Ayleen Timp bringt eine Lampe an. Ihr Chef Marco Linnenbrügger und Dirk Kucharewa (r.) schauen zu. - © Wolfgang Rudolf
Ayleen Timp bringt eine Lampe an. Ihr Chef Marco Linnenbrügger und Dirk Kucharewa (r.) schauen zu. | © Wolfgang Rudolf

Wirtschaft Als Lehrling nach Frankreich

Woche der beruflichen Bildung (3): Ayleen Timp nutzte das Angebot der Handwerkskammer, die Firma Paul Heller ermöglichte ihr den Blick über den Tellerrand

Andrea Frühauf

Bielefeld. Schon in der Schule war sie handwerklich interessiert. „Ich wollte auf jeden Fall später im Handwerk arbeiten“, betont Ayleen Timp. Dass sie nach der mittleren Reife ausgerechnet eine Ausbildung zur Elektronikerin für Energie und Gebäudetechnik machen würde, hätte sie damals allerdings nicht gedacht. „Aber das Praktikum hat mir so gut gefallen“, sagt die 20-jährige Bielefelderin. Seit zwei Jahren arbeitet die Auszubildende bei der Bielefelder Firma Paul Heller, ein Spezialist für Badrenovierung, Heizungs- und Elektrotechnik. „Wir haben lange darüber diskutiert, ob wir eine Frau im gewerblichen Bereich ausbilden“, sagt Firmenchef Marco Linnenbrügger. Den Ausschlag gab wohl seine Frau, die mit Unterstützung einer Mitarbeiterin die Projektleitung für die Badrenovierung hat. Dies habe ihm die Entscheidung erleichtert, sagt Linnenbrügger. Schlucken musste er auch, als seine Auszubildende an einem Austausch in Frankreich teilnehmen wollte, den die Handwerkskammer OWL organisiert. Die Ausbildungsvergütung wird während dieser Zeit weitergezahlt. Linnenbrügger dachte bei allen Bedenken an seine eigenen „Wanderjahre“, die ihn erwachsener werden ließen. „Man kann ja auch mal Neuland betreten“, sagt er heute. Arbeit in einer Konzerthalle Das Elektroniker-Handwerk nahm erstmals an diesem Austausch teil, den die Kammer seit fast 40 Jahren mit der französischen Kammer in La Roche-sur-Yon und dem Kunsthandwerk in Nantes pflegt. Alle zwei Jahre fahren bis zu 20 Lehrlinge aus OWL nach Frankreich. Timp ist eine von nur zwei weiblichen Auszubildenden, die in Bielefeld diesen Beruf erlernen. Auch in Frankreich waren sie Exoten. „Die französischen Kollegen haben es mit Humor genommen“, sagt Timp. Fast zwei Wochen war sie in Frankreich. Das Bildungszentrum Martello für angehende Elektroniker in der Stadt La Roche-sur-Yon liegt rund 70 Kilometer von Nantes entfernt. „Timp war in Frankreich ganz auf sich gestellt“, betont Dirk Kucharewa, Ausbildungsberater der Kammer. Eine Dolmetscherin habe den beiden Bielefelderinnen geholfen. Neben dem Unterrichtsbesuch stand auch die praktische Arbeit im Betrieb auf dem Programm. In einer großen Konzerthalle hat Timp eine Kabelbühne angebracht. „Nach zwei Tagen durfte ich selbstständig arbeiten“, sagt sie stolz. „Das war eine gute Erfahrung.“ In Frankreich müsse der Nachwuchs in nur zwei Jahren das komplette breite Berufsspektrum erlernen. „Vieles lernen die französischen Handwerker erst später in der Praxis“, berichtet Timp. Sie ist froh, diese Auslandserfahrung gemacht zu haben. Ohne Französischkenntnisse habe sie sich mit den jungen Franzosen auf Englisch, mit Gestik und per Google ausgetauscht. Berufsausbildung ist internationaler „Die Berufsausbildung ist auch für Handwerksbetriebe internationaler geworden“, sagt Kucharewa. Betriebe, die einen Auslandsaustausch ermöglichen, stärkten die Kompetenzen ihrer Mitarbeiter. „Und sie fördern die Attraktivität als Ausbildungsanbieter und Arbeitgeber.“ In ihren zwei Ausbildungsjahren sei Ayleen erwachsener und selbstbewusster geworden, sagt ihr Chef. Ihm ist es egal, welchen Schultyp jugendliche Bewerber besucht haben. „Voraussetzung ist aber, dass sie die deutsche Sprache in Wort und Schrift beherrschen und die Grundrechenarten kennen. Und sie müssen engagiert sein. So wie Ayleen“, betont Linnenbrügger.

realisiert durch evolver group