Bielefeld Raimund Becker im Interview: "Wir brauchen gesteuerte Zuwanderung"

Das wichtigste Thema für das Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit ist die Sicherung von Fachkräften

Sebastian Kaiser
Martin Krause

Bielefeld. Raimund Becker ist Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit. Das wichtigste Thema für ihn ist die Sicherung von Fachkräften, darüber spricht er im Interview. Herr Becker, wenn vom Arbeitsmarkt die Rede ist, sprechen viele nur noch vom Fachkräftemangel. Heißt das, Sie können es sich bequem machen? Raimund Becker: Nein. Aber vor zehn Jahren war die Massenarbeitslosigkeit für uns das wichtigste Thema, heute ist es die Fachkräftesicherung. Die Gründe sind bekannt. Die demographische Entwicklung gehört dazu, und es gibt mehr offene Stellen für Fachkräfte als für Hilfskräfte - aber unter den Bewerbern sind mehr Hilfskräfte als Fachkräfte. Die freien Arbeitskräfte passen also nicht zu den freien Stellen? Becker: Deswegen müssen wir alles tun, um die Beschäftigungsfähigkeit der Menschen in Deutschland zu erhöhen. Aber wir brauchen auch eine gesteuerte Zuwanderung von Fachkräften. Das ist etwas anderes als die humanitäre Zuwanderung durch Flüchtlinge. Und es reicht nicht, das inländische Arbeitskräftepotenzial maximal auszuschöpfen? Becker: 2017 sind mehr als 600.000 zusätzliche sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse entstanden. Allein 40 Prozent davon wurden durch EU-Binnenwanderung besetzt - etwa von Menschen aus Rumänien, Bulgarien oder Spanien. Und wir haben begonnen, in Drittländern gezielt Arbeitskräfte zu rekrutieren. Im Juli haben wir die 1.000ste examinierte Krankenpflegekraft von den Philippinen hergeholt. Wir haben im Pflegebereich großen Mangel und werben auch Arbeitskräfte in Bosnien-Herzegowina an. Gibt es weitere Felder? Becker: Ganz wichtig ist die Qualifizierung. Die Aufgabe lautet, Menschen durch formale Abschlüsse in ihrer Beschäftigungsfähigkeit zu stärken. Deutsche Arbeitgeber interessieren sich für formale Abschlüsse - die wollen einen Bäcker oder einen Elektriker. Ein weiteres Thema ist die präventive Beschäftigung mit jungen Menschen - wir müssen in der ersten Phase, in der sie mit dem Arbeitsleben in Berührung kommen, ansetzen. Viele Schulabgänger wissen gar nicht, welchen Beruf sie erlernen sollen. Viele leben in schwierigen familiären Verhältnissen, wo Arbeitstugenden fehlen und Tagesstrukturen aufgebaut werden müssen oder wo Gesundheitsprobleme, Alkohol oder Drogen eine Rolle spielen. Hier helfen wir. Sie fordern ein Zuwanderungsgesetz. Was muss es leisten? Becker: Man sollte klären, wie die Menschen schon in den Herkunftsländern Deutsch lernen können, und es müsste geregelt werden, dass deutsche Institutionen im Ausland dabei helfen, für Deutschland zu werben. Die Anerkennung von Berufsabschlüssen müsste am besten schon im Heimatland realisiert werden, und der Visatransfer muss unbürokratisch gestaltet werden. Zuerst geht es um den Abbau von Hemmnissen - ein Punktesystem wie es Einwanderungsländer wie Kanada haben, wäre eine Weiterentwicklung. Wie können Flüchtlinge zu Fachkräften werden? Becker: Wir müssen den Menschen erst einmal dabei helfen, die deutsche Sprache zu erlernen. Wir müssen herausfinden, was ihre Kompetenzen und Talente sind, denn sie kommen ja ohne jedes Zertifikat. Ganz viele junge Menschen, die jetzt in den Schulen sind, können wir vom dualen Ausbildungssystem überzeugen. Wer jung, aber nicht mehr in der Schule ist, muss anders für eine Ausbildung interessiert werden - das ist oft schwierig, weil die Menschen arbeiten und Geld nach Hause überweisen wollen, um die Familie zu unterhalten oder Schlepper zu bezahlen. Was haben Sie bisher erreicht? Becker: Wir haben 2017 etwa 6.000 Ausbildungsverhältnisse mit Flüchtlingen gestartet. Der Weg dorthin führt über ein Praktikum im Betrieb und eine Einstiegsqualifizierung. Einige gehen in eine Fortbildung, aber die Masse der Menschen geht direkt in den Arbeitsmarkt. Pro Woche etwa 2.000 Flüchtlinge - sie finden Jobs in Zeitarbeit, Reinigungsgewerbe oder Logistik. Droht eine Konkurrenz zwischen angeworbenen Arbeitskräften und Flüchtlingen? Becker: Bei der gesteuerten Zuwanderung geht es ja um Fachkräfte - und da haben wir ein echtes quantitatives Problem. Ich könnte derzeit jeden Monat 10.000 examinierte Altenpflegekräfte einstellen. Ähnliches gilt für Ärzte, aber auch für Handwerker etwa im Bereich Sanitär und Heizung - oder für Lokführer. Gibt es noch Probleme für Firmen, Flüchtlinge als Mitarbeiter zu rekrutieren? Becker: Die Betriebe müssen sich darauf einrichten, dass Anstellung und Betreuung von Flüchtlingen anders ist als gewohnt. Der Aufwand für Hilfe und Integration ist einfach höher. Ein Jugendlicher, der schnell im Sprachkurs ist, kann in fünf bis sechs Jahren eine Fachkraft sein. Aber das wird nicht allen gelingen. Die Arbeitsverwaltung hat durch die jahrelange Hochkonjunktur ein finanzielles Polster angelegt. Wie groß ist das jetzt? Becker: Derzeit etwa 17,2 Milliarden Euro. Eine Rücklage von etwa 20 Milliarden, so sagen es die Wissenschaflter, ist eine richtige Größe, um auch Krisen wie die Finanzkrise 2009 zu überstehen. Damals haben wir fast genausoviel Geld etwa in Kurzarbeit investiert und so zur Sicherung von Arbeitsverhältnissen beigetragen. Union und SPD wollen den Beitrag zur Arbeitslosenversicherung um 0,3 Prozentpunkte senken - können Sie damit leben? Becker: Wir hatten eine Senkung um 0,2 Prozentpunkte empfohlen, mit 0,3 können wir aber auch leben. Und was ist, wenn die Arbeitslosigkeit wieder leicht steigt? Becker: Wenn die Rahmenbedingungen so bleiben, wie die Eckwerte der Bundesregierung es aufzeigen, dann passt es. Es sind keine schlimmen Entwicklungen am Horizont zu sehen. Wir gehen davon aus, dass die Arbeitslosigkeit 2018 noch einmal um 60.000 sinkt. Das klingt nicht so, als ob Sie Angst vor der Digitalisierung hätten? Becker: Grob gesagt ist es ein Nullsummenspiel: Erwartet wird, dass 1,5 Millionen Arbeitsplätze überflüssig werden, und dass zugleich eine ähnlich große Zahl von Stellen neu entsteht. Allerdings ändern sich die Tätigkeitsmerkmale. Das hat es auch bisher schon gegeben - da ist dann aus dem Kfz-Mechaniker der Kfz-Mechatroniker geworden.

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