Fernsehauftritt: Ex-Manager Thomas Middelhoff. FOTO: IMAGO - © imago/Future Image
Fernsehauftritt: Ex-Manager Thomas Middelhoff. FOTO: IMAGO | © imago/Future Image

Wirtschaft Menschliche Wärme hat Middelhoff verändert

TV-Interview: Der verurteilte Bielefelder Ex-Manager genießt nach eigenen Angaben echte Dankbarkeit bei seiner Arbeit in einer Bethel-Werkstatt für Behinderte

Bielefeld. Thomas Middelhoff, der gefallene Top-Manager aus Bielefeld, geht ehrlich mit seinen Fehlern als Chef von Arcandor und Bertelsmann um. In der Freitagabend-Talkshow „III nach 9" sprach er mit Giovanni di Lorenzo über sein früheres Leben, kritisierte hart die heutigen Gefängnisse und sagte Unerwartetes über sein neu gefundenes Glück in einer Bethel-Einrichtung. „Waren sie gierig?", fragt der Talkmaster und Chefredakteur der Zeit im Laufe des Interviews. „Ja", antwortet der Bielefelder, der aktuell wegen Untreue in 27 Fällen und Steuerhinterziehung in drei Fällen eine Freiheitsstrafe von drei Jahren im offenen Vollzug der JVA Senne absitzt. „Ich habe mich so verhalten, wie ich glaubte, dass ein Manager sich verhalten muss. Heute würde mir das nicht mehr passieren." Middelhoff betonte, dass er sich stark verändert habe. Nie im Leben würde er in seinen alten Beruf zurückkehren. Es sind Konsequenzen aus seinem Sturz, den Vertrauensverlusten und der plötzlichen Einsamkeit, die er in Zeiten der Krise erlebt hat. „Heute will ich Menschen ersparen, dass sie mit mir gesehen worden sind. Ich stehe jetzt allein." Und dann sagt Middelhoff etwas über sein heutiges Leben als Freigänger und Hilfskraft in einer Behinderteneinrichtung von Bethel, das viele dem „eiskalten Managertypen" nicht zugetraut haben: „Wenn ich heute mit dem Rad nach Bethel fahre, da nehme ich die Jahreszeiten wahr, sehe die Fruchtbäume, sehe die Äcker. Früher bin ich in den Wagen gesprungen und war gedanklich schon beim nächsten Termin." Und er fügt an: „Wenn ich heute Behinderten das Material an den Arbeitsplatz bringe, oder beim Toilettengang begleite oder mit ihnen Kettcar fahre, dann bekomme ich mehr Dankbarkeit als vom Eigentümer, nachdem ich ihm sein Eigenkapital versechsfacht habe." Diese Erfahrungen mit menschlicher Wärme hätten ihn grundlegend verändert. "Wir hätten ihm einen Lappen und Putzmittel zur Verfügung gestellt" Der Bielefelder, der sich in dem Interview als früher narzisstischen Manager und naiv bezeichnete, hofft auf eine frühere Entlassung aus dem Vollzug zum 24. November 2017. Weil er keine Vorstrafen hatte und sich im Gefängnis gut betragen habe, sei eine Entlassung nach zwei Dritteln der zu verbüßenden Zeit üblich. Ob es tatsächlich so eintrete, könne der 64-Jährige nach vielen negativen Erfahrungen im Vollzug aber nicht sicher sagen. „Wie glauben Sie denn, ins freie Leben treten zu können?", fragt di Lorenzo zum Abschluss. Trotz einer unheilbaren Autoimmunkrankheit, die sich der Ex-Manager im Essener Gefängnis zugezogen habe, wolle er sich auch nach der Haft sozial engagieren und Bücher schreiben. Derweil reagierte NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU) auf Kritik von Middelhoff an den Zuständen im Essener Gefängnis,, die er in seinem Buch „A115 – Der Sturz" äußert. Biesenbach: „Herr Middelhoff beschwert sich, dass das Klo in seinem Haftraum gestunken habe. Sehr gerne hätten wir ihm einen Lappen und Putzmittel zur Verfügung gestellt."

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