Wo geht’s lang? Die Berufswahl braucht Zeit und Geduld. Auf der Suche nach dem Traumjob muss man sich Stück für Stück vorarbeiten. - © IStock
Wo geht’s lang? Die Berufswahl braucht Zeit und Geduld. Auf der Suche nach dem Traumjob muss man sich Stück für Stück vorarbeiten. | © IStock

NW Startklar Interview mit Soziologin zur Berufswahl: „Es gibt keine vorgezeichneten Karrierewege“

Gudrun Hessler erklärt, warum die Berufswahl für junge Erwachsene komplexer geworden ist und wie man trotzdem seinen Traumberuf findet

Christine Panhorst

Was war als Kind ihr Traumberuf?
Gudrun Hessler:
Ehrlich gesagt, hatte ich als Kind keine konkrete Vorstellung von einem Beruf. Aber in meiner Jugendzeit, als ich so 14, 15 Jahre alt war, hat mich die Archäologie beschäftigt.

Wie kamen Sie darauf?
Hessler:
Ich bin mit meinen Eltern früher viel ins Museum gegangen. Im niedersächsischen Landesmuseum in Hannover gab es immer eine ur- und frühgeschichtliche Abteilung, wo Werkzeuge von frühen Menschen ausgestellt waren. Auch eine Moorleiche war dort zu sehen. Wie Menschen früher gelebt haben, das hat mich fasziniert.

Expertin: Gudrun Hessler. - © DZHW
Expertin: Gudrun Hessler. | © DZHW

Trotzdem wurde – wie so oft – auch bei Ihnen nichts aus dem Traumberuf von früher.
Hessler: Nicht so ganz. Ich habe dann zwar mit einem Geschichtsstudium angefangen und auch Seminare über Vor- und Frühgeschichte belegt, mich dann aber für die Soziologie als modernere Wissenschaft entschieden. Aber das Interesse von damals, daran wie Menschen zusammenleben, das ist geblieben.

Wie Sie bei sich selbst beschrieben haben, reifen Berufswünsche heran. Wie passiert diese Entwicklung?
Hessler:
Erste Vorstellungen davon, welche Berufe existieren, haben viele Kinder schon früh. Die Eltern sind erste Berufsvorbilder. Auch Berufe, die im Leben allgegenwärtig sind wie Krankenschwester, Polizist, Feuerwehrmann werden wahrgenommen und dann oft als Berufswunsch genannt. Mit dem Heranwachsen wird die Welt dann immer differenzierter wahrgenommen und damit wird auch die Wahrnehmung möglicher Tätigkeiten, die man ausüben kann, immer differenzierter.

Wovon hängt ab, worauf die Wahl dann letztendlich fällt?
Hessler:
Es zeigt sich in verschiedenen Untersuchungen, dass die familiäre Prägung einen deutlichen Einfluss auf die Berufswahl hat. Das betrifft sowohl den sozialen Hintergrund als auch die Bildung der Eltern. Haben die Eltern also studiert oder eine Ausbildung gemacht? Das sind Faktoren, die sich früh auf die Bildungsambition der Kinder auswirken. Außerdem gibt es noch immer eine geschlechtsstereotype Berufswahl. Das heißt, Jungen tendieren eher zu männlich geprägten Berufen und Mädchen eher zu weiblich geprägten, zum Beispiel Berufen aus dem sozialen Bereich. Darüber hinaus spielt eine Rolle, welcher Schulabschluss angestrebt wird und auch welche Akzente und Programme die jeweiligen Schulen bieten.

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Gleichzeitig sehen sich junge Menschen heute mit einer Masse an Möglichkeiten konfrontiert. Wie soll man da seinen Traumberuf finden?
Hessler: Das stimmt. Die Berufswahl ist komplexer geworden. Durch die Einführung des Bachelor-Master-Systems hat sich vor allem die Ausbildung an den Hochschulen gewandelt und ist vielschichtig geworden. Dieses System gibt aber auch mit dem Bachelorabschluss die Möglichkeit, einen Zwischenstopp einzulegen, dann Berufserfahrung zu sammeln und erst später möglicherweise einen Master anzuschließen. Und je tiefer man in sein Fachgebiet eingetaucht ist, desto besser lässt sich absehen, was für eine Spezialisierung man braucht. Die erste Berufsorientierung passiert also möglicherweise nicht direkt, sondern man muss sich Stück für Stück vorarbeiten. Im Laufe der Zeit wird immer deutlicher, welche Richtung tatsächlich für einen letztendlich infrage kommt. Zudem wird heute das Konzept des lebenslangen Lernens gefördert, und es ist zum Beispiel auch möglich, über eine berufliche Ausbildung den Hochschulzugang zu erlangen. Das Abitur oder Fachabitur ist nicht mehr Pflicht, um zu studieren. Es geht auch ohne.

Eine Qual der Wahl?
Hessler:
Die Wahlmöglichkeiten sind sehr vielfältig. Absolut. Wir erleben eine Subjektivierung von Bildung. Das bedeutet, dass es keine vorgezeichneten Karrierewege in dem Sinne mehr gibt und das Individuum viel mehr Weichen stellen muss in seinem Leben. Was natürlich auch eine größere Verantwortung für den einzelnen Menschen darstellt.

Wie findet man heute trotzdem seinen Traumberuf und stellt die richtigen Weichen?
Hessler:
Zunächst sollte man sich darüber klarwerden, was einem wichtig ist. Was macht einem Spaß? Die intrinsischen Motive, also Arbeitsinhalte, die einen interessieren, Freude an dem, was man tatsächlich tut, eine Tätigkeit, die zur Persönlichkeit passt, ohne das geht es nicht, um zum Traumberuf zu gelangen. Dabei gebe ich den Rat, auf sich selbst hören und sich nicht von Dritten etwas aufdiktieren zu lassen. Dann kommen aber Überlegungen hinzu wie, was will ich mir für einen Lebensstandard später leisten können, welches Gehalt macht mich zufrieden, und welche Vorstellungen habe ich hinsichtlich meines Privatlebens. Stichwort: Work-Life-Balance. Um langfristig zu einem zufriedenstellenden Lebensmodell zu kommen, muss ich ein realistisches Bild davon entwickeln, was ich von dem Beruf, den ich mir vorstelle, erwarten kann. Aber auch: Welche Opfer bin ich bereit dafür zu bringen. Was der Traumjob dann letztendlich ist, das zeigt sich vielfach erst mit dem Weg, den man geht.

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