Bankenviertel in Hongkong - © Foto: Jens Kalaene/Archiv
Blick auf Wolkenkratzer und Bürohochhäuser im Bankenviertel von Hongkong. | © Foto: Jens Kalaene/Archiv

Internationaler Währungsfonds Schuldenlast vieler Länder könnte bald zum Problem werden

Washington - Zu hohe Schulden und noch immer zu viele faule Kredite: Ungeachtet einer besser gewordenen Stabilität auf den Finanzmärkten und eines zyklischen Aufschwungs der Weltwirtschaft hat der Internationale Währungsfonds vor großen Risiken im internationalen Bankengeflecht gewarnt.

«Die Erholung schreitet eindeutig voran. Aber wenn man sich nicht um die Gefahren kümmert, drohen Risiken für das weltweite Wachstum», sagte der Direktor für Geldpolitik und Kapitalmärkte beim IWF, Tobias Adrian, am Mittwoch in Washington. Er stellte den zweimal jährlich erscheinenden Bericht zur Finanzmarktstabilität des Weltwährungsfonds vor.

Der Druck durch hohe Schuldenlast erfasse neben Banken inzwischen auch andere Wirtschaftszweige. In China, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, habe der Bankensektor inzwischen eine Größe erreicht, die das Dreifache der Wirtschaftsleistung des gesamten Landes umfasst.

In Indien treffe ein schwacher Bankensektor auf eine schwache Realwirtschaft. In Nordafrika gebe es in einigen Ländern Probleme mit hoher Schuldenlast, sagte Adrian. Der Deutsch-Amerikaner leitet die Kapitalmarktabteilung des IWF seit Anfang des Jahres.

Die lange Periode ultrabilligen Geldes hatte viele Unternehmen und Privatleute zur Aufnahme hoher Kredite zu Niedrigzinsen verleitet. Insgesamt sind in den entwickelten Ländern die Privathaushalte laut IWF mit im Schnitt 65 Prozent des Bruttoinlandsproduktes verschuldet. «Die lange geldpolitische Unterstützung für die großen Volkswirtschaften könnte zum Aufbau neuer finanzieller Exzesse führen», warnt der Fonds in seinem Bericht.

«Zu viel Geld ist auf der Jagd nach zu wenigen ertragreichen Anlagen», sagte Adrian. Nur 5 Prozent aller festverzinslichen Anlagen werfen demnach einen Ertrag von mehr als 4 Prozent ab. Vor der Finanzkrise waren es 80 Prozent. Deshalb ließen sich viele Investoren in Regionen außerhalb ihrer eigentlichen Risiko-Grenzen drängen. Der Jubel über immer neue Rallyes an den Börsen erscheint so in einem anderen Licht.

Weltweit stecke ein Drittel der systemrelevanten Banken noch in Schwierigkeiten und könne bis ins Jahr 2019 hinein keine nachhaltigen Gewinne erwirtschaften. «Die Hälfte davon könnte sogar ihre selbst gesteckten Ziele verfehlen», sagte Adrian. Allerdings gebe es auch gute Zeichen, sagte der IWF-Experte Peter Dattels.

Italien habe in diesem Jahr faule Kredite für 65 Milliarden Euro abgestoßen, Spanien für 30 Milliarden. Problematisch sei Portugal, wo 15,5 Prozent aller Kredite als kritisch eingestuft werden. Dattels forderte in diesem Zusammenhang die Schaffung eines Marktes für faule Kredite in Europa und noch mehr Aufsichtstätigkeit der Europäischen Zentralbank.

Der Bericht zur Finanzmarktstabilität ist Aufgalopp zur Jahrestagung von IWF und Weltbank, zu der Finanzexperten, Unternehmer und Politiker aus aller Welt erwartet werden. Unter anderen wird auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nach Washington kommen. Dort nimmer er auch an einem Treffen der G20-Finanzminister teil. Deutschland wird den Staffelstab für den Vorsitz der Gruppe an Argentinien weiterreichen.

In seinem Fiscal Monitor rief der IWF am Mittwoch zu einer Steuerpolitik auf, die ein besseres Gleichgewicht bei der Einkommensverteilung garantiere. Die finanzielle Ungleichheit sowohl innerhalb einzelner Industrieländer als auch unter den Ländern sei eines der größten Hemmnisse für Wirtschaftswachstum. Dies wurde auch als Kritik an den Steuerplänen von US-Präsident Donald Trump gewertet.

Copyright © Neue Westfälische 2017
Copyright © dpa - Deutsche Presseagentur 2017
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group