Botschafter Rüdiger von Fritsch (4. v. r.) trägt sich ins goldene Buch ein. Mit auf dem Foto stehen Thomas Niehoff (v. l.), Harald Grefe, Iurii Stetsenko (Gesandter der russischen Botschaft), Klaus Mangold, Matthias Schepp, Wolf D. Meier-Scheuven, Tobias Traupel und Jan-Hendrik Mohr. Foto: heiko stoll - © ihk heiko stoll
 Botschafter Rüdiger von Fritsch (4. v. r.) trägt sich ins goldene Buch ein. Mit auf dem Foto stehen Thomas Niehoff (v. l.), Harald Grefe, Iurii Stetsenko (Gesandter der russischen Botschaft), Klaus Mangold, Matthias Schepp, Wolf D. Meier-Scheuven, Tobias Traupel und Jan-Hendrik Mohr. Foto: heiko stoll | © ihk heiko stoll

Bielefeld Ostwestfalens Wirtschaft sucht Nähe zu Russland

Der Handelskonflikt mit den USA zwingt auch Unternehmen zum Nachdenken. Bei der IHK-Begegnungswoche ist dies ein großes Thema

Martin Krause

Bielefeld. Es hätte kaum einen brisanteren Termin für eine deutsch-russische Woche geben können als jetzt – nach dem Eklat beim G-7_Treffen in Kanada und dem Streit mit den USA. Rüdiger von Fritsch, der deutsche Botschafter in Moskau, hat es in Bielefeld auf den Punkt gebracht: „Es ergeben sich neue Notwendigkeiten für Zusammenarbeit", sagte der Diplomat zum Auftakt der IHK-Begegnungswoche „Ostwestfalen meets Russia". Angesichts egoistischer nationaler Bestrebungen („make America great again") in immer mehr Ländern von den USA und Russland bis zu China und der Türkei erinnerte er an ähnliche Tendenzen zu nationalen Alleingängen im 19. Jahrhundert, die dann im 20. Jahrhundert „in schrecklichen Katastrophen endeten". Von Fritsch diagnostizierte eine „bedenkliche Entwicklung", und dazu zählte er auch das massive Vorgehen der USA gegen die europäische Gasversorgung durch Russland und die einseitige Kündigung des Iran-Abkommens. Trotz allem werde es mit dem „unendlich wichtigen Partner Russland" nun „keine Kumpanei" geben. Der seit Jahren schwelende tiefe politische Konflikt mit Russland sei noch ungelöst, betonte von Fritsch. Annektion der Krim war großer Fehler Der Ost-Experte Klaus Mangold, Aufsichtsratschef der TUI AG, erinnerte kurz an die Vorgeschichte: Die völkerrechtswidrige Annektion der Krim sei ein „großer Fehler der Russen" gewesen, so Mangold. Der Ukraine-Konflikt und die Russland-Sanktionen folgten. Und nun auch noch der Streit im westlichen Lager. Auf diese und andere Herausforderungen wie die „geopolitische Aggressivität" Chinas seien Deutschland und die EU „schlecht vorbereitet", klagt Mangold: „Wir sind nicht so handlungsfähig, wie wir sein müssten". Schnelle Reaktionen seien unmöglich, die Entscheidungsprozesse der EU zu schwerfällig. Er nannte die innereuropäischen Probleme mit Ländern wie Polen, die Schwächung der EU durch den Brexit und die Schwäche Italiens: „Wenn wir diese Probleme nicht bald lösen, können wir nicht Gestalter sein." Teil der Lösung sei es, Russland als wichtigen Partner zu erkennen und die Hand stärker in die russische Richtung auszustrecken, so Mangolds Appell. Denn: „Europa funktioniert sicht ohne Russland." Freundschaft auf Eis Wolf D. Meier-Scheuven, der Präsident der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen, hatte zur Begrüßung nüchtern festgestellt, dass das Verhältnis zu Russland „leider eine abgekühlte Freundschaft" sei. Allerdings hätten gute Wirtschaftsbeziehungen eine friedensstiftende Wirkung, die es wieder zu entfalten gelte. Und obwohl eine Ende der Sanktionen nicht absehbar sei, sei es 2017 im Handel wieder aufwärts gegangen. Tatsächlich laufen die Geschäfte zwischen Deutschland und Russland „überraschend gut", so Matthias Schepp, Chef der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau. Deutsche Direktinvestitionen in Russland hätten 2017 den zweithöchsten Stand erreicht, die Rubel-Abwertung habe das Engagement noch attraktiver gemacht. Besucher würden Russland oft ganz anders als erwartet wahrnehmen, „viele sind begeistert", so Schepp. Zwar gebe es noch Probleme mit Korruption und Vetternwirtschaft, aber auch beachtliche Fortschritte und eine Verbesserung des Investitionsklimas. Eine Umfrage habe ergeben, dass 75 Prozent der Firmen ihre Investitionen trotz der US-Sanktionen beibehalten wollen, 16 Prozent wollen sie noch erhöhen – Zeichen von Krisenfestigkeit und „einem gewissen Trotz".

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