Einfamilienhaus in Esterwegen: Auch im Emsland wird laut IW-Forschern zu viel gebaut.  - © dpa
Einfamilienhaus in Esterwegen: Auch im Emsland wird laut IW-Forschern zu viel gebaut.  | © dpa

Wirtschaft IW-Studie: Zu viele Neubauten auf dem Land

Forscher warnen auch in OWL vor Zersiedelung, verödenden Dorfzentren und Preisverfall

Andrea Frühauf

Bielefeld. Während in Großstädten Wohnraum noch immer fehlt, wird in vielen Landkreisen weit über Bedarf gebaut. Laut einer Baubedarfsanalyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) entstanden etwa im Kreis Höxter im Zeitraum 2011 bis 2015 insgesamt 764 zusätzliche Wohneinheiten, darunter 496 Ein- und Zweifamilienhäuser. Und dies, obwohl dort nach Ansicht der Forscher überhaupt kein Bedarf vorhanden war und „nicht eine Immobilie gebaut werden muss", wie Ralph Henger, Mitautor der Studie, betont. Angesichts der demografischen Entwicklung und vorhandener Leerstände sehen die Forscher im Kreis Höxter auch langfristig, bis 2030, keinen Bedarf. Henger warnt: „Wir bauen den Leerstand von morgen." Steigende Zinsen würden den Preisverfall von Immobilien auf dem Land befeuern. Wenn Bauherren ihr Eigenheim nach fünf bis zehn Jahren verkaufen müssten, fehle womöglich die Nachfrage. „Wer bis zum Lebensende in seiner Immobilie lebt, ist davon nicht betroffen." Die Forscher kritisieren Kommunen, die zu viel Bauland ausweisen und dieses günstig anbieten, um 30- bis 40-Jährige mit ihren jungen Familien anzuziehen. „Kommunen sollten nicht zu Dumpingpreisen Bauland verkaufen, sondern miteinander kooperieren", fordert Henger. Infrastruktur wird nicht effizient genutzt Angesichts der günstigen Finanzierungen (günstiges Bauland, Niedrigzinsen) werden laut IW-Studie im ländlichen Raum Neubauten gegenüber Altbauten bevorzugt. Damit entstünden neue Leerstände, da die Bevölkerung im ländlichen Raum schrumpfe. „Und vor allem veröden zunehmend die Dorfzentren." Henger warnt: „Durch die Zersiedlung mit neuen Baugebieten wird die Infrastruktur nicht effizient genutzt, was die Kosten für die Kommunen weiter treibt." Und die Attraktivität der Kommunen sinke mit der Zersiedelung und Leerständen weiter. Grundsätzlich sehen die Forscher bei einer Quote von mehr als 110 Prozent den Bedarf als übererfüllt an. Im Kreis Lippe sind es 525 Prozent. Während dort insgesamt 472 zusätzliche Wohneinheiten nötig waren, wurden 2.480 gebaut – darunter 1.360 Ein- und Zweifamilienhäuser. Im Kreis Minden-Lübbecke (412 Prozent) wurden 1.808 Wohneinheiten über Bedarf gebaut. Im Kreis Herford (389 Prozent) waren insgesamt 500 zusätzliche Wohneinheiten nötig. Gebaut wurden 1.936 Wohneinheiten – 1.436 zu viel. Auch dort sind mehr als die Hälfte Ein- und Zweifamilienhäuser (Wohneinheiten mit fünf Räumen). Die Stadt Herford habe sich seit einigen Jahren trotz hoher Nachfrage bei der Vergabe von Baugrundstücken sehr zurückgehalten, sagt der Herforder Beigeordnete Peter Böhm. „Wir wussten, dass wir überalterte Quartiere mit über 70-jährigen Bewohnern haben." Zudem gebe es mit dem erwarteten Abzug der Briten 300 neue Wohneinheiten, eine weitere Kaserne sei als Wohnstandort geplant. Die Kreisverwaltung Herford greift nach eigenen Angaben in die Planungshoheit der Gemeinden nicht ein. Auch Lübbeckes Bürgermeister Frank Haberbosch weist die IW-Vorwürfe von sich: „Wir weisen doch nicht an der Peripherie Bauland aus, wenn in der Stadt Flächen frei sind." Im Ortsteil Gehlenbeck entwickele die Stadt auf einer Wiese Bauland, „um zum Selbstkostenpreis Grundstücke anzubieten". Insgesamt sind laut IW in den ländlichen Kreisen 20 Prozent mehr Wohnungen gebaut worden als nötig. Bei Einfamilienhäusern sind es mehr als doppelt so viele. Betroffen ist selbst Bayern.

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