"Die Bank hat einfach meine Aktien verkauft"

Anwalt vermutet weitere betroffene Anleger

VON ANDREA FRÜHAUF
Verkauft Aktien gegen den Willen ihrer Anleger: Die Dresdner Bank hier in ihrem Sitz in Frankfurt/Main. - © FOTO-ARCHIV: DPA
Verkauft Aktien gegen den Willen ihrer Anleger: Die Dresdner Bank hier in ihrem Sitz in Frankfurt/Main. | © FOTO-ARCHIV: DPA

Bielefeld (nw). Sie hatte ihren expliziten Wunsch bei der Bielefelder Dresdner Bank schriftlich hinterlegt. Die Anlegerin wünschte "keine Einmischung" in ihre Angelegenheiten. Für den Kauf von insgesamt 3.670 Gerry Weber Aktien – zuletzt mit einem Kurswert von gut 80.000 Euro – hatte die Lipperin sogar ihre Lebensversicherung eingelöst. "Gegen meinen Willen hat mein Bankberater am 8. Januar einfach die Hälfte meiner Wertpapiere verkauft", sagt Marianne M. (Name geändert) empört. Die Rede ist von 1.850 Stück zum damaligen Wert von 39.775 Euro.

Die Bank hat inzwischen einen Ombudsmann eingeschaltet. "Er äußert sich nicht zu dem Fall", so ein Sprecher der Commerzbank, zu der die Dresdner gehört. Dass der Berater "ohne meine Unterschrift und ohne meine Einwilligung seine Vorschläge in die Tat umsetzte, ist mir unverständlich. Ich habe immer gesagt, ich will nichts verkaufen, ich will nichts kaufen, alles soll so bleiben wie es ist", schildert die krebskranke Frau ihren Fall.

Illegaler Insiderhandel mit Aktien von Anleger aus OWL

"Meine Mandantin ist leider Opfer der Machenschaften einer deutschen Großbank geworden", konstatiert ihr Paderborner Anwalt Sandro Kanzlsperger. Er hegt den "Verdacht der strafrechtlich relevanten Ausnutzung von Insiderwissen". Obwohl das ausgehändigte Beratungsprotokoll der Bank nur von einer Verkaufsempfehlung spreche, seien laut Verkaufsmitteilung der Dresdner Bank am selben Tag, eine Stunde nach dem Beratungsgespräch um 13.54 Uhr 1.850 Gerry Weber Aktien seiner Mandantin verkauft worden.

"Dafür wurden hauseigene Anlagen gekauft und natürlich dafür auch entsprechende Provisionen vereinnahmt", kritisiert der Anwalt. Er vermutet, dass der Berater auch anderen Bankkunden aus dem Großraum Bielefeld den Verkauf besagter Gerry-Weber-Aktien empfohlen hat. Denn nur wenige Tage später, am 21. Januar, verkündete Unternehmenschef Gerhard Weber vor Journalisten ein Rekordergebnis bei Gerry Weber und die geplante Ausschüttung einer Rekorddividende an die Aktionäre in Höhe von 70 Cent je Aktie – nach 40 Cent im Vorjahr.

Kanzlsperger: "Wir gehen davon aus, dass das Beratungsgespräch gezielt dazu genutzt wurde, um einen Vorwand zu haben, die Gerry Weber Aktien verkaufen zu können, um von der Dividende selbst zu profititieren." Marianne M. verärgert: Trotz der für sie beschwerlichen Anreise habe sie nur ihrem Berater zuliebe in das von ihm per Telefon eingeforderte Beratungsgespräch eingewilligt, "damit er keinen Ärger mit seinem Chef bekommt". Dem empfohlenen Verkauf von Aktien im Wert von 40.000 Euro und den gleichzeitigen Kauf hauseigener Anlagen im Wert von 10.000 und 30.000 Euro habe sie trotz seiner Warnungen vor einem möglichen Kursverlust abgelehnt.

Weitere betroffene Kunden vermutet

"Ich informiere mich ständig über Gerry Weber, besuche jede Jahreshauptversammlung. Und die Prognosen über das Unternehmen sind sehr gut", sagt sie. Das Risiko der geringen Streuung gehe sie bewußt ein. Ihr Berater habe ihre Angaben korrekt in dem Protokoll wiedergegeben – ihre Risikobereitschaft als mittel" eingestuft. Erst aus einem Brief ihrer Bank habe sie dann vom Verkauf erfahren.

Kanzlsperger fragt nun, ob nicht auch einigen anderen Bankkunden mit einer völlig anderen Risikostreuung ebenfalls Ende Dezember 2009/Anfang Januar 2010 zum Verkauf dieser Aktien geraten wurde. Er habe dies den Berater und dessen Vorgesetzten bei einem Treffen mit seiner Mandantin am 12. März gefragt. Als Antwort erhielt er "ein verstockten Schweigen".

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