Mode aus Bangladesch

Deutsche Unternehmer schweigen über schwarze Schafe der Branche

VON ANDREA FRÜHAUF
Mode aus Bangladesch ist keine Seltenheit - © WIRTSCHAFT 2
Mode aus Bangladesch ist keine Seltenheit | © WIRTSCHAFT 2

Bielefeld. Nach dem NDR-Bericht über vier Näherinnen in Bangladesch, die für den Textil-Discounter KiK unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiteten, hat das Unternehmen in einem Schreiben an den TV-Sender "Fehler" eingeräumt und eine Kehrtwende versprochen. KiK richtete zwei neue Arbeitsplätze ein: einen für Nachhaltigkeit und einen für Kommunikation. Das lädierte Image soll wieder aufpoliert werden.

Obwohl namhafte deutsche Bekleidungshersteller das im NDR gezeigte Verhalten der Billigkette nicht gutheißen, will sich dazu öffentlich keiner äußern. "Wir nehmen zu Mitbewerbern keine Stellung", heißt es unisono. Ein Topmanager bringt die Misere auf den Punkt: "Viele produzieren selbst in asiatischen Ländern wie Bangladesch, um Lohnkosten zu senken." Die Unternehmen hätten keine andere Wahl. Die Fertigung in Europa sei zu teuer, weil Verbraucher in Deutschland vor allem preiswerte Ware wünschten. "Je teurer das Kleidungsstück, desto näher rückt die Fertigung wieder nach Europa", schildert der Spitzenmanager die Situation der Branche.

Die Arbeiterinnen nähen Jogginganzüge für den Export in die USA. - © FOTO: DPA
Die Arbeiterinnen nähen Jogginganzüge für den Export in die USA. | © FOTO: DPA

Nach der Kritik an Discountern über Niedriglöhne und fragwürdige Arbeitsbedingungen in den Herstellerländern hat das Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) das Verbraucherverhalten untersucht. Laut der neuen Studie gaben zwar mehr als drei Viertel der Befragten (78,4 Prozent) an, dass sie beim Einkauf Wert auf faire Arbeitsbedingungen ("keine Kinderarbeit"), soziale Mindeststandards und Umweltaspekte legten, aber "gekauft wird weiterhin im preiswerten Segment", bilanziert das IFH. Seit dem Jahr 2000 sinke der durchschnittliche Anteil der Konsumausgaben für Bekleidung und Schuhe kontinuierlich - 2009 um gut 5,3 Prozent.

Preiswerte Textildiscounter verdoppeln Marktanteil

"Der Markt polarisiert sich in einen Qualitäts- und einen Preismarkt", konstatiert IFH-Geschäftsführer Boris Hedde. Während der Fachhandel weiter Marktanteile verliere, gehörten vor allem preisorientierte Textildiscounter zu den Gewinnern. Die Anbieter, die ihre Textilien fast ausschließlich über den günstigen Preis verkaufen, hätten seit dem Jahr 2000 ihren Marktanteil auf 12 Prozent verdoppelt. Allerdings hätten viele Geringverdiener kaum eine Alternative zum Discounter.

"Unsere Aufträge geben vielen Bengalen Arbeit", sieht der Topmanager auch positive Seiten. Die dortige Regierung setze auf den für das Land wichtigen Export von Textilien.

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes ist Deutschland für Bangladesch der zweitwichtigste Exportmarkt nach den USA. Das bilaterale Handelsvolumen wächst stetig und hat 2009 die Zwei-Milliarden-Grenze überschritten.

90 Prozent Fertigkleidung

Den deutschen Importen aus Bangladesch in Höhe von 1,9 Milliarden Euro (gut 90 Prozent sind Fertigkleidung) standen deutsche Exporte von nur 290 Millionen Euro (Maschinen, chemische und elektrotechnische Produkte) gegenüber.

"Unternehmer haben keinen Einfluss auf die Arbeit in den Textilfabriken, die streng hierarchisch strukturierten Familien gehören", sagt der Manager. Allerdings habe KiK sich in der sozialen Balance wohl einen Ausrutscher geleistet.

Bangladesch ist eines der ärmsten Länder der Welt. Nach Protesten der Textilarbeiterinnen wurde erst im Juli die Lohn-Untergrenze von 1.700 auf 3.000 Taka im Monat erhöht. Das entspricht umgerechnet einer Erhöhung von rund 19 auf 34 Euro. Die Gewerkschaften hatten aber 54 Euro gefordert.

Otto will ein Zeichen setzen

"Wir machen über den BSCI (eine internationale Initiative für bessere Arbeitsbedingungen bei Lieferanten) Druck auf die Regierung in Bangladesch. Aber die sagt, dass das Land mit billigen Löhnen wettbewerbsfähig sein will", sagt auch Robert Hägelen, Sprecher der Hamburger Versandhandelsgruppe Otto.

Otto will nun in Bangladesch ein Zeichen setzen. Mit dem vom Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus gegründeten Grameen Trust wurde ein Gemeinschaftsunternehmen ("Otto Grameen Textile Company") gegründet, um in Dhaka eine energiesparsame Textilfabrik zu bauen. Otto gewährt dafür ein zinsloses Darlehen in "niedriger einstelliger Millionenhöhe". Hägelen: "Der Bau wird in den nächsten Wochen beginnen."

Unter sozial und ökologisch nachhaltigen Bedingungen soll ab Ende 2011 die Produktion starten. 500 bis 700 Beschäftigte sollen zunächst zu einem "angemessenen Lohn und mit guten Sozialleistungen" 250.000 bis 300.000 Exportteile pro Monat (T-Shirts, Sweatshirts, Poloshirts) fertigen. Die Otto-Gruppe will bis zu 40 Prozent der Ware abnehmen. 60 Prozent sollen an europäische und US-Händler gehen.

Sich selbst aus der Armut befreien

Die Gewinne sollen in der Stiftung "Grameen Otto Trust" verwaltet und reinvestiert werden. Zudem sind für die Angestellten ein gesundes Mittagessen, Ausbildung, Gesundheitsbetreuung und ein Kindergarten mit Vorschulunterricht geplant. Die Landbevölkerung solle sich selbst aus der Armut befreien können, so das Ziel. Wie hoch die Bezahlung konkret ist, lässt Otto offen: "Wir ordern unsere Ware nur bei Produzenten, die zumindest den Mindestlohn zahlen sowie die Arbeitszeiten und Sicherheitsmaßnahmen einhalten - und überprüfen auch, ob diese Standards eingehalten werden." Meinungs-Börse

Information

Made in Germany     

MTV-Moderator Joko Winterscheidt, der Schauspieler Matthias Schweighöfer, der Berliner Modedesigner Kilian Kerner und Discjockey Sebastian Radlmeier gründeten vor einem Jahr das Berliner Modelabel "German Garment". Die vier Freunde lassen ihre T-Shirts aus Biobaumwolle zu 100 Prozent in Deutschland fertigen. "Ich will wissen, wer das T-Shirt färbt, näht und verpackt. Ich will nicht zehn Euro mehr Gewinn machen und dafür Kinderarbeit in Asien fördern. Uns ist es wichtig, dass wir abends ins Bett gehen können und sagen: ,Wenn wir nur einen Job gesichert haben, der eine Familie ernährt, dann hat es sich gelohnt‘", sagte Winterscheidt dem Styleranking-Fashionblog. Die T-Shirts kosten im Schnitt 50 Euro – zu viel für einen Massenabsatz. (fr)

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