Wirtschaft Baulärm bedroht Schweinswale

Bundesumweltminister Altmaier präsentiert Schallschutzkonzept für Errichtung von Windparks

VON UNSERER KORRESPONDENTIN ALEXANDRA JACOBSON
40 Meter unter dem Meeresspiegel gründen die rund 150 Meter hohen Windkraftanlagen des jetzt eröffneten Windparks Bard Offshore 1. - © FOTO: DPA
40 Meter unter dem Meeresspiegel gründen die rund 150 Meter hohen Windkraftanlagen des jetzt eröffneten Windparks Bard Offshore 1. | © FOTO: DPA
Baulärm im Offshore-Windpark bedroht Schweinswale - © Wirtschaft
Baulärm im Offshore-Windpark bedroht Schweinswale | © Wirtschaft

Berlin. Der Ausbau der erneuerbaren Energien dient dem Klima und der Umwelt - und fordert manchmal doch Opfer. Konkret bedroht der Ausbau der Windräder in der Nordsee die Existenz einer äußerst sensiblen, lärmempfindlichen Spezies: der Schweinswale. Die Politik versucht nun einen Ausgleich der Interessen hinzubekommen.

Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) hat in seinem Haus ein "Schallschutzkonzept" erarbeiten lassen. Das war keine ganz einfache Übung, gesteht der Minister, denn es mussten sich die Naturschützer mit den Energieexperten zusammenraufen. Wie stark darf die Politik eingreifen, um das Überleben der Spezies zu garantieren, die auf der Roten Liste steht und von der es nur noch 55.000 Tiere gibt? Gleichzeitig soll aber der unternehmerische Elan nicht gebremst werden - schließlich ist die Energiewende ohne die sogenannten "Offshore-Windparks" nicht denkbar.

Information

Größter Windpark eröffnet

  • Mehrere Nordsee-Windparks sind derzeit im Bau, zwei sind bereits fertig. Gestern wurde der bisher größte deutsche Windpark Bard Offshore 1 nordwestlich von Borkum offiziell eröffnet. Die 80 Windkraftanlagen mit 400 Megawatt Leistung können 400.000 Haushalte mit Strom versorgen.
  • Siemens hat mit einem Jahr Verspätung zudem die erste Station für die Anbindung eines Hochseewindparks vor der schleswig-holsteinischen Nordseeküste fertiggestellt. Mit der Installation der Plattform auf See sei der kritischste Teil des Projekts (Helwin 1) gemeistert worden, teilte Siemens mit. Die Anbindung von Windparks gehörte zu den größten Baustellen des Konzerns. Die Verzögerungen kosteten Siemens 700 Millionen Euro.
  • Der Schweizer ABB-Konzern teilte mit, er habe in der Nordsee die weltweit leistungsstärkste Offshore-Umrichterstation (Dolwin 1) errichtet. Auf der Plattform vor Niedersachsens Küste nördlich von Juist werde der von drei Windparks erzeugte Wechselstrom in Gleichstrom umgewandelt.

Kernpunkt des Konzeptes ist zum einen die Begrenzung des Lärms auf einen Höchstwert von 160 Dezibel. Der wird beim sogenannten Rammen der Windräder in den Meeresboden oft überschritten. Die Schallwellen bringen die Schweinswale, die sich allein über das Gehör orientieren, in große Bedrängnis. Manchen platzt sogar das Trommelfell, die Tiere verenden.

Küstenbundesländer müssen noch zustimmen

Altmaiers Konzept sieht zudem vor, dass nur maximal zehn Prozent der Gesamtfläche sowie im Sommer nur maximal ein Prozent eines besonders wichtigen Gebiets nordwestlich von Sylt gleichzeitig beeinträchtigt werden dürfen. Von Mai bis August säugen die Muttertiere ihren Nachwuchs, was die Verletzlichkeit erhöht.

Altmaier wollte sein Konzept schon längst der Öffentlichkeit präsentieren. Zur Bedingung machte er allerdings die Zustimmung der vier nördlichen Küstenbundesländer: Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen, Hamburg. Doch die lassen sich Zeit. Grund dafür ist wohl, dass die in der "Stiftung Offshore-Windenergie" zusammengeschlossenen Betreiber von Windparks noch einmal gezielt Lobbyarbeit einsetzten und die vier Landesregierungen vor einer Zustimmung warnten.

Jetzt gibt es allerdings aktuell einen Lichtblick: Das rot-grün regierte Schleswig-Holstein hat gestern eine im Grundzug positive Stellungnahme verfasst. Der grüne Umweltminister Robert Habeck stand früh an der Seite von Altmaier und hat sich nun auch mit seinem Kollegen aus dem Wirtschaftsressort, Reinhard Meyer (SPD), geeinigt. Die Kieler Regierung regt nur zwei Änderungen an: Nach zwei bis drei Jahren soll das Konzept evaluiert werden. Und als Folge für ein kurzzeitiges Überschreiten der 160-Dezibel-Grenze soll nicht sofort der Ausbaustopp greifen, wie es Altmaiers Konzept bisher noch vorsieht.

"Eckpfeiler der Energiewende"

Die fünf norddeutschen Bundesländer fordern von der Bundesregierung schnelles Handeln zur Rettung von Investitionen und Arbeitsplätzen in der Offshore-Branche. Gemeinsam mit Unternehmen und der Gewerkschaft IG Metall unterschrieben sie gestern den "Cuxhavener Appell" zur Offshore-Industrie.

Schweinswale werden bis zu 2,50 Meter groß. Sie leben in allen Weltmeeren - auch in der Nordsee. - © FOTO: DPA
Schweinswale werden bis zu 2,50 Meter groß. Sie leben in allen Weltmeeren - auch in der Nordsee. | © FOTO: DPA

Für die Projekte bis 2020 müsse Sicherheit über die Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz geschaffen werden, heißt es in dem Appell. "Offshore ist der Eckpfeiler der Energiewende", sagte der niedersächsische Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD). Die Bundesregierung müsse endlich einen Koordinator einsetzen, der für die Energiewende Verantwortung übernimmt, forderte er.

Die Bundesregierung will, dass bis zum Jahr 2020 Windmühlen mit zusammen 10.000 Megawatt Leistung im Meer stehen. Doch die Industrie hat viele Projekte auf Eis gelegt, weil es Probleme mit den Netzanschlüssen gibt. Auch besteht Verunsicherung über die wirtschaftlichen Grundlagen. Gerade wurde der Nordsee-Windpark "Riffgat" fertiggebaut, doch weil die Leitung zum Land nicht vor dem nächsten Frühjahr fertig wird, gibt es jetzt Millionenverluste.

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