Spitzenfunktionär: Frank Bsirske führt Verdi seit 2001. - © Sarah Jonek
Spitzenfunktionär: Frank Bsirske führt Verdi seit 2001. | © Sarah Jonek

Berlin Revolution von oben bei Verdi

Dienstleistungsgewerkschaft: Der Vorsitzende Frank Bsirske plant einen Umbau, um die Arbeitnehmerorganisation schlagkräftiger zu machen

Günther M. Wiedemann

Berlin. Von einer „Revolution von oben“ will man in der Berliner Bundeszentrale der Gewerkschaft Verdi nichts wissen. Doch genau die haben Gewerkschaftsboss Frank Bsirske und seine Vorstandskollegen losgetreten mit einem Papier zum Umbau ihrer Organisation. 16 Jahre nach Gründung der „Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft“ werden jetzt heilige Kühe zur Schlachtbank geführt. Statt der bislang 13 Fachbereiche soll es künftig nur noch vier geben. Eine gewaltige Zäsur. Denn die Fachbereiche sind die Seele der zwei Millionen Mitglieder zählenden Mammutorganisation, die für rund 1.000 Berufe zuständig ist. Sie sind der Kitt, der die fünf früher selbstständigen Gewerkschaften unter dem Dach von Verdi zusammengehalten hat. Die Fachbereiche, die es so in anderen Gewerkschaften nicht gibt, haben es ermöglicht, Traditionen (etwa als Postgewerkschaft oder IG Medien) und neue Verdi-Identität zu verbinden. Gleichzeitig hat das Organisationsmuster neben den parallel existierenden Landesverbänden, regionalen Bezirken und Ortsverbänden aber auch zu mühseligen Entscheidungsabläufen geführt. Von Anfang an war dies eine unbestrittene Schwäche der neuen Organisation, die die Verdi-Spitze jedoch glaubte hinnehmen zu müssen.Dramatischer Mitgliederrückgang seit der Gründung Jetzt werden andere Prioritäten gesetzt. „Unschlüssigkeiten in den bisherigen Strukturen“ müssten auf den Prüfstand, zumal sich Branchen unterschiedlich entwickelt hätten, steht im Papier des Vorstandes. Die Zusammenfassung mehrerer Fachbereiche solle dazu führen, dass man nicht in der Versäulung des eigenen Fachbereichs verhaften bleibt, sondern mehr miteinander denkt“. Der Vorstand reagiert mit den Plänen freilich auch auf die Tatsache, dass Verdi seit der Gründung 2001 einen dramatischen Mitgliederrückgang erlitten hat. Von einst über 2,8 auf nur noch 2,0 Millionen. Die Zahl der Mitarbeiter – derzeit rund 3.000 – ist nicht entsprechend gesunken. Sie ist sogar höher als bei der mehr Mitglieder zählenden IG Metall. Gibt es künftig weniger Fachbereiche, dann wird auch der Vorstand kleiner, wird hinter vorgehaltener Hand eingeräumt. Und ein kleinerer Vorstand benötigt weniger Mitarbeiter. Die Reform wäre (auch) eine Sparmaßnahme.Bis September 2019 Zeit für die Debatte In die gleiche Richtung zielt eine andere interne Umbaumaßnahme: Die Zahl der Bezirke unterhalb der Landesebenen wird praktisch halbiert von 21 auf elf. Das sorgt intern nicht nur für Begeisterung. Auch nicht das Projekt, eine Zwei-Klassengesellschaft bei den Funktionären zu schaffen: Die einen kümmern sich in Service-Centern um Mitgliederbetreuung, die anderen gehen in die Betriebe, organisieren Tarifbewegungen, betreuen Betriebsräte. Dadurch solle Verdi schlagkräftiger werden, heißt es. Die Gewerkschaftsspitze hat ihre Umbau-Pläne zur Beratung in die Organisation gegeben und will sie vorerst nicht öffentlich erläutern. Bis September 2019 soll Zeit für die Debatte sein. Sie hat sehr kontrovers begonnen. Denn die Größe der Fachbereiche entscheidet über Personal und Geld. Die Umbaupläne machen deshalb manchen Angst, andere sagen, es sei gut, dass sich endlich etwas tue. Der Gewerkschaftstag Ende 2019 soll entscheiden. Frank Bsirske, der dann in den Ruhestand gehen will, will seiner mutmaßlichen Nachfolgerin Andrea Kocsis (51) eine schlagkräftigere Organisation übergeben.

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