Runde Sache: Gisela Lück, Dozentin für Chemie-Didaktik an der Uni Bielefeld, sieht sich als Mittlerin zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. - © Sarah Jonek
Runde Sache: Gisela Lück, Dozentin für Chemie-Didaktik an der Uni Bielefeld, sieht sich als Mittlerin zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. | © Sarah Jonek

Bielefeld Chemikerin: "In jedem Kind liegt großes Potenzial, das nur geweckt werden muss"

Gisela Lück engagiert sich für naturwissenschaftliche Bildung im Vorschulbereich

Hanna Paßlick

Bielefeld. Es gab Zeiten, da wurde Gisela Lück für ihre Arbeit ausgelacht. „Im Kindergarten wird nicht gelernt“, hieß es da. Eltern, Pädagogen und Kollegen gaben sich skeptisch. Mit ihrer Idee von vorschulischer Bildung durch naturwissenschaftliche Experimente stieß die Chemikerin auf taube Ohren. Heute reist sie um die Welt und hält Vorträge in China, Großbritannien und der Schweiz. Der Wirtschaft fehlen Fachkräfte im Bereich der sogenannten MINT-Berufe. Und Gisela Lück arbeitet an einer Lösung des Problems.

Die Chemie soll ein Teil davon sein. Für Lück ist sie keine trockene Materie, sondern schlichte Faszination. „Es geht um Verwandlungen, die gerade von Kindern noch als magisch wahrgenommen werden.“ Aus einer Substanz A werde Substanz B. Würden beispielsweise Milch und normaler Haushaltsessig vermengt, setze sich ein Eiweiß ab. „Das heißt Kasein und ist verdammt guter Kleber“, beteuert Lück, die an der Uni Bielefeld Chemiedidaktik lehrt. Das Erinnerungsvermögen von Kindern sei besser als das von Erwachsenen. Sie wüssten auch nach einem halben Jahr noch im Detail, wie Kleber hergestellt werde.

Auch Gisela Lück wurde schon als Kind an naturwissenschaftliche Phänomene herangeführt. „Das hat mich geprägt und mit dazu geführt, dass ich heute in diesem Berufsfeld tätig bin.“ Vor fünfzehn Jahren führte die Forscherin eine Befragung unter Chemie-Studenten durch. Auf die Frage, warum sie sich für ihr Studium entschieden hätten, antwortete jeder Fünfte, das Interesse sei durch Experimente in der Vorschule geweckt worden. Lück: „Das zeigt, wir müssen früher ansetzen, um junge Leute an die Chemie heranzuführen.“

Ideales Alter ab fünf Jahren

Ab fünf Jahren beginnt Lück zufolge das ideale Alter, um Kinder erstmals für Naturwissenschaften und Mathematik zu begeistern. „Ab diesem Zeitpunkt fangen die Kinder an, nach dem Warum zu fragen.“ Vorher gehe es um musische, ästhetische, sportliche oder auch ethische Fragen. „Bis zum achten Lebensjahr sollte eine grundlegende Heranführung stattgefunden haben“, bekräftigt die Dozentin. Denn ab diesem Zeitpunkt würden Jungen in der Regel den Eindruck gewinnen, sie seien in Naturwissenschaften besonders fähig. „Und bei Mädchen passiert genau das Gegenteil.“

Das führe dazu, dass Mädchen sich auf weiterführenden Schulen weniger für MINT-Fächer interessieren. Fakt sei aber, dass es bei einer frühzeitigen Förderung keine sichtbaren Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen gebe, so Lück. „Im Gegenteil, oftmals sind Mädchen sogar noch einen Tick konzentrierter und genauer als die Jungs.“ Weil die unterschiedlichen Selbsteinschätzungen gesellschaftlich geprägt seien, plädiert die Dozentin dafür, Mädchen und Jungen ab der 7. Klasse in naturwissenschaftlichen Fächern getrennt voneinander zu unterrichten. „Einfach, um den Mädchen die Chance zu geben, sich unabhängig von gesellschaftlichen Vorstellungen zu entfalten.“

Information

MINT – eine düstere Prognose

Der Begriff MINT steht für die Unterrichts- und Studienfächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.
Branchen, in denen Fähigkeiten aus diesen Bereichen gefragt sind, haben bereits jetzt Probleme, entsprechende Fachkräfte und Auszubildende zu finden.
Prognosen zufolge soll sich dieser Mangel in fünf Jahren deutlich zuspitzen: Demnach könnten bis 2020 rund 1,4 Millionen Fachkräfte in MINT-Berufen fehlen.
Um bereits Vorschulkinder für Naturwissenschaften zu begeistern, können Erzieher sich für die Durchführung kleiner Experimente schulen lassen.

Für ihre Arbeit hat Lück Kinder aller Betreuungs- und Bildungseinrichtungen im Blick. Dafür besucht Kitas und Schulen, aber auch Brennpunkte und heilpädagogische Einrichtungen. „In jedem Kind liegt großes Potenzial, das nur geweckt werden muss“, sagt die 58-Jährige. Das würden Untersuchungen bestätigen. Wissen zu vermitteln und Chancengleichheit zu schaffen sieht Lück als ihre gesellschaftliche Pflicht an. „Wir leben in einer Industrienation, in der mündige Bürger herangebildet werden sollten“, sagt sie.

Trotz ihrer Bemühungen sei die Chemie nach wie vor unbeliebt, glaubt die Forscherin. Doch in der Wirtschaft sind entsprechende Fähigkeiten gefragter denn je. Deshalb hat Lück zusammen mit dem Vorstand der Gesellschaft deutscher Chemiker einen Plan geschmiedet: 2016 ist ein Treffen mit allen Kultusministerien anberaumt. Die Forderung der Chemiker: Der Chemieunterricht soll in die fünfte Klasse vorgezogen werden, statt wie bisher erst ab der siebten. „Das wäre eine große Sache“, sagt Lück. Gerade in NRW, wo viele chemische Industrieunternehmen ihren Standort hätten, könnte sich eine „riesige Chance“ auftun.

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