Halle Gerry Weber steht erneut vor Entlassungswelle

Modekonzern in der Krise: Beim Haller Unternehmen stehen rund 150 Stellen auf der Kippe. Die Gewerkschaft sieht dennoch einige positive Aspekte beim neuen Restrukturierungsprogramm

Stefan Schelp
Marc Uthmann

Halle. Die Gerry Weber AG streicht ein weiteres Mal viele Arbeitsplätze. 140 bis 150 Vollzeitstellen in der Zentrale und dem Logistikbereich sollen sozialverträglich abgebaut werden, teilt der Konzern mit. Im Umkreis des Unternehmens verlautet, dass weitere 80 Filialen dichtgemacht werden. In der Produktentwicklung, der Beschaffung, der Logistik und im Verwaltungsbereich sollen mit dem neuen Programm rund 13 bis 15 Millionen Euro eingespart werden. Die Einschnitte scheinen bitter nötig. Gewinn und Umsatz werden auf Jahressicht deutlich schlechter ausfallen, als bislang prognostiziert. So gehe man für das Geschäftsjahr nun nur noch von einem Umsatz von 830 bis 840 Millionen Euro anstelle von 870 bis 890 Millionen Euro aus. Beim Ergebnis vor Zinsen und Steuern rechnen die Verantwortlichen mit einem Verlust von bis zu zehn Millionen Euro. Ursprünglich hatte der Vorstandsvorsitzende Ralf Weber mit einem Gewinn von zehn bis 20 Millionen Euro kalkuliert. Hoffen auf Langzeitwirkung der Restrukturierung Das erste Halbjahr schlägt für Gerry Weber mit einem Umsatzrückgang von 5,4 Prozent auf 404,7 Millionen zu Buche, das Ergebnis vor Steuern und Abschreibungen (EBITDA) gab im 1. Halbjahr um 11,8 Prozent auf 25,5 Millionen Euro nach, gegenüber 28,9 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Das operative Ergebnis fiel gar um 46,7 Prozent auf 3,2 Millionen Euro. Einzig die Hallhuber-Schiene hat im ersten Halbjahr ihre Position verbessert. Gerry Weber setzt nun auf die Langzeitwirkung des Restrukturierungsprogramms. Die Umsätze sollen in den nächsten drei bis fünf Jahren „deutlich und stärker als der Markt steigen", heißt es und insgesamt die Kosten im mittleren, zweistelligen Millionenbereich sinken. Dadurch will man im gleichen Zeitraum beim operativen Ergebnis ein zusätzliches Potenzial in Höhe von bis zu jährlich 35 bis 40 Millionen heben.Nur zwei Jahre ist es her, dass Gerry Weber die ersten betriebsbedingten Kündigungen ausgespochen hatte – auch damals stand der Konzern kurz vor der Veröffentlichung der Halbjahreszahlen. 212 Arbeitsplätze wurden seither am Stammsitz abgebaut, mehr als 700 der 7.000 konzernweit. Umstrukturierung im Einkauf geplant Im Fokus des neuen Sparpakets steht nun wohl das Ende 2015 in Betrieb genommene Logistikzentrum im Ravenna-Park. Einen „holprigen Start" hatte Konzernchef Ralf Weber dem Hoffnungsprojekt bei der Bilanzpressekonferenz im Februar bescheinigt und betont: „Wir sind noch nicht da, wo wir sein wollen." Die Auslastung des logistischen Herzstücks lässt zu wünschen übrig. In der Branche ist das Interesse eines Logistikunternehmens für Lagerkapazitäten im Ravenna-Park Thema. Schließlich planen die Verantwortlichen nach Recherchen dieser Zeitung offenbar eine Umstrukturierung des Einkaufs. Mehr Material soll fertig in Asien eingekauft werden, Veredelungsarbeiten im Konzern könnten wegfallen. Die IG Metall gibt sich zurückhaltend: „Wir teilen die Einschätzung des Vorstandes, dass etwas getan werden muss", sagt Manfred Menningen, Gewerkschaftsvertreter im Aufsichtsrat. Die Marke zu stärken und den Umsatz zu steigern, seien begrüßenswerte Ziele. „Es mag betriebswirtschaftlich auch Sinn machen, Stellen zu streichen – aber da werden wir bei jeder einzelnen genau hinsehen und bewerten das generell kritisch." Keinesfalls dürfe Gerry Weber den Kern seiner Marke gefährden.

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