Lei Yang mit seiner Ehefrau Han Ying auf dem heimischen Sofa. - © FOTO: MATTHIAS ERNST
Lei Yang mit seiner Ehefrau Han Ying auf dem heimischen Sofa. | © FOTO: MATTHIAS ERNST

Brackweder Glücksfall

TISCHTENNIS: Der Chinese Lei Yang verstärkt den Regionalligisten und kümmert sich um die Jugend

VON SUSANNE HEUING

Düsseldorf/Bielefeld. Einen Sieg gegen Timo Boll, schon den haben die wenigsten Tischtennisspieler in ihrer Vita stehen. Aber ein Match gegen George Bush bei den Olympischen Spielen? Lei Yang, Neuzugang von Tischtennis-Regionalligist SV Brackwede, hat beides erlebt.

Die Augen beginnen zu glänzen, als Lei Yang auf das Foto angesprochen wird, das ihn gemeinsam mit US-Basketballstar Kobe Bryant zeigt. In seiner Wohnung in Düsseldorf-Knittkuhl, die er mit Frau und Kind teilt, hängt es direkt neben den Hochzeits- und Familienbildern. "Das war bei den Olympischen Spielen in Peking", sagt der gebürtige Chinese. Gemeinsam mit seiner Ehefrau war er als Sparringspartner der US-Tischtennis-Mannschaft vor Ort, die US-Basketballer trainierten damals im gleichen Hallenkomplex. "George Bush war auch zu Besuch", erzählt Lei Yang – und er habe zu den Auserwählten gehört, die ein paar Bälle mit dem ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten spielen durften.

Der 37-Jährige hat ohne Zweifel schon viel erlebt in seiner Karriere. In seinem Heimatland China, wo Tischtennis Volkssport ist, war er nur einer von vielen talentierten Spielern, musste die Hoffnungen auf eine Karriere im chinesischen Nationaltrikot früh begraben. Wie so viele seiner Landsleute suchte er sein sportliches Glück im Ausland – und fand es in Deutschland.

1997 heuerte er beim deutschen Zweitligisten DJK Offenburg an, machte danach bei anderen Zweitliga-Vereinen Station und spielte für den bayrischen Klub TSV Gräfelfing auch ein Jahr in der ersten Bundesliga. Längst ist Deutschland mehr als nur die sportliche Heimat. Landauf, landab hat er die Sporthallen kennengelernt, dank seiner offenen, humorvollen Art über die Jahre viele Freunde gewonnen. Er wolle bleiben, vielleicht noch 20 oder 30 Jahre, "oder ein Leben lang", sagt Lei Yang, dem man am Tisch die sportlichen Wurzeln schnell ansieht – der Deutsch-Chinese spielt mit der Penholder-Griffhaltung, die nur in Asien verbreitet ist.

Vielen deutschen Tischtennisfans ist der Name Lei Yang vor allem deshalb ein Begriff, weil er 2008 bei den Deutschen Meisterschaften Jörg Roßkopf und Timo Boll bezwang. "Ach, das ist doch lange her", sagt er heute lapidar über seinen Coup. Damals spielte er nur in der Oberliga – und der Oberliga-spieler wäre beinahe Deutscher Meister geworden, im Finale vergab er gegen Nationalspieler Torben Wosik einen Matchball. Zu einer Karriere im deutschen Nationalteam langte es dennoch nicht. "Ich war ja schon 28 oder 29, als ich den deutschen Pass bekam", sagt er.

Anders ist es bei seiner Ehefrau Han Ying, die ebenfalls aus China stammt. Die Abwehrspielerin wurde vor gut einem Jahr erstmals für die deutsche Nationalmannschaft nominiert, holte mit der Mannschaft prompt EM-Gold und Bronze im Einzel und ist inzwischen die Nummer acht der Weltrangliste. Sie und die gemeinsame Tochter Leonie waren auch der Grund für Lei Yang, seine Zelte beim ASV Grünwettersbach, für den er zuletzt viele Jahre im oberen Paarkreuz der zweiten Liga spielte, abzubrechen. Im vergangenen Jahr führte er eine Fernbeziehung mit seiner Frau, die mit dem Nationalkader im Deutschen Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf trainiert. "Die Familie ist jetzt wichtiger", sagt er. "Ich will nicht mehr so viel unterwegs sein."

Die SV Brackwede war da genau die richtige Adresse, zumal in der Nord-Staffel der neugegründeten dritten Liga in der bevorstehenden Saison nur sieben Mannschaften an den Start gehen. Für die Bielefelder ist Lei Yang nicht nur deshalb ein Glücksfall, weil er zweifelsfrei zu den stärksten Akteuren der neuen Spielklasse zählen wird. Er soll die Talente des Klubs auch im Training voranbringen. Seit 2005 besitzt Lei Yang die Trainer-A-Lizenz, arbeitet seit April diesen Jahres als Honorartrainer des Deutschen Tischtennis-Bundes nahezu täglich mit den deutschen Nationalteams der Herren und Damen zusammen. Und wer im Training mitunter Timo Boll oder Dimitrij Ovtcharov zu seinen Schützlingen zählt, der wird sicher auch den Bielefelder Tischtennis-Cracks einiges beibringen können.

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