Bielefeld Arbeitgeberverband fürchtet Austritte aus der Tarifbindung

Verhandlungen: Weil die Löhne in den vergangenen sechs Jahren um 20 Prozent gestiegen sind, informieren sich viele regionale Unternehmer über die Möglichkeit aus dem Verband auszutreten. Dadurch könnte das System umkippen

Friderieke Schulz

Bielefeld. In Stuttgart sind die Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und der Gewerkschaft IG Metall in die sechste Runde gegangen. Dieter Kühnel, Hauptgeschäftsführer vom Unternehmerverband der Metallindustrie Ostwestfalen Bielefeld, Herford und Minden, blickt mit Sorge auf die Gespräche, denn viele seiner Mitglieder überlegen die Tarifbindung zu verlassen. "Tarifverträge haben ihren Sinn und Zweck. Es ist gut, dass wir sie haben. Aber das System des Tarifvertragswesen droht zu kippen", sagt Kühnel. Was in Ostdeutschland begonnen hat, könnte auch im Rest des Landes eintreten. "Dort sind viele Unternehmer nicht mehr im Verband. Das ist ein Grund für die geringeren Vergütungen dort." Unternehmen wechseln Status Je weiter nun an der Lohn-Schraube gedreht werde, desto mehr Unternehmer würden aus den tarifbindenden Verbandsmitgliedschaften in Mitgliedschaften ohne Bindung wechseln. Von 74 Mitgliedsunternehmen beim Verband in OWL sind derzeit 20 in dem Modell. Doch derzeit klingelt täglich das Telefon. "Allein in der letzten Woche waren es zehn durch alle Größenordnungen, die bei uns angerufen haben, um sich beraten zu lassen, wie sie wechseln können und was dies für sie bedeutet", sagt der Hauptgeschäftsführer. Aus der bisherigen Beratungssituation könnte bald Ernst werden, denn: "Es ist nicht so, dass es der Branche nicht gut geht. Für 80 Prozent unserer Mitglieder ist die Situation derzeit sogar sehr gut. Das Problem ist nur, dass wir inzwischen so hoch im Tarif sind, dass es langsam für manche schwer wird, es überhaupt zahlen zu können. Das System hat sich gedreht." Tarifverträge sehen nur Nullrunden oder Steigerungen Er wisse, dass es den Unternehmern nicht darum gehe, ihre Mitarbeiter nicht am Gewinn zu beteiligen. Man könne sich vorstellen, ihnen am Ende eines guten Jahres einen Bonus zu zahlen. "Die Tariferhöhungen von heute sind die Nulltarife von morgen. Es gibt keine Mechanismen runter zu gehen, wenn es einem Unternehmen nicht mehr so gut geht", so Kühnel. Dabei sei der Wille der Arbeitgeber im Tarif zu bleiben groß. Die 24-Stunden-Streiks, die auch die drei Bielefelder Unternehmen Mannesmann, Gestamp und DMG Mori getroffen haben, haben zu hohen Verlusten und womöglich deftigen Vertragsstrafen geführt. "Deswegen ist es wichtig, sich nun für beide Seiten vernünftig zu einigen. Sonst machen wir uns den Markt kaputt." Denn die Produktion in Deutschland habe kein Alleinstellungsmerkmal mehr: "Die Osteuropäer können schnell einspringen."

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