Paderborn Wirtschaftsweise aus Paderborn glaubt an den Euro

Claudia Buch im Interview über Schuldenkrise und ihre Heimatstadt

Wirtschaftsweise aus Paderborn glaubt an den Euro - © Paderborn
Wirtschaftsweise aus Paderborn glaubt an den Euro | © Paderborn

Paderborn. Professor Dr. Claudia Buch ist die einzige Frau unter den fünf Wirtschaftsweisen, die der Bundesregierung jedes Jahr Prognosen über das Wirtschaftswachstum vorlegen. Ihr Abitur hat die heutige 46-Jährige am ehrwürdigen Theodorianum gemacht. Annika Falk sprach mit ihr über Eurokrise, Finanztransaktionssteuer und die Liebe zur Domstadt.

Frau Buch, Sie hatten eigentlich vor, Journalistin zu werden, haben zu Schulzeiten ein Praktikum bei der NW gemacht. Warum haben Sie sich von diesem Wunsch abgewendet?

CLAUDIA BUCH: Während des Studiums habe ich bei verschiedenen Zeitungen und Nachrichtenagenturen gearbeitet, aber es ist ein kurzlebiges Geschäft. Mich hat dann eher das Langfristige an der Forschung gereizt. Aber das Grundinteresse, Wissen zu vermitteln und Zusammenhänge zu erklären, ist geblieben und so hat mein Beruf etwas Ähnlichkeit mit dem Journalismus.

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Sie haben Paderborn direkt nach dem Abitur verlassen, kommen aber immer wieder gerne zurück. Was verbinden Sie heute mit der Domstadt?

BUCH: Es ist das Heimatgefühl. Ich habe in verschiedenen Städten gelebt. Letztlich fühle ich mich aber meiner alten Heimat besonders verbunden. Der Kontakt zur Familie ist mir sehr wichtig. und ich kaufe in Paderborn auch gerne ein.

Als Sie 1985 Ihr Abitur am Theo gemacht haben, standen wirtschaftliche Kenntnisse noch nicht im Fokus. Welches Rüstzeug wurde Ihnen von der Schule trotzdem mitgegeben?

BUCH: In der Schule habe ich Mathematik sehr gerne gemacht. Das war ein Entscheidungskriterium für das Studium der Volkswirtschaftslehre, denn in diesem Fach wird analytisches Arbeiten mit wirtschaftspolitisch interessanten und relevanten Fragen verbunden. Geholfen hat mir aber auch die Kombination - aus einer humanistisch-kulturellen Ausbildung, in der Analytisches mit Sprachen wie Englisch und Latein verbunden wird. Grundsätzlich sollte Schule nicht nur ein sehr spezifisches Wissen vermitteln, sondern vielmehr einen Zugang dazu schaffen, sich selbst Wissen zu erarbeiten.

Es ist jetzt ziemlich genau ein Jahr her, dass Sie in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen worden sind. War diese Entscheidung für Sie überraschend?

BUCH: Klar, denn die Entscheidung wurde kurzfristig getroffen, und man kann nicht damit rechnen, als Nächstes in den Rat berufen zu werden. Aber ich habe sofort und gerne zugesagt. Die Themen, die ich jetzt im Rat bearbeite, habe ich vorher schon in der wirtschaftspolitischen Beratung betreut. Ich war zuvor Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats am Bundeswirtschaftsministerium. So ist mir der Übergang recht leicht gefallen.

Wofür sind die Prognosen des Sachverständigenrates wichtig?

BUCH: Die Prognosen des Rates liefern der Politik eine wichtige Größe, auf der viele wirtschaftspolitische Entscheidungen, zum Beispiel in der Finanzpolitik, aufbauen. Die Prognosen prägen zudem die mediale Wahrnehmung in der Öffentlichkeit darüber, was die Arbeit von Ökonomen ausmacht. Ein Vorwurf, der dem Fach häufig gemacht wird, lautet "Ihr prognostiziert die ganze Zeit, aber die Krise habt ihr nicht vorhergesehen." Das stimmt so nicht. Unser Ziel ist es auch, andere Themen, die längerfristiger und struktureller angelegt sind, in die Öffentlichkeit zu tragen. In einem Sondergutachten im vergangenen Jahr haben wir uns beispielsweise ausführlich mit der Eurokrise beschäftigt, im aktuellen Jahresgutachten entwickeln wir ein Modell für den Übergang zu einer Bankenunion.

Es war zwar vor Ihrer Amtszeit, aber gab es in den Gutachten vor der Krise konkrete Hinweise?

BUCH: Ja. Es wurde viel geschrieben über Risiken auf dem US-Immobilienmarkt und im Finanzsektor. Viele haben gesehen, dass etwas passieren könnte. Aber alle haben sich gleichzeitig schwer getan damit, ganz konkret Zeitpunkt und Ausmaß der Krise vorherzusagen, wie wir sie dann tatsächlich erlebt haben.

Muss man sich immer wieder eingestehen, dass die Prognosen eben nur Prognosen bleiben?

BUCH: Wer ehrlich damit umgeht, weiß, dass es Prognosen unter dem Motto "Nach bestem Wissen und Gewissen" sind - ebenso wie beim Wetter und Klima. Wir versuchen, unsere Modelle so gut wie möglich aufzustellen. Aber jede Prognose beinhaltet auch ein gewisses Maß an Unsicherheit, und das kann sicherlich noch deutlicher kommuniziert werden.

Berücksichtigt werden müssen in Zukunft auch die Auswirkungen der Finanztransaktionssteuer. Reichen die Steuersätze Ihrer Meinung nach, um die Finanzmärkte einzudämmen?

BUCH: Ich halte die Finanztransaktionssteuer für zu wenig zielgerichtet, um Banken und Finanzmärkten zu stabilisieren. Dieses Ziel kann besser dadurch erreicht werden, dass man Banken zwingt, mehr Eigenkapital zu halten. Ein höheres Eigenkapital macht Banken resistenter gegenüber Schocks und hilft, Anreize richtig zu setzen. Da sehe ich bei der Finanztransaktionssteuer zu wenig Lenkungswirkung. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass wir in Europa bessere Mechanismen bekommen müssen, um mit Schieflagen vor allem von großen Banken besser umgehen zu können. Hierzu fehlen in vielen Ländern und auf zentraler europäischer Ebene noch die nötigen rechtlichen Rahmenbedingungen. Auch verursacht die Restrukturierung von Banken Kosten, die zum Teil durch eine Bankenabgabe gedeckt werden können, zum Teil aber fiskalisch aufgebracht werden müssen.

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