Telefonservice: Über 35.000 Mitarbeiter in weltweit 90 Call-Centern sind für Arvato am Hörer. - © Verwendung weltweit
Telefonservice: Über 35.000 Mitarbeiter in weltweit 90 Call-Centern sind für Arvato am Hörer. | © Verwendung weltweit

Gütersloh Poker um die Call-Center von Bertelsmann läuft

Bertelsmann-Tochter Arvato: Kaufinteressenten erhalten in diesen Tagen einen Prospekt. Nach Schließung einiger Standorte dürften die Gewinnaussichten steigen

Martin Krause

Gütersloh. Als Bertelsmann-Chef Thomas Rabe Ende Januar den Verkauf der Call-Center ankündigte, schlug die Nachricht ein wie eine Bombe. Ein Geschäft mit weltweit mehr als 35.000 Mitarbeitern, die jährlich rund eine Milliarde Euro erwirtschaften, wird (komplett oder teilweise) abgestoßen? Ja, erklärte Rabe, der Call-Center-Markt wächst. Aber sein Konzern sei nicht bereit, die für die weitere Expansion nötigen Mittel bereitzustellen. Im Klartext: Es lohnt sich zu wenig. Inzwischen sind die Vorbereitungen für den Verkauf, der unter dem Projektnamen „Winston“ bis zum Herbst 2018 über die Bühne gebracht werden soll, weiter gediehen. Mehrere Dutzend Broschüren mit Kerninformationen sind versandt worden, und eine zweistellige Zahl potenzieller Erwerber oder Partner hat in diesen Tagen einen etwa 150-seitigen Prospekt mit Details erhalten. Sieben Standorte im Osten müssen schließen Im Mai ist zudem eine Maßnahme angekündigt worden, die Beobachter im engen Zusammenhang mit der Trennung vom Call-Center-Geschäft sehen: In Ostdeutschland sollen bis Mitte 2019 sieben Standorte mit 950 Mitarbeitern geschlossen werden. Als „skandalös“ kommentierte dies die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Bei der Bertelsmann-Tochter Arvato wird die Schließung mit der „fehlenden Wirtschaftlichkeit“ der Standorte und ihrer negativen Entwicklung begründet. Mit dem Verkauf des kompletten Bereichs habe die Entscheidung aber nichts zu tun. Dabei ist es durchaus üblich, Geschäftsfelder durch Sanierungsmaßnahmen profitabler und so für Erwerber attraktiver zu machen – der erzielbare Preis steigt mit den Gewinnaussichten. Ein Verkaufserlös irgendwo zwischen 400 und 800 Millionen Euro könnte für die Call-Center realistisch sein. Allerdings erhöhen Schließungen und Entlassungen im ersten Schritt die Kosten. Spekulationen zufolge muss Sparte 2018 mit operativen Verlusten (Ebit) rechnen. Doch der Konzern verspricht, dass der Bereich in zwei Jahren umso mehr Gewinn bringt. Arbeitnehmervertreter wollen "keine Heuschrecke" Bertelsmanns Betriebsräte drängen unterdessen darauf, möglichst vielen vom Jobverlust betroffenen Mitarbeitern eine neue Stelle anzubieten. Gewisse Sorgen gibt es auch in Gütersloh, wo Arvato rund 500 Mitarbeiter in Call-Centern hat, die zum Verkauf stehen. „Wichtig ist für uns, dass keine Heuschrecke einsteigt“, sagt ein Arbeitnehmervertreter. Gütersloher Gerüchten zufolge soll neben Investmentfirmen und anderen Call-Center-Betreibern auch der frühere Bertelsmann-Vorstandschef Hartmut Ostrowski Interesse an einem Kauf angemeldet haben. Der selbstständige Unternehmer könnte die Millionen wohl nicht allein finanzieren – aber vielleicht als Partner in einem Konsortium. Ostrowski zeigt sich skeptisch „Ich bin nicht an einer Investition interessiert“, wiegelt Ostrowski aber auf Nachfrage ab. Der 60-Jährige, der am Aufbau der Call-Center selbst einst maßgeblich mitgewirkt hat, ist auch nicht davon überzeugt, dass ein Turnaround so einfach möglich ist: „Das wird so nicht funktionieren.“

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