Equal-Pay-Beraterin: Meike Stühmeyer-Freese. - © Carolin Nieder-Entgelmeier
Equal-Pay-Beraterin: Meike Stühmeyer-Freese. | © Carolin Nieder-Entgelmeier

Bünde Interview mit einer Equal-Pay-Beraterin: „Minijobs sind Sackgassen“

Zweiter Teil der NW-Themenwoche "Weg zur Lohngerechtigkeit": Die Equal-Pay-Beraterin Meike Stühmeyer-Freese aus Bünde spricht im Interview über die Lohnlücke und Rentenkluft zwischen Männern und Frauen.

Carolin Nieder-Entgelmeier

Bünde. "Minijobs sind Sackgassen", sagt Meike Stühmeyer-Freese. Die Equal-Pay-Beraterin aus Bünde spricht im Interview über die Lohnlücke und Rentenkluft zwischen Männern und Frauen als Folge von Erwerbsunterbrechungen Frau Stühmeyer-Freese, Sie sind Equal-Pay-Beraterin. Was machen Sie in dieser Funktion? Meike Stühmeyer-Freese: Ich verwende lieber den Begriff Botschafterin für Entgeltgleichheit, denn die Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern spielt nicht nur am Equal Pay Day eine Rolle, sondern jeden Tag. Als Beraterin kläre ich in Vorträgen über die Lohnungleichheit auf und stelle die strukturellen Ursachen, aber auch die persönlichen Entscheidungen vor, die die Lohnungleichheit zur Folge haben. Ich wende mich damit besonders an Frauen, damit sie wissen, welche Konsequenzen Erwerbsunterbrechungen, Teilzeitarbeit und andere Entscheidungen ihrer Erwerbsbiografie haben. Ich möchte keiner Frau Lebenswege vorschreiben, sondern sie darüber informieren, welche Folgen Entscheidungen haben, die häufig gemeinsam mit dem Partner gefällt werden. Die Auswirkungen werden besonders dann offensichtlich, wenn sich Lebensentwürfe ändern. Wie reagieren Frauen auf Ihre Botschaften? Stühmeyer-Freese: Viele Zuhörerinnen sind schockiert. Auch gut informierte Frauen sind darüber erstaunt, dass die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen noch immer bei 21 Prozent liegt und sich diese Differenz im Laufe des Lebens auf 57 Prozent im Rentenalter auswächst. Auch, dass Frauen lediglich 22,6 Prozent zum Familieneinkommen beitragen und 52,4 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit wie Haushalt, Ehrenamt, Pflege und Kinderbetreuung leisten, schockt. Daran merke ich, dass noch nicht genug Aufklärung geleistet wurde. Was sind die Hauptgründe für die Lohnlücke? Stühmeyer-Freese: Die Bildung spielt dabei keine Rolle, weil Frauen inzwischen die besseren Schulabschlüsse haben und stärker an den Hochschulen vertreten sind. Allerdings wählen Frauen andere Studienfächer und Ausbildungsberufe als Männer, die sich vor allem auf technische und naturwissenschaftliche Bereiche konzentrieren. Diese Wahl ebnet den Weg der Lohnungleichheit, denn Berufe im Sozialwesen oder im Dienstleistungssektor bieten weniger Aufstiegsmöglichkeiten und werden schlechter entlohnt als typische Männerdomänen. Am meisten befeuern Erwerbsunterbrechungen, niedrige Erwerbsbeteiligung und Löhne, hohe Teilzeitquoten und Beschäftigungen in Minijobs die Lohnungleichheit in Deutschland. 90 Prozent aller Frauen haben Unterbrechungen in ihrem Erwerbsleben, häufig aufgrund der Kindererziehung und oder der Pflege von Angehörigen. Das gilt jedoch nur für zehn Prozent der Männer. Derzeit ist zwar ein gesellschaftlicher Wandel zu erkennen, weil immer mehr Väter Elternzeit nutzen, doch die werden leider noch immer zu häufig belächelt oder ihnen werden Steine in den Weg gelegt. Es hängt also auch sehr viel an unserer Gesellschaft, aber auch an den gesetzlichen Rahmenbedingungen, wie die Veränderung des Unterhaltsrechts zum Nachteil von Frauen und das überholte Modell des Ehegattensplittings, das die tradierte Rollenverteilung befördert. Was muss sich ändern, um die Lohnlücke zu schließen? Stühmeyer-Freese: Wir benötigen eine gesellschaftliche Debatte über tradierte Rollenbilder. Wichtig sind zudem das Rückkehrrecht auf Vollzeit und die Umwandlung von Minijobs. Auch Beschäftigung im geringen Umfang muss vom ersten Euro an sozialversicherungspflichtig sein, um vor Altersarmut zu schützen. Zudem besteht in der Bewertung von Berufen ein Ungleichgewicht. Warum bekommen Pflegekräfte keine Erschwernis- oder Schmutzzulagen, Fachpersonal auf dem Bau hingegen schon? Deshalb ist mehr Transparenz nötig. Das Lohngleichheitsgesetz geht da nicht weit genug, weil es nur für Unternehmen mit mehr als 200 Mitarbeitern gilt. Was können Frauen in ihrem persönlichen Umfeld tun? Stühmeyer-Freese: Ich empfehle Frauen, Entscheidungen mit Beginn einer Schwangerschaft nicht mit einer rosaroten Brille zu fällen, sondern die langfristigen Folgen zu bedenken. Zudem informiere ich darüber, dass Minijobs in der Regel keine Brücken in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen sind, sondern Sackgassen. Wenn Männer oder Steuerberater Ehefrauen dazu raten, nicht oder nur als Minijobberin zu arbeiten, dann benötigen diese Frauen eine entsprechende Absicherung – beispielsweise per Ehevertrag. Zur Person: Meike Stühmeyer-Freese (46) ist Betriebswirtin und arbeitet Vollzeit. Seit 2015 ist sie Equal-Pay-Beraterin im Deutschen Landfrauenverband. Der Verband qualifizierte in einem Pilotprojekt mit dem Bundesfamilienministerium 13 Beraterinnen. Stühmeyer-Freese lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Bünde. Weitere Infos: www.landfrauen.info

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