14.000 Variationsmöglichkeiten: Markus Temming selbst lässt sich seine Prototypen verglasen und trägt gerne Brille. In diesem Fall ein Modell aus hellgrauem Kunststoff und goldfarbenen Metallbügeln. - © Andreas Frücht
14.000 Variationsmöglichkeiten: Markus Temming selbst lässt sich seine Prototypen verglasen und trägt gerne Brille. In diesem Fall ein Modell aus hellgrauem Kunststoff und goldfarbenen Metallbügeln. | © Andreas Frücht

Gütersloh Die neuen Produktionsräume der Brillenmanufaktur von Markus Temming

Designer Markus Temming gewährt der NW Einblicke in die neuen Produktionsräume und das gesamte Manufaktur-Areal, das sich an der Haller Straße entwickelt

Jeanette Salzmann

Gütersloh. "Ich soll hier was für Markus T. abliefern", sagt der LKW-Fahrer und lässt sich von demselbigen ins Kontor schicken. Dass der Chef persönlich vor ihm steht, bemerkt er nicht und hält es wohl auch nicht für möglich. Zu unauffällig steht der 47-jährige mit Parka und Turnschuhen inmitten der Baustelle. Es ist seine Baustelle. Vor drei Jahren hat Markus Temming begonnen, im Frühsommer sollen nun die wesentlichen Arbeiten erledigt sein. Fertig! "Dann bin ich unfassbar froh", sagt Temming, und bei dem Gedanken strahlt sein Gesicht bereits heute vor Freude. 6.500 Quadratmeter umfasst das gesamt Areal seiner Brillenmanufaktur, wo einst der Brennereihof Elmendorf in Isselhorst stand. Auf 5.700 Quadratmetern ist Gewerbefläche entstanden, auf der restlichen Fläche gibt's Wohneinheiten. Der Frisör war als erstes da, die Volksbank ist nachgezogen, die Gastronomie auch, ein Oldtimer-Verleih kommt noch und das Hotel folgt in Kürze. "Es ist eine schwierige Baustelle", sagt Temming, "das Gebäude war kaum zu retten. Es war ein absoluter Kraftakt." Die Bausubstanz entlang der Haller Straße sei grenzwertig gewesen. Dass das denkmalgeschützte Bauwerk von 1888 keine leichte Aufgabe würde, sei ihm immer klar gewesen, aber die tatsächliche Umsetzung habe doch so manche Hürde zutage gebracht. "Was uns extrem zu schaffen gemacht hat, ist die hohe Auslastung der Baubranche", erklärt Temming, "wir mussten durch viel Eigenengagement ausgleichen." 10 Millionen Euro hat Markus Temming in die Brillenmanufaktur investiert. Ob er damit ausgekommen sei? Ungefähr. Er schmunzelt. "Es ist mir nicht leicht gefallen, hier in Isselhorst zu investieren." Er mag Küste, Wasser, Segeln, auch Berge. Gütersloh hat herzlich wenig von all dem, aber an die Ostsee umzusiedeln hätte bedeutet, erstmal keine Mitarbeiter mehr zu haben. "Die packen ja nicht den Koffer und kommen mit." Da war der Umzug vom Osthof an der Isselhorster Sraße zu Elmendorf an der Haller Straße mit geschätzten 500 Metern Distanz schon einfacher. 90 Mitarbeiter zählt das Unternehmen Markus T. aktuell. Tendenz steigend. Zum ersten dieses Monats sind drei neue Mitarbeiter dazu gekommen. Ein großes Werbeplakat am schmiedeeisernen Eingangstor fordert Vorbeifahrende auf, sich als Mitarbeiter zu bewerben. "Wir nehmen uns zehn Prozent Wachstum pro Jahr vor", mehr sei für das Klima im Unternehmen eher ungesund. Temming möchte seiner eigenen Expansion nicht hinterherrennen, möchte nicht unkontrolliert agieren. Das entspricht seinem Naturell. Auf der Baustelle plant der Chef selbst. Und nur er. Der Designer hat alle Materialien ausgesucht, eigene Schreibtische und Lounge-Möbel kreiert, Beleuchtung entwickelt, ganze Häuser entworfen. Damit gehört er bei Architekten und Handwerkern zu der eher unbeliebten Sorte der Bauherren, weil er rein gar nichts geschehen lässt. "Meine Frau hat mir geraten, ich sollte die Arbeit an die Architekten abgeben." Mit drei kleinen Kindern ist Zeit eine knappe Ressource. "Aber daran wäre ich zugrunde gegangen." Temming macht es selbst. Für ihn sei das Fluch und Segen zugleich. Die Einzigartigkeit im Detail sei für den Betrachter nicht sofort erkennbar, kennzeichne aber das Gesamtensemble. "Es hat enorme Kraft gekostet. Aber anders hätte ich wohl nicht dieses hohe Engagement für diese alte Hofstelle aufgebracht." Immer im Herbst läuft die große Brillenmesse in Paris. Dann folgen München und Mailand. Um die Kollektion bis dahin im Paket stehen zu haben, müssen jetzt die Vorbereitungen getroffen werden. Eine neue Formensprache der einzelnen Modelle zu entwickeln, dauert rund drei Monate. Dafür hat der Brillendesigner zwei Mitarbeiter, die daran maßgeblich wirken. Er selbst kümmert sich derweil um die wirklichen Neuentwicklungen. "Das ist mein Steckenpferd", sagt der studierte Optiker. Er tüftelt mit Chemikalien, um die Färbung der Brillen bis zum Europa-Patent zu optimieren. Oder experimentiert mit Kunststoffherstellern, bis die maximal flexible Fassung erstellt ist. Titan-Drähte müssen gebogen werden, Laser entwickelt, die Oberflächenbehandlung perfektioniert werden. Die leichteste Brillenfassung der Markus T.-Kollektion wiegt 2 Gramm. "So wenig Brille wie nötig. So viel Nutzen wie möglich", das ist die Handschrift von Markus T.. Eine Schraube sucht man in seiner Brillenproduktion vergeblich. Vor 20 Jahren hat sich der gebürtige Steinhagener selbstständig gemacht. Das Ziel, sagt Temming, habe er dabei weniger im Visier gehabt, als das Tun. "Ich möchte das entwickeln, von dem ich überzeugt bin." Er möchte frei sein in seiner Entscheidung - ganz gleich welcher. Dazu gehört auch, dass Temming seine Brillen in Deutschland produzieren lässt und nicht wie die Konkurrenz in China oder auf den Philippinen, wo die Lohnkosten ein Fünfzehntel betragen. Mit dem Umzug in die neue Manufaktur hat der Unternehmer auch seine bisher dezentralen Produktionseinheiten aus Berlin nach Isselhorst geholt. Alles Made in Gütersloh. Selbst die Brillen-Etuis werden hier gefertigt, die Kunststoffteile in Verl gespritzt. "Ich weiß, damit widerspreche ich meiner eigenen Ausbildung als Betriebswirt. Wir wachsen langsamer als die anderen. Aber dafür sind wir unabhängig. " Ob er die Farbe Rot nicht mag? "Doch, finde ich super", beteuert der Designer mit einem breiten Schmunzeln, "kann man gut mit Grau kombinieren." Er ist sich selbst in seiner bevorzugten Farbauswahl in all den Jahren treu geblieben, die matten Töne ziehen sich durch alle Kollektionen. "Wir sind trendlos", sagt der in Bielefeld wohnende Temming. Ein Brillenkonfigurator zeigt derweil die Kombinationsmöglichkeiten von Fassungen, Bügeln, Nasenstegen und Farben: 14.000 Variationen insgesamt. Gefertigt wird nach Auftrag, einen Lagerbestand gibt es nicht. Jede einzelne Brille wird von Hand montiert. Innerhalb von fünf Werktagen wird ausgeliefert. 250 bis 300 Brillen pro Tag verlassen die Isselhorster Brillenmanufaktur - die Hälfte davon findet ihre Käufer in Deutschland. Politiker Lothar de Maiziere hat eine auf der Nase. Markus Temming natürlich auch. "Ich bin kurzsichtig", aber er will seine Modelle auch testen. Die Prototypen lässt er sich verglasen und unterzieht sie seinem persönlichen Stresstest. Wie viele Brillen er für sich nutzt? "50 habe ich bestimmt in der Schublade", nicht zuletzt deshalb, weil sie ihm bisweilen langweilig werden. Mehr Brille, bitte! - und zwar für alle. "Das meine ich nicht, weil ich damit Geld verdiene, sondern weil wir Brillen in der Mode eher stiefmütterlich behandeln. Eine Brille ist teuer, ja, aber ein Mantel auch", und der werde nach seiner Auffassung sehr viel öfter gekauft. Dabei sei der Blick ins Gesicht doch das Wichtigste überhaupt. "Eine Brille verändert", sagt Temming, "damit macht man eine Aussage." Die Landfrauen haben sich schon angekündigt, ein paar andere Vereine haben auch schon nachgefragt. Sie alle wollen mal gucken in der "Gläsernen Manufaktur", die vom Unternehmer Temming einst angekündigt worden ist. Im Moment werden die Anfragen gesammelt. "Im Herbst werden wir damit starten, die Gruppen durch die Produktion zu führen." Bis dahin sollen alle Restarbeiten erledigt sein, und ein Konzept für die Führung muss auch noch erstellt werden. "Ich bin mega happy mit dem gesamten Komplex hier", wenn alle Mieter endgültig eingezogen sind, wird er sich auch ein bisschen Stolz-sein gönnen. Der Umbau des Brennereihofes ist von der reinen Baustelle zum Entwicklungsstandort für den Unternehmer geworden. Das Produktdesign seiner Leuchten und Möbel geht in die Vermarktung. Es entsteht die "Erlebniswelt Markus T.", wie Temming das Areal vor seinem Bürofenster bezeichnet. Die Marke wird sich auffächern. Mit dem Umbau habe er ein ganz spezielles Wohlfühl-Gefühl schaffen wollen. Das könne er bereits spüren. Die Handwerker-Bullis störten noch im Hof, und die Bäume müssten grün werden, um die schöne Optik zu entfalten. "Ich weiß, wie es fertig aussehen wird", sagt Markus Temming. "Und wenn ich abends über den Hof gehe, genieße ich jeden Schritt."

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