen überwiegen bei beiden am Ende die positiven Eindrücke. "Ich hätte nie geglaubt, dass es mitten in Deutschland so viele Wildtiere gibt", sagt Leo: Begegnungen mit Rehen und Füchsen waren Normalität, doch auch einen Dachs und Greifvögel jeder Größe bekamen die Biker zu Gesicht. Sogar auf Wölfe, die im menschenleeren ehemaligen Grenzstreifen wieder heimisch zu werden beginnen, hätte das Duo treffen können. Keine ganz angenehme Vorstellung, übernachteten Vater und Sohn doch neunmal unter freiem Himmel - auf einer und unter einer anderen zu einem Regenschutz festgezurrten Plane. Vor allem die Schafskälte setzte den Pedaleuren zu: "Ein, zwei Etappen vor dem Ende haben wir angefangen, uns auf unsere Betten zu Hause zu freuen", gibt Dieter Borsutzky zu. Für Leo, den absolut jüngsten Teilnehmer, war die Tour zudem "Geschichtsunterricht pur": An vielen Stellen legten die Bielefelder Stopps bei kleinen oder größeren Gedenkstätten und Museen, wie etwa dem Point Alpha, ein. "Einen besseren Eindruck davon, wie es im Grenzstreifen zuging, hätte ich nicht bekommen können", meint der Kollegiat, der sein Rad-Abenteuer bei der Schule als Projekt angemeldet und deshalb zwei Wochen unterrichtsfrei bekommen hatte. Neben einigen leichten Stürzen und diversen Pannen (vier Plattfüße, ein aufgerissener Mantel und ein gerissener Schaltzug) gab es auch kuriose Momente. Etwa als die beiden auf eine Bullenwiese gerieten oder nach einer Nacht unter einem Traktor-Anhänger von einem Bauern mit den Worten: "Jetzt hab? ich euch endlich, ihr Strohballen-Anzünder!", geweckt wurden. Doch dieses Missverständnis war schnell geklärt, und das Duo, das sich bei diversen Radtourenfahrten und auf dem Rothaarsteig in Form gebracht hatte, konnte seine Fahrt fortsetzen. Morgen geht es für die Familie Borsutzky/Charrois erst einmal in den verdienten Urlaub. Doch am Ende der Sommerferien haben Vater und Sohn mit einer Alpenüberquerung auf Rennrädern noch ein weiteres sportliches Highlight geplant. Quasi zum Ausrollen.

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