Dr. Oetker: Wer führt den Konzern, der weit mehr ist als eine Puddingfabrik, in die Zukunft? Die Nachfolgeregelung wird spannend. - © Archivfoto: dpa
Dr. Oetker: Wer führt den Konzern, der weit mehr ist als eine Puddingfabrik, in die Zukunft? Die Nachfolgeregelung wird spannend. | © Archivfoto: dpa

Bielefeld Gerangel um die Oetker-Führung

Der Bielefelder Konzern hat bisher nicht mitgeteilt, wer ihn künftig repräsentiert / Der siebenköpfige Beirat ist gefragt

Martin Krause

Bielefeld. Rudolf-August Oetker hat den Ärger kommen sehen. Firmen-Biograph Rüdiger Jungbluth schrieb über den Patriarchen 2004 – noch zu dessen Lebzeiten – dass ihn „nur eine Sorge" plagte: „Die Furcht, dass nach seinem Tod ein Zwist in der Familie entstehen könnte." Während Jungbluth die Grenzen der Recherche offenbarte, als er der Familie Harmonie attestierte („die Oetker-Geschwister praktizieren nach allem, was man weiß, eine ungewöhnliche Eintracht"), ist der tiefe Graben zwischen den fünf älteren und den drei jüngeren der acht Kinder von Rudolf-August Oetker heute öffentlich bekannt. Weniger klar ist, wer künftig oberster Repräsentant des Oetker-Konzerns und wer Vertreter der Nahrungsmittelsparte in der Konzernführung ist. Turnusmäßig kommt in diesen Tagen der Beirat zusammen, zu dem neben drei Familienvertretern auch vier externe Manager gehören. Den Vorsitz hat der frühere Konzernchef August Oetker (72). Erwartet werden Festlegungen über die künftige Spitze: Zieht erneut ein Mitglied der Familie in die operative Führung ein, wenn sich Richard Oetker (65) altersbedingt zurückzieht und auf die Führung der Nahrungsmittelsparte beschränkt? Neben der Zukunft der mutmaßlich defizitären Reederei Hamburg Süd, die verkauft werden könnte, sollen weitere Personalfragen auf der Agenda stehen. Zumindest öffentlich noch unbekannt ist etwa, wer künftig die Chefsessel der Reederei und des Bankhauses Lampe einnimmt. Die Oetker-Geschichte in unserer interaktiven Zeitleiste: Albert Christmann Der 53-jährige Finanzexperte gehört seit mehr als 25 Jahren zum Oetker-Management. Der frühere Generalbevollmächtigte Guido Sandler machte ihn früh zu seiner rechten Hand – eine gute Schule, wie Insider sagen. Später arbeitete der promovierte Diplom-Kaufmann unter anderem für die Wiesbadener Henkell-&-Co.-Gruppe und heuerte dann bei Oetkers Brauereisparte an, die damals noch unter „Binding" firmierte und von Ulrich Kallmeyer geführt wurde. Als 2004 für 220 Millionen Euro die Dortmunder Brau und Brunnen AG übernommen wurde und die Oetker-Tochter unter dem Namen „Radeberger" zum Marktführer im deutschen Biermarkt aufstieg, war Christmann bereits an Bord. Seit 2009 stand Christmann an der Spitze der Radeberger-Gruppe – bis er 2014 als Nachfolger von Ernst F. Schröder zum Finanzchef des Konzerns in die Gruppenleitung berufen wurde. Bei öffentlichen Auftritten zeigt sich Christmann freundlich und souverän. Schon seit Jahren gilt er als aussichtsreichster Kandidat, wenn es einen „familienfremden" Nachfolger für Richard Oetker an der Konzernspitze geben sollte. Daran haben auch Gerüchte über seine angebliche Rolle bei verbotenen Preisabsprachen unter Brauern nichts geändert. Insider verweisen nur darauf, dass es bisher formal keinen „Chef" in der Gruppenleitung gab. Alfred Oetker Alfred Oetker ist das älteste der drei Kinder aus der dritten Ehe von Rudolf-August Oetker – der Ehe mit Maja Oetker. In einem Brief soll der 2007 im Alter von 90 Jahren verstorbene Firmenpatriarch verfügt haben, dass Alfred der Nachfolger seines älteren Bruders August an der Konzernspitze werden solle. Doch dazu kam es bisher nicht, weil die fünf älteren Geschwister aus den beiden ersten Ehen ihrem Halbbruder die Zustimmung versagen. Und es gibt wohl auch keine testamentarische Festlegung zugunsten von Alfred. Der 49-Jährige ist Mitglied im Präsidium des Industrie- und Handelsclubs OWL (IHC). Wie sein jüngerer Bruder Carl-Ferdinand absolvierte er eine Banklehre, bevor er in Passau BWL studierte. Seine Doktorarbeit schrieb er über Konflikte in Familienunternehmen und er „erarbeitete eine Vielzahl praktischer Vorschläge, wie Konflikte in Familienunternehmen vermieden oder gelöst werden können", lobte Rüdiger Jungbluth in dem Buch „Die Oetkers". Nur: Die Theorie blieb grau, der Streit ungelöst. Der mit der italienischen Prinzessin Elvira Grimaldi di Nixima verheiratete „verhinderte Kronprinz" muss sich bisher mit dem Amt des stellvertretenden Beirats-Chefs begnügen. Ein Wechsel in die Gruppenleitung wäre aber theoretisch denkbar. Carl-Ferdinand Oetker Der 44-jährige Bankkaufmann Carl-Ferdinand Oetker ist am Konzernsitz in Bielefeld ein spärlich beschriebenes Blatt. Er tritt selten öffentlich in Erscheinung und lebt dem Vernehmen nach in Düsseldorf. Der in München 1972 geborene jüngste Sohn von Rudolf-August Oetker – das zweitjüngste seiner acht Kinder – absolvierte eine Banklehre und studierte in den USA. Beim konzerneigenen Bankhaus Lampe stieg er auf die Karriereleiter und avancierte zum Direktor und Generalbevollmächtigten. Ganz an die Spitze als persönlich haftender Gesellschafter oder in die erweiterte Geschäftsleitung gelangte er aber nicht – er sei „massiv behindert worden", soll er beklagt haben. Nach einer Auszeit („Sabbatical") in Australien verließ er die Bank 2015, um selbstständig als Vermögensverwalter zu arbeiten. Im Sommer 2016 meldete das Handelsblatt, Carl-Ferdinand und seine Geschwister Alfred und Julia hätten akzeptiert, dass Albert Christmann 2017 an die Unternehmensspitze rückt. Carl-Ferdinand (laut Manager-Magazin „der Enttäuschte") wolle aber als persönlich haftender Gesellschafter an Christmanns Seite in die Konzernleitung einziehen. Firmenkenner bezweifeln, dass diese Variante Chancen hat. Beruflichen Ehrgeiz bewies der Banker im August 2016, als er sich zum Aufsichtsratschef des Pharmakonzerns Stada (10.500 Mitarbeiter) wählen ließ. Überraschungen möglich Richard Oetker verlässt Ende 2016 die operative Konzernführung. In der Gruppenleitung verbleiben dann Albert Christmann und der bereits 64-jährige Hamburg-Süd-Chef Ottmar Gast (ein Nachfolger ist noch nicht bekannt) als persönlich haftende Gesellschafter sowie Radeberger-Chef Niels Lorenz. Möglich wäre es also, dass sie unter Christmanns Feder einfach zu Dritt weitermachen. Die Forderung, dass immer ein Oetker im Top-Management sitzen muss, ist offenbar nirgends festgeschrieben. Solange der Konzern sich bedeckt hält, sind den Spekulationen freilich Tür und Tor geöffnet – und die Medien in ganz Deutschland beteiligen sich kräftig daran. Denkbar wäre es ohne Zweifel, dass ein öffentlich noch unbekannter Manager – am ehesten aus dem eigenen Haus – in die Spitze aufrückt. Völlig neue Möglichkeiten ergeben sich, wenn Oetker sich von seiner Reederei Hamburg Süd trennen sollte. Ihren Teil des Erlöses könnten die fünf älteren Oetker-Erben (Rosely Schweizer, August Oetker, Bergit Gräfin Douglas, Christian und Richard Oetker) ihren drei jüngeren Geschwistern Alfred, Carl-Ferdinand und Julia Oetker (37) als Abfindung anbieten. Gelänge die Teilung, wäre der Weg frei für die fünfte Familiengeneration. Der 41-jährige Alexander, Sohn von August Oetker, ist zum Beispiel einer von ihnen.

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