Neue Erkenntnisse gewonnen: Werner Abelshauser recherchierte in Archiven in Washington und Moskau. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Neue Erkenntnisse gewonnen: Werner Abelshauser recherchierte in Archiven in Washington und Moskau. | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Wirtschaft Interview: „Es gab kein Wirtschaftswunder“

Der Bielefelder Historiker Werner Abelshauser hat ein Buch über seine neuen Erkenntnisse geschrieben

Andrea Frühauf

Bielefeld. Wenn es nach dem Bielefelder Historiker Werner Abelshauser geht, hat es nie ein Wirtschaftswunder gegeben.Über seine Erkenntnisse hat er ein Buch geschrieben - und spricht er mit uns im Interview. Demnach wollte Helmut Schmidt mit deutschen Devisenreserven den Einfluss auf dem Weltmarkt stärken. Herr Professor Abelshauser, was macht eigentlich das deutsche Wirtschaftswunder aus? Werner Abelshauser: Natürlich gab es kein Wirtschaftswunder. Die westdeutsche Wirtschaft konnte bis Anfang der 60er Jahre in großer Geschwindigkeit auf den Wachstumspfad zurückkehren, den sie Ende 1944 verlassen musste. Und sie konnte aus einem großen Reservoir qualifizierter Arbeitskräfte schöpfen. Das Wirtschaftspotenzial – hier insbesondere des Maschinenbaus – war trotz Luftkrieg größer als vor dem Krieg. Wieso? Abelshauser: Nach 1945 musste die Produktion auf Befehl der Alliierten eingestellt werden. Diese Lähmung war 1947 vorbei, weil die Alliierten die westdeutsche Wirtschaft dann dazu einsetzten, Westeuropa zu stabilisieren. Bis Anfang der 60er Jahre hatte die westdeutsche Wirtschaft zweistellige Wachstumsraten, weil sie dieses Reservoir ausschöpfen konnte. Das war kein Wunder. Warum sprechen dann alle vom deutschen Wirtschaftswunder? Abelshauser: Weil kaum jemand diesen Rekonstruktionseffekt verstanden hat. Das eigentliche Wunder war, dass die deutsche Wirtschaftspolitik schon Anfang der 50er Jahre erkannt hat, dass die Wettbewerbsstärke Westdeutschlands auf dem Weltmarkt liegt – nicht allein in Europa. Warum? Abelshauser: Weil es damals schon „Schwellenländer" gab, die in den Club der Industriestaaten eintreten wollten. Das waren Länder wie Ägypten, Indonesien, Türkei, aber auch schon damals Indien und Brasilien. Sie brauchten Maschinen, Anlagen und Elektrotechnik, die ihnen deutsche Unternehmen lieferten. Indien und Brasilien gehören noch heute zu den Schwellenländern. Und es sind immer weitere dazu gekommen. Ludwig Erhard hat schon 1950 erkannt, dass die deutsche Wirtschaft auf diesen Markt ausgerichtet sein muss. Das ist der Grund, warum die deutsche Wirtschaft seit 1952 geradezu nachhaltig Überschüsse erzielt. Hat es für Ihre Arbeit etwas gebracht, in Archiven von Moskau bis Washington an geheimes Aktenmaterial zu kommen? Abelshauser: Da gibt es viele neue Erkenntnisse. So ist uns klar geworden, dass das Kanzleramt seit Mitte der 70er Jahre eine deutsche Führungsposition in Europa und auch weltweit betrieben hat, weil es damit Einfluss auf die Spielregeln der Weltwirtschaft in Sachen Freihandel, Zollfragen oder GATT nehmen wollte. Um Einfluss auf die Spielregeln der Weltwirtschaft zu nehmen, brauchte man Europa. Deutschland konnte in internationalen Verhandlungen als Sprecher Europas auftreten und hatte damit mehr Gewicht. Kanzler Helmut Schmidt wollte damals deutsche Devisenreserven nutzen, um Partner für Deutschland zu gewinnen und den deutschen Einfluss in Europa und auf dem Weltmarkt zu stärken. Das war eine sanfte Form des Führungsanspruches. Deutschland war Zahlmeister. Welche Strategie verfolgte der spätere Kanzler Helmut Kohl? Abelshauser: Als Kohl 1983 an die Macht kam, wollte er die Bundesrepublik Deutschland in eine Führungsposition bringen, die in etwa der Rolle der USA in der NATO entsprach. Kohl wollte damit ebenso wie Schmidt einen stillen Führungsanspruch ausüben. Diese Strategie wurde dann aber durch die Wiedervereinigung gebremst. Da hat insbesondere Frankreich dafür gesorgt, dass Deutschland seine Macht, die es mittels der Ankerrolle der D-Mark und der Bundesbank hatte, verloren hat. Das Ergebnis ist die Europäische Zentralbank, in der Deutschland nur eine Stimme unter vielen hat.

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