Das Containerschiff "Cap San Raphael" der Reederei "Hamburg Süd" hat in Hamburg im Stadtteil Waltershof an den Containerterminals festgemacht. - © dpa
Das Containerschiff "Cap San Raphael" der Reederei "Hamburg Süd" hat in Hamburg im Stadtteil Waltershof an den Containerterminals festgemacht. | © dpa

Wirtschaft Hamburg Süd: Oetker hat den Schiffbruch mehrfach überstanden

Der Einstieg in das Reedereigeschäft war ein entscheidender Schritt für die Expansion des Oetker-Konzerns. Heute ist das Bielefelder Unternehmen mit dem globalen Branchendruck überfordert. Am Standort Hamburg herrscht Skepsis

Martin Krause
Andrea Frühauf

Bielefeld. Seine Reedereien waren dem 2007 verstorbenen Firmenpatriarchen Rudolf-August Oetker besonders ans Herz gewachsen. Bereits 1936 hatte sein Stiefvater Richard Kaselowsky, der das Familienunternehmen in den Kriegswirren nach dem Tod von Oetkers Vater leitete, für Dr. August Oetker einen Anteil von 25 Prozent an Hamburg Süd erworben. Die Reederei, die drei Jahre später über 52 Schiffe verfügte, erlitt früh Schiffbruch. In Folge des Zweiten Weltkriegs musste sie 1945 schon den zweiten Totalverlust der gesamten Flotte hinnehmen. Die Schiffe gingen verloren oder mussten als Reparationsleistung abgeliefert werden. Doch Oetker, der nach der Währungsreform 1948 das Geschäft ausweitete und dabei „nicht alle Eier in einen Korb legte" (sein geflügeltes Wort), um Risiken zu verteilen, brachte die Reederei wieder auf Kurs. Sein Sohn August Oetker, der heute den Beirat des Oetker-Konzerns führt, setzte auf Internationalisierung und auf Zukäufe. Zum Konzern mit 30.000 Mitarbeitern gehören neben der Reederei nun vor allem der Lebensmittelkonzern (Pizzen, Backpulver, Pudding) inklusive dem Tortenbäcker Coppenrath & Wiese, die Brauereisparte Radeberger, die Sektkellerei-Gruppe Henkell, die Privatbank Lampe, ein Chemieunternehmen, Luxushotels und ein Kochbuch-Verlag. Ottmar Gast, der Chef der Reedereigruppe Hamburg Süd, machte angesichts der Flaute in der Containerschifffahrt bereits 2014 kein Hehl daraus, dass eine Fusion der Reederei mit dem großen deutschen, aber damals bereits defizitären Rivalen Hapag-Lloyd sinnvoll sei. „Größe ist für die Verbesserung der Kostenposition wichtig", sagte Gast damals. Doch die erhoffte Fusion, mit der die Oetker-Reederei zur weltweiten Nummer vier aufgestiegen wäre, kam nicht zustande. Auch, weil die jüngeren Halbgeschwister Alfred und Carl Ferdinand Oetker den Plan durchkreuzten und ihr Veto einlegten. Der jahrelange Familienzwist um die Macht im Oetker-Konzern dauert bis heute an. Der wohl zur Überbrückung des Familienzwists 2010 überraschend eingesetzte Konzernchef Richard Oetker hat ebenfalls einige Übernahmen eingefädelt. Nachdem die Fusion mit Hapag Lloyd nicht zustande gekommen war, wurden in seiner Amtszeit die Containerliniendienste der chilenischen Reederei Compañía Chilena de Navegación Interoceánica S.A. (CCNI) erworben. Doch Hamburg Süd wuchs nicht so schnell, wie es nötig gewesen wäre, um ganz vorn mitzuschwimmen. Ottmar Gast versucht, den Eigentümerwechsel positiv zu sehen: Als Teil der dänischen Maersk-Gruppe habe das Unternehmen „zusätzliche Entwicklungspotenziale, von denen vor allem die Kunden profitieren", erklärte er. Der 64-Jährige, dem der bei Oetker mit 65 vorgeschriebene Abschied in den Ruhestand bevorsteht, verspricht unveränderte Qualität, Kundennähe und maßgeschneiderte Dienstleistungen. Ob auch die Reederei-Mitarbeiter profitieren, wird am Standort Hamburg bezweifelt. Immerhin habe Maersk erst vor gut einem Jahr eine neue, 4.000 Quadratmeter große Deutschland-Zentrale für 350 Mitarbeiter bezogen – im hypermodernen Ericus-Contor in der Speicherstadt, direkt neben dem Spiegel-Verlag. Im Sommer 2016 hat Hamburg Süd dann seinen geschätzt 70 Millionen Euro teuren Erweiterungsbau eingeweiht, was als Bekenntnis des Oetker-Konzerns verstanden worden war. 1.100 Mitarbeiter hat Hamburg Süd allein am Stammsitz. Ob alle bei Maersk eine Zukunft haben? Hamburg Süd bleibe als Markenunternehmen bestehen, glauben die Optimisten – die Marke sei (ebenso wie die brasilianische Tochtermarke Alianca) stark, und das Geschäft sei sehr personenbezogen. Sprich: Die Mitarbeiter werden gebraucht. Maersk-Chef Søren Skou lobte Hamburg Süd ebenfalls als „starke Marke". Die Zentrale werde in Hamburg bleiben – eine Garantie für die Arbeitsplätze könne er allerdings nicht abgeben, so Skou. In Hamburg herrscht nun breite Skepsis. Ralf Nagel vom Reederverband VDR mahnte: „Der Standortwettbewerb wird noch härter (...) Wir brauchen große zusätzliche gemeinsame Anstrengungen aus Politik und Wirtschaft, um Deutschland als Schifffahrtsstandort dauerhaft im Spitzenfeld zu halten." Erst kürzlich hatte Beiratschef August Oetker in einem Vortrag die Oetker-Strategie sybillinisch erläutert: Der Eintritt in neue Auslandsmärkte sei für Oetker angesichts kleiner (Backpulver-)Tütchen bezahlbar. Für das enorm kapitalintensive Reedereigeschäft scheint dies nicht mehr zu gelten. Rudolf-August Oetkers frühe Leidenschaft für die Seefahrt Schon als Kind bewunderte Rudolf-August Oetker die Sammlung von Schiffsmodellen seines Stiefvaters Richard Kaselowsky, der damals bereits ein kleines Aktienpaket der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschifffahrtsgesellschaft besaß. „Dem 41-jährigen Puddingprinzen macht es fast kindliche Freude, gelegentlich auf einer großen Weltkarte mit bunten Fähnchen die Positionen seiner Schiffe abzustecken", beschrieb der Der Spiegel 1957 den damaligen Konzernchef Rudolf-August Oetker, der innerhalb weniger Jahre zum größten deutschen Reeder aufstieg. Und das Magazin schilderte auch, wie der Reeder Oetker selbst auf dem Frachter „Ravensberg" seiner Reederei Rudolf A. Oetker mitfuhr und auf dem Atlantik in Höhe von Las Palmas eine Seenotübung einforderte. Oetker habe sich mit ins Rettungsboot gesetzt, „das sogleich vom Schiff wegtrieb". Mit Scheinwerfern habe der Kapitän in der Dämmerung nach seinem Reeder gesucht und ihn auch entdeckt. Doch habe es eine halbe Stunde gedauert, „bis Seefahrer Oetker eine Welle erwischte, die das Boot wieder in die Auffangvorrichtung bugsierte".

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