Heino Uekermann wirft Jochen Schmitt vor, mit seiner auf ein „Schicki-Micki-Publikum" zielenden Werbestrategie Stammkunden in der Region verprellt zu haben. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp (Archiv)
Heino Uekermann wirft Jochen Schmitt vor, mit seiner auf ein „Schicki-Micki-Publikum" zielenden Werbestrategie Stammkunden in der Region verprellt zu haben. | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp (Archiv)

Herford Ex-Gesellschafter von Herforder Pils wehrt sich gegen Vorwürfe

Der langjährige Beiratsvorsitzende Heino Uekermann sieht die Wurzel der Krise, die 2007 zum Verkauf der Brauerei führte, in der Geschäftspolitik von Manager und Buchautor Jochen Schmitt

Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford. Als Fortsetzung eines Privatkrieges gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber und als inhaltlich an entscheidenden Stellen falsch dargestellt bewertet Heino Uekermann das Kapitel über die Herforder Brauerei im autobiografisch geprägten Buch "Der Jaust - Erinnerungen eines Erfolgsmangers" des früheren kaufmännischen Geschäftsführers Jochen Schmitt.

Schmitt macht in seinem Herforder Kapitel insbesondere die Geschäftsführer aus dem Kreis der Familie für einen Niedergang des einst blühenden Unternehmens verantwortlich und scheut auch vor persönlichen Angriffen nicht zurück.

Uekermann war lange Zeit größter Einzelgesellschafter

Heino Uekermann war seit 1970 mit einem Anteil von 12,5 Prozent lange Zeit größter Einzelgesellschafter und 25 Jahre lang Mitglied des Beirates als Aufsichtsgremium der Brauerei. Er habe, so Uekermann, in dieser Funktion einen Überblick über die wirtschaftliche Situation in guten wie in schlechten Jahren gehabt.

Er sieht die Verantwortung für Schwierigkeiten, in die die Brauerei seit den 90er Jahren geraten ist, bei Jochen Schmitt, dessen auf ein "Schicki-Micki-Publikum" zielende Werbestrategie verfehlt, zu teuer gewesen sei und die Stammkunden in der Region verprellt habe. Uekermanns Fazit: "Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen."

Uekermann nennt als Beleg Zahlen: "1986 übernahm Jochen Schmitt nach dem Tod des sehr erfolgreichen Manfred Abicht die kaufmännische Geschäftsführung mit einem Bier-Ausstoß von 1.075.234 Hektolitern. Verlassen hat er die Brauerei 1999 mit einem Bierabsatz in Höhe von 768.874 Hektolitern."

Er fühlt sich Herforder Pils immer noch verbunden

Hein Uekermann sieht die Wurzel der Krise der Brauer in der Geschäftspolitik von Manager Jochen Schmitt. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Hein Uekermann sieht die Wurzel der Krise der Brauer in der Geschäftspolitik von Manager Jochen Schmitt. | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Heino Uekermann ist als Urenkel des Firmengründers Georg auf dem Brauereigelände aufgewachsen und fühlt sich dem Unternehmen noch immer verbunden. Sein umfassendes Brauerei-Archiv hat er der Gemeinde Hiddenhausen, auf deren Gebiet die Brauerei liegt, vermacht.

"Die Geschäftsführer der Nachkriegsjahre haben die 1878 gegründete Brauerei Felsenkeller groß gemacht", sagt Uekermann und nennt die persönlich haftenden Gesellschafter Ulrich Uekermann (1909 - 1953) und dessen Sohn Heino Uekermann sen. (1953 - 1968), den kommissarischen Prokuristen Hermann Färber (1971) und Manfred Abicht (1971 - 1986).

Der Anfang vom Ende des eigenständigen Familienunternehmens im Jahr 2007 sei die Einstellung Schmitts als Geschäftsführer Verkauf/Marketing gewesen. "Schmitt wollte in Herford das ganz große Rad drehen und Herforder Pils zur nationalen Premiummarke mit 1,5 Millionen Liter Bierausstoß machen."

Den Ruf als "Sonnengott" bekommen

Darüber habe es schon bei seiner Antrittsrede in der Belegschaft Kopfschütteln gegeben. Weil er mit Kritik nicht habe umgehen können, habe er schnell den Ruf eines "Sonnengottes" bekommen.

Unter Vernachlässigung des Handels seien "Unmengen an Geld" in die Gastronomie geflossen. Oft seien Gastronomen Spezialausschänke für über einen Million DM ohne ausreichende Sicherheiten als Darlehen finanziert worden, die teilweise nicht zurückgezahlt werden konnten, denn die Absatzerwartungen seien hier meist nicht erreicht worden.

Die vom Beirat genehmigten Etats in Millionenhöhe für Gastronomiefinanzierung und Marketing - auch mit Fernsehspots - seien stets "schamlos" überzogen und Absatzprognosen nicht erfüllt worden. Die Geschäftsführer, so Uekermann, hätten stets eine starke Position im Unternehmen gehabt, das im Streubesitz vieler Familienmitglieder gewesen sei.

Weniger Absatz, aber kein Personalabbau

Trotz des sinkenden Bierabsatzes habe unter Schmitt ein angemessener Personalabbau nicht stattgefunden. Uekermann: "Die immer noch erzielten Gewinne ausschließlich aus dem Finanzgeschäft, die die Verluste aus dem Biergeschäft noch einige Zeit auffingen, verstellten den Blick für dringend notwendige Einsparungen."

Als "Bank mit angeschlossenem Brauereibetrieb" habe einmal eine Wirtschaftsprüfer das Unternehmen in einer Beiratssitzung scherzhaft genannt, um zu verdeutlichen, dass die Bankanlagen mehr Ertrag brachten als der Bierverkauf.

Nachdem der Absatz im Geschäftsjahr 1997/98 unter 800.000 Hektoliter zu fallen drohte, habe man von Schmitt ein Konzept gegen den Absatzrückgang verlangt. "Dass konnte er nicht, und das führte zur Trennung", sagt Uekermann.

"Irgendwann nicht mehr wettbewerbsfähig"

Es habe lange Zeit auch mangelndes Controlling im Finanzbereich des Unternehmens gegeben. Erst der 2002 angestellte Geschäftsführer Vertrieb/Marketing Udo Tydecks habe das fast ein Jahrzehnt später aufgedeckt.

Der Wertberichtigungsbedarf in Millionenhöhe habe zu hohen Verlusten geführt. "Im hart umkämpften Biermarkt mit den großen überregionalen Marken waren wir irgendwann nicht mehr wettbewerbsfähig", sagt Heino Uekermann.

"Um die durch die Verluste geminderten Rücklagen nicht gänzlich zu vernichten, Schulden machen zu müssen und Arbeitsplätze zu gefährden und angesichts des hart umkämpften Biermarktes haben die Gesellschafter schweren Herzens beschlossen, die Brauerei zu verkaufen", sagt Heino Uekermann. Einen ersten Verkaufsversuch habe es 2001 gegeben, einen zweiten 2004.

Die in den Blütejahren von den Brauereigesellschaftern aus den Gewinnen geschaffenen hohen Rücklagen hätten dafür gesorgt, dass die Brauerei dennoch bis zum Verkauf im Jahr 2007 an Warsteiner schuldenfrei geblieben sei. Der letzte Bierausstoß vor der Übergabe an den Konzern habe 667.839 Hektoliter betragen, sagt Heino Uekermann, der heute in der Nachbarschaft der Brauerei wohnt.

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