Ökotest untersucht Kinderwagen und entdeckt Schadstoffe in allen getesten Modellen

Vernichtendes Urteil

VON STEFAN SCHELP

Vernichtendes Urteil

für Kinderwagen - © WIRTSCHAFT
Vernichtendes Urteil
für Kinderwagen | © WIRTSCHAFT

Bielefeld/Stuttgart. Ökotest fährt den Herstellern von Kinderwagen kräftig an die Karre. Zehn sogenannte Kombimodelle, die für Baby bis Kleinkind tauglich sind, hat das Verbrauchermagazin unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ist vernichtend: Bei den Inhaltsstoffen liegen alle Modelle mit "Ungenügend" (neunmal) und "Mangelhaft" (einmal) unter dem Strich. Über ein "befriedigend" in der Gesamtnote kommt nicht ein einziger Kinderwagen hinaus. Immerhin: Mit der zweitbesten Gesamtnote schließt das Modell Mistral S von Teutonia (Hiddenhausen) ab.

Für Ökotest-Chefredakteur Jürgen Stellpflug ist das schlechte Gesamturteil keine Überraschung. Schon vorangegangene Tests nämlich hatten ähnlich verheerende Urteile erbracht. "Lerneffekte gibt es nicht in allen Bereichen der Kleinkindprodukte", sagt Stellpflug. Hersteller von Babynahrung und Baby-Pflege hätten ihre Produkte als Reaktion auf schlechte Testergebnisse verbessert.

"Die Hersteller von Spielzeug und von Kinderwagen dagegen nicht." Er vermutet, dass dies bei vielen Herstellern auch daran liegt, dass Teile der Produkte im Ausland gerfertig werden, daher eine Umstellung für die Unternehmen problematisch sei. Denn der Kusntstoff, der zu Kinderwagengriffen verarebeitet werde, verwandele sich in der gleichen Produktion zum Beispiel auch in Griffe für Bohrmaschinen oder anderen Massen-Artikeln.

Kombikinderwagen getestet

Ganz aufgeben will Stellpflug die Hoffnung auf Besserung aber auch nicht. "Die Hersteller müssten einfach sagen: Wir wollen Griffe ohne Schadstoffe. Auch wenn die dann vielleicht 50 Cent teurer würden."
In seinem Test hat Ökotest sich auf Kombikinderwagen beschränkt – Modelle, die ab Geburt mit Liegewanne, Aufsatz oder Tragetasche und später, wenn das Kind aufrecht sitzen kann, als Sportwagen genutzt werden. Untersucht wurden Praxistauglichkeit und Inhaltsstoffe. Die Modelle dürfen keine scharfen Kanten, Quetschstellen, lange Schnüre oder Bänder in Griffweite der Kinder haben. Sie müssen sich auf einem Rollenprüfstand bewähren und dürfen auf schiefer Ebene nicht kippen. Diesen Teil der Prüfung haben die meisten Kinderwagen gut bewältigt, der Teutonia bekam mit einem "sehr gut" (1,2) die zweitbeste Note. Allerdings ist das Modell aus Hiddenhausen ein echtes Schwergewicht.

Kinderwagen müssen viel aushalten - nicht immer sind sie diesen Belastungen gewachsen. - © FOTO: DPA
Kinderwagen müssen viel aushalten - nicht immer sind sie diesen Belastungen gewachsen. | © FOTO: DPA

Bei den Inhaltsstoffen bemängeln die Ökotester nur die Griffe des Teutonia. Diese enthielten chlorierte Kunststoffe und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), von denen viele als krebserregend gelten. Dieser Makel führt beim Teutonia zur Abwertung auf die Gesamtnote "befriedigend". Ganz anders ergeht es dem Hauck Boston Air, den Ökotest als "Schadstoffschleuder" einstuft und mit dem Urteil "ungenügend/nicht verkehrsfähig" entlässt.

Das sieht Hauck naturgemäß ganz anders. Bei Schadstoffen gebe es "unterschiedliche Sichtweisen". Das Unternehmen habe seinerseits ein Institut mit der Prüfung der Ergebnisse beauftragt. Die Einordnung der Schadstoffe sei fast eine Mode-Erscheinung. "Mal steht Formaldehyd im Fokus, mal PAK", sagt der Sprecher. Die Meinungsbildung über Magazine wie Ökotest sei jedoch in Ordnung. "Aber auch wir nehmen unsere Aufgabe ernst."

Vom Hiddenhausener Unternehmen Teutonia war bis zum Redaktionsschluss keine Stellungnahme zu bekommen. "Wir haben bei der Gesamtbewertung Kompromisse gemacht", sagt Stellpflug. "Eigentlich dürften wir bei einem "ungenügend" bei Inhaltsstoffen kein "befriedigend" mehr geben.

Deshalb tut er sich auch schwer, eine Kaufempfehlung zu geben. "Da muss man sich wohl mit einem befriedigenden Kinderwagen zufriedengeben", sagt er. Und erinnert, dass man beim Kleinkind auch auf Tragehilfen umsteigen könne. Noch einen Tipp gibt er den Eltern: Durch mehrmaliges Waschen lassen sich die Schadstoffe zumindest in den Polstern reduzieren.

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Das Testergebnis von Ökotest

  • Emmaljunga Mondia Duo Combi 3-in-1, Navy, Preis: 790 Euro, Gesamturteil: "befriedigend"
  • Teutonia Mistral S, Dessin 4210, Tasche 4205, Rad 60, Preis: 768Euro, Gesamturteil: "befriedigend"
  • Hartan Topline X, Softtasche, Farbe 279, 539 Euro, Gesamturteil "befriedigend"
  • Mon Booster+, Softtasche Varus SL, Farbe 614 (Black Snake), 435,95 Euro, Gesamturteil: "ausreichend"
  • Gesslein Future 1, Fb. 177222, 589,95 Euro,Gesamturteil: "ausreichend"
  • Quinny Buzz 4+ Dreamy Kinderwagenwanne, Electric Blue, 649,90 Euro, Gesamturteil: "ausreichend"
  • ABC Design Turbo 6 S, Design Ranger, Kombi-Kinderwagen, 329 Euro, Gesamturteil: "ausreichend"
  • Chicco Trio Living Completo, Fb. Luxor-Orange, 494,10 Euro, Gesamturteil: "ungenügend"
  • Hauck Boston Air, Trio Navy, 249,99 Euro, Gesamturteil: "ungenügend"
  • Bugaboo Bee + Babykokon, Rot, 659 Euro, Gesamturteil: "ungenügend"

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