Wirtschaft Experte zur Firmennachfolge: "Unter Zeitdruck steigt das Fehlerrisiko"

Interview: Thomas Mikulsky, Experte der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen, rät, die Unternehmensnachfolge nicht auf die lange Bank zu schieben

Markus Reiferscheid

Herr Mikulsky, wie alt sind Unternehmensinhaber in OWL eigentlich? Wie dringend ist die Nachfolgefrage? Thomas Mikulsky: In NRW sind laut dem Mikrozensus 2014 – aktuellere Zahlen gibt es nicht – von den 818.000 Unternehmen 12 Prozent der Inhaber jünger als 35 Jahre, 21 Prozent 35 bis unter 45 Jahre, 34 Prozent 45 bis unter 55 Jahre, 14 Prozent 55 bis unter 60 Jahre, 10 Prozent 60 bis unter 65 Jahre und 9 Prozent älter als 65 Jahre. Für unsere Region Ostwestfalen gibt es dazu keine gesonderte Erhebung, die Verteilung dürfte aber ähnlich sein. Generell gilt: Je älter die Unternehmer, desto intensiver beschäftigen sie sich mit ihrer Nachfolgeregelung. In der Altersgruppe 55 bis unter 60 Jahre überwiegt der Anteil derer, die zumindest in die Planungsphase eingestiegen sind. Die zusammengefassten Altersgruppen ab 55 Jahren machen ein Drittel der Unternehmen aus, so dass insgesamt 232.000 Unternehmen in NRW betroffen sind. Was ist bei einer Unternehmensnachfolge zu beachten? Mikulsky: Das ist ein sehr komplexes Thema, das neben betriebswirtschaftlichen, rechtlichen und steuerlichen Aspekten auch persönliche und emotionale Herausforderungen beinhaltet. Letztere stellen oftmals die größte Hürde dar, die es zu überwinden gilt. Oftmals stehen außerdem persönliche Ziele im Mittelpunkt, deshalb gibt es keine schablonenhafte Lösung, sondern jeweils eine individuelle Ausgestaltung der Nachfolgeregelung. Allerdings gibt es einige wesentliche Ratschläge, die in fast allen Nachfolgefällen zu beachten sind: Man sollte frühzeitig damit beginnen, da es ein langwieriger Prozess ist. Zudem sollte man eigene Ziele abstecken, also etwa die Fragen für sich klären, wie die Zukunft des Unternehmens aussehen soll und welche persönlichen und familiären Ziele verfolgt werden sollen. Wen bezieht man beim Thema mit ein? Mikulsky: Bei der Zielfindung ist es häufig ratsam, die Familie mit ins Boot zu holen. Wenn etwa ein Nachfolger innerhalb der Familie vorhanden ist, sollte er beziehungsweise sie rechtzeitig an die Führungsaufgabe herangeführt werden. Andernfalls muss man rechtzeitig einen externen Nachfolger suchen. Dabei sollte das Wissen externer Experten mit einbezogen werden, wie Steuerberater und Rechtsanwälte. Des Weitern können unsere Mitgliedsunternehmen natürlich das IHK-Serviceangebot zur Unternehmensnachfolge nutzen. Wo entstehen Probleme? Mikulsky: Die Ursache vieler Probleme ist eine zu zögerliche oder späte Herangehensweise, oftmals weil die Komplexität unterschätzt wird oder der Inhaber nicht loslassen kann. In der Folge werden wichtige Prozessschritte nur oberflächlich behandelt. Unter Zeitdruck steigt das Fehlerrisiko. Untätigkeit kann dazu führen, dass potenzielle Nachfolgekandidaten, Mitarbeiter und Stakeholder den Nachfolgeprozess kritisch sehen. Mitarbeiter, aber auch Familienmitglieder könnten sich anders orientieren, Banken setzen die Bonität herab. Probleme entstehen oftmals auch im zwischenmenschlichen Bereich: Streitigkeiten innerhalb der Familie oder Gesellschafter stehen einer Lösungssuche entgegen. Welche Qualifikation brauchen Menschen, die ein Unternehmen übernehmen? Mikulsky: Die Übernahme eines bestehenden Unternehmens ist oftmals der Schritt aus einer abhängigen Beschäftigung heraus in die Selbstständigkeit. Neben fachlichen, branchenspezifischen und kaufmännischen Kenntnissen und Praxiserfahrungen, sollte der Übernehmer die erforderlichen persönlichen Fähigkeiten mitbringen. Dabei fällt das Anforderungsprofil je nach Branche und Betriebsgröße ganz unterschiedlich aus. Wie sieht der Idealfall der Übernahme aus? Mikulsky: Im Idealfall ist ein Übernahmeinteressent von seinen Fähigkeiten her vielseitig aufgestellt. Zumindest sollte er das Potenzial haben, in die Funktion als „Hans Dampf in allen Gassen" hineinzuwachsen. Neben Herzblut für unternehmerisches Handeln gehören Entscheidungsfreude, Belastbarkeit, Ausdauer, Kommunikationsstärke, Führungskompetenz und Kreativität zu den persönlichen Grundtugenden. Der Rückhalt der Familie, den Weg mitzugehen, gehört ebenfalls zur Basisqualifikation. Gibt es Beispiele für besonders gelungene oder besonders missglückte Unternehmensübernahmen? Mikulsky: Ja, die gibt es. Viele Unternehmen in der Region werden bereits von mindestens der zweiten Generation erfolgreich geführt. Da ist offenbar vieles richtig gemacht worden. Und in den meisten Fällen gelingt die Nachfolgeregelung vollkommen geräuschlos. Lassen Sie mich aber zwei besondere Fälle nennen: In einem Fall, der letztlich gut ausging, hatte der ausgeschiedene Inhaber eines Unternehmens keine zwei Jahre nach der Übergabe seinen ehemaligen, inzwischen insolvenzbedrohten Betrieb wieder übernommen. Es ist ihm dann mit über 70 Jahren gelungen, die wirtschaftliche Talfahrt zu stoppen, das Unternehmen wieder in die Erfolgsspur zu führen und die über 100 Arbeitsplätze zu retten. In einem anderen Fall hat der designierte Nachfolger Unternehmensanteile zurück auf seinen Vater, den Seniorchef, übertragen. Der Juniorchef hatte bereits selbst ein Alter erreicht, um sich über die eigene Nachfolgeregelung Gedanken zu machen, der Seniorchef hatte mit deutlich über 80 Jahren noch keinerlei Rückzugspläne. Das war sicherlich keine gelungene Übergabe. Aber in den allermeisten Fällen glückt die Nachfolge.

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