Skeptisch: Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. - © dpa
Skeptisch: Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. | © dpa

Wirtschaft Wirtschaftsforscher Marcel Fratzscher: „Es wird bergab gehen“

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung spricht über goldene Jahre, verpasste Chancen und die Gefahren deutscher Überheblichkeit

Andreas Niesmann

Herr Fratzscher, wie geht es der deutschen Wirtschaft? Marcel Fratzscher: Im Augenblick sehr gut. Vielleicht sogar so gut wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Wirtschaftlich gesehen befinden wir uns auf einem absoluten Höhepunkt. Also alles super? Fratzscher: Leider nein. Ich habe bewusst Höhepunkt gesagt, weil vieles darauf hindeutet, dass die goldenen Jahre bald vorbei sein könnten. Das Wirtschaftswachstum wird bergab gehen, daran besteht kein Zweifel. Die Frage ist, wie stark der Abschwung sein wird und wie schnell er kommt. Für dieses Jahr bin ich noch ganz optimistisch, wahrscheinlich werden auch die Beschäftigtenzahlen noch einmal steigen, wenn auch deutlich schwächer als 2016. Aber irgendwann wird sich das wegen der Demografie umdrehen. Bereits heute können wir eine Million Stellen wegen des Arbeitskräftemangels nicht besetzen. Wenn die Beschäftigtenzahl sinkt, geht auch das Wachstum zurück. Sind wir drauf vorbereitet? Fratzscher: Nein, sind wir nicht. Die gute Lage heute ist ja nicht das Resultat kluger Wirtschafts- oder Sozialpolitik, sondern hat viel mit Glück zu tun. Das Arbeitsmarktwunder wäre ohne die riesige Zuwanderung von Menschen aus anderen EU-Ländern undenkbar wie die Überschüsse der öffentlichen Haushalte ohne das niedrige Zinsniveau. Und der schwache Euro hat den Exportunternehmen geholfen. Es waren die Umstände? Fratzscher: Ja, auch die europäische Krise erklärt einiges. Allein durch niedrige Zinsen spart der Staat 45 Milliarden Euro pro Jahr. Ohne diesen Effekt hätte die Regierung in ihrem Haushalt ein ganz dickes Minus. Wir profitieren von der Misere der anderen Euro-Länder? Fratzscher: Wir profitieren nicht von der Krise, aber Deutschland profitiert massiv von Europa. Die Botschaft der EU-Gegner, dass wir trotz Europa so gut dastehen, ist jedenfalls schlicht falsch. Wegen Europa stehen wir so gut da, das ist die Wahrheit. Es gibt in Deutschland die weit verbreitete Meinung, dass wir alles richtig gemacht haben und so etwas wie der Superstar des Kontinents sind. Das bezweifle ich stark. Und ich halte die deutsche Überheblichkeit für gefährlich. Worin besteht die Gefahr? Fratzscher: Die Politik klopft sich auf die Schulter und versäumt es, das Land fit für die Zukunft zu machen. Wir haben goldene Jahre und nutzen sie nicht, um uns langfristig gut aufzustellen. Wir müssen heute sicherstellen, dass es auch in zehn, fünfzehn Jahren Wachstum, Produktivität und viele gute Jobs gibt. Was muss passieren? Fratzscher: Die Regierung muss mehr in Infrastruktur investieren. Dabei geht es nicht nur um Straßen und Brücken, sondern auch um digitale Infrastruktur. Kaum ein Industrieland ist da so schlecht aufgestellt wie Deutschland. Außerdem geben wir viel zu wenig für Bildung aus. Vor allem im frühkindlichen Bereich muss die Politik mehr tun und den eingeschlagenen Weg entschieden fortsetzen. Und dann ist da die soziale Ungleichheit, die so hoch ist, dass sie bereits heute einen signifikanten wirtschaftlichen Schaden anrichtet. Unterschiede zwischen Arm und Reich bedrohen die Wirtschaft? Fratzscher: Soziale Ungleichheit ist die größte gesellschaftliche Herausforderung unserer Tage. Über ein Drittel der Beschäftigten, nämlich die am unteren Ende der Verteilung, haben heute geringere reale Einkommen als noch vor fünfzehn Jahren. Die Menschen verdienen weniger. Trotz Wirtschaftsbooms. Trotz Rekordbeschäftigung. In unserem Jubel über die vermeintliche wirtschaftliche Stärke ignorieren wir das – und wundern uns, wenn diese Menschen plötzlich Populisten ihre Stimme geben. Wie kann Politik gegensteuern? Fratzscher: Sie sollte in die Menschen in unserem Land investieren. Das Problem der sozialen Ungleichheit muss sie angehen, indem die soziale Teilhabe und Chancen verbessert und fairer verteilt werden. Und drittens muss die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit langfristig gesichert werden. Dazu brauchen wir eine Steuerreform, die Privilegien einzelner Branchen beschneidet und mehr Markt und mehr Wettbewerb schafft. Wir werden noch zwei, vielleicht drei Jahre Zeit haben, diese Weichen zu stellen. Ich fürchte aber, dass die Politik stattdessen lieber Wahlgeschenke wie Steuersenkungen und Rentenerhöhungen verteilt.

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