GÜTERSLOH Bertelsmann setzt auf Digitalisierung

Manager-Elite berät Strategie

Bertelsmann setzt auf Digitalisierung - © WIRTSCHAFT
Bertelsmann setzt auf Digitalisierung | © WIRTSCHAFT

Gütersloh. Bertelsmann wäre heute ein anderes Unternehmen, wenn die Träume des Thomas Middelhoff in Erfüllung gegangen wären – börsennotiert und mit allen Geschäften tief im Internet verwurzelt. Von "dramatischem Wachstum" schwärmten die Manager damals, als der Millennium-Wechsel für Fantasie sorgte. Längst nicht Middelhoff allein, die Führungsriege schien kollektiv infiziert: Direktkunden-Stratege Klaus Eierhoff, der einstige AOL-Mann Andreas Schmidt und all die anderen. Wenn sich Bertelsmanns Manager-Elite heute und morgen in Gütersloh trifft, steht das digitale Geschäft erneut im Fokus.

Wer erinnert sich noch an die "Bertelsmann e-Commerce-Group", die im Jahr 2000 aus der Taufe gehoben wurde? An den vermeintlichen Amazon-Konkurrenten BOL? Börsennotierte Ableger wie die Suchmaschine Lycos Europe und den Dienstleister Pixelpark? Die Musiktauschbörse Napster, die Bertelsmann später fast Kopf und Kragen gekostet hätte? Alles Geschichte. Tatsächlich entwickelte sich das Internet dramatisch, aber es wuchs an Bertelsmann vorbei. Eine unerhörte Abfolge von Pech, Pannen und Irrtümern durchkreuzte alle Pläne.

In der Villa von Vorstandschef Thomas Rabe fanden die 500 Spitzenmanager auch zahlreiche iPads vor, die das erreichte Ausmaß derDigitalisierung der Bertelsmann-Geschäfte anschaulich machten. - © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN
In der Villa von Vorstandschef Thomas Rabe fanden die 500 Spitzenmanager auch zahlreiche iPads vor, die das erreichte Ausmaß derDigitalisierung der Bertelsmann-Geschäfte anschaulich machten. | © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN

Die Marschrouten ins Internet hatte Middelhoff ausgegeben, ebenso wie den Weg aufs Börsenparkett. Nach dessen Rauswurf hatte Gunter Thielen den Auftrag, alles wieder umzuwerfen und das Träumen einzustellen. Die Gütersloher hatten kalte Füße bekommen: Erst war die Blase der New Economy an der Börse geplatzt, und die Meldungen von Betrügereien und Pleiten überschlugen sich. Dann verfinsterte das Attentat auf das World Trade Center den Himmel über New York und erschütterte die Zuversicht in der Wirtschaft. Zu allem Überfluss ließ Middelhoff keine Reaktion erkennen: "Wir sehen keine Veranlassung, unsere Pläne zu revidieren", sagte er noch im September 2001. Keine 12 Monate später war er seinen Posten los.

Losung der 90er Jahre

Thomas Rabe aber, nach Thielen und Hartmut Ostrowski bereits Middelhoffs dritter Nachfolger, lässt erkennen, dass er einige der alten Ideen gern wieder aufleben lassen würde. Die "digitale Transformation unserer Geschäfte", so heißt heute eine der vier zentralen strategischen Stoßrichtungen, verursacht prompt ein Déjà Vu. So hieß die Losung schon Ende der 90er Jahre. Auch der angepeilte "Auf- und Ausbau von Wachstumsplattformen" knüpft an alten digitale Plänen an. Und der Flirt mit dem Kapitalmarkt war bekanntlich ein Grund für die organisatorische Neuaufstellung des Konzerns als SE & Co. KGaA.

Wer weiß, welche Entwicklung Bertelsmann genommen hätte, wenn die Eigentümerfamilie von Reinhard und Liz Mohn nicht beschlossen hätte, den 25-Prozent-Mitgesellschafter Albert Frère und seine Firma GBL mit 4,5 Milliarden Euro auszuzahlen, anstatt ihm mit seinen Aktien den Börsengang zu erlauben. Mancher Firmenverkauf wäre unnötig geworden, nicht nur die Trennung vom Musikgeschäft. Schon der Verkauf des hochprofitablen Fachverlags-konzerns Bertelsmann-Springer, mit dem die Übernahme des schnell vergessenen Plattenlabels Zomba finanziert wurde und den Thomas Rabe selbst für den doppelten Preis gern rückgängig machen würde, wäre vermeidbar gewesen, hätte Bertelsmann die Börse nicht gescheut. Vielleicht muss sich die Familie Mohn noch über diese Jahre der verpassten Chancen ärgern.

Die spektakulären Rohrkrepierer der New-Economy-Ära aber wären Bertelsmann nicht erspart geblieben. Die Litanei der Fehlschläge zeigt, dass Lycos-Chef Christoph Mohn im Netz nicht als einziger Gütersloher falsch lag. Der künftige Bertelsmann-Aufsichtsratschef hat nur besonders lange durchgehalten, und er war wohl besonders schlecht beraten – auch von den alten Herren im eigenen Haus.

Ein Plus von 33 Prozent

So ist Bertelsmann kein zweites Amazon gelungen, kein Ebay und kein Google. Die von Hartmut Ostrowski vorgestellte Download-Plattform Gnab ist kein iTunes geworden. Aber es gibt Erfolge. Die RTL-Group habe im ersten Halbjahr mehr als 1,2 Milliarden Videoabrufe verzeichnet, ein Plus von 33 Prozent, meldete Thomas Rabe vor Tagen. Das TV-Geschäft sei ohnehin längst digital, sagen die Bertelsmänner. Der weltgrößte Buchverlag Random House mache in den USA schon ein Viertel seiner Umsätze mit E-Books, heißt es. Und die Services von Arvato – vom Online-Shop bis zur Software-Dienstleistung – seien heute gar nicht mehr vom Internet zu trennen.

Ehrliches Geschäft, das die Kassen füllt, dummerweise in Abhängigkeit von den großen Technikanbietern wie Apple & Co. Doch die Träume vom großen Wurf sind jetzt wohl wieder erlaubt.

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