Wirtschaft Finanzexperte kritisiert Rentenreformpläne der SPD

Interview: Was Bernd Raffelhüschen von den Ideen der Sozialdemokraten und dem höheren Rentenniveau im Nachbarland Österreich hält

Herr Professor Raffelhüschen, Arbeitsministerin Andrea Nahles plant, das Rentenniveau künftig wenig stark absinken zu lassen. Was halten Sie davon? Bernd Raffelhüschen: Ich halte überhaupt nichts davon, das, was wir in den Errungenschaften des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder eingeführt haben, wieder zurückzuschrauben. Wir haben damals beschlossen, den Rentenbeitragssatz konstant zu halten. Und das Rentenniveau passt sich an. Irgendwann haben wir weniger Beitragszahler und viele Rentner. Und deshalb muss das Rentenniveau dann sinken. Kritiker sehen aber mit einem weiter sinkenden Rentenniveau den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Gefahr. Raffelhüschen: Ja, wenn Massenarmut im Alter entstehen würde. Wir haben aber keine. Die Altersarmut beträgt in Deutschland nur drei Prozent. Das geht aus dem Armutsbericht der Bundesregierung und dem Statistischen Jahrbuch hervor. Es gibt keine Altersgruppe, die weniger von Armut betroffen ist. Und was ist mit den vielen Teilzeitjobbern im Alter? Raffelhüschen: Wer nicht genug in die Rentenkasse einzahlt, erhält auch eine entsprechend kleine Rente. Dieses Prinzip gilt seit 100 Jahren. In Österreich ist das Rentenniveau viel höher. Dort erhält ein langjähriger männlicher Versicherter im Schnitt 1.560 Euro Rente, dank 14 Monatsrenten sind es sogar 1.860 Euro. In Deutschland sind es nur 1.050 Euro. Raffelhüschen: Die Kirschen schmecken oft am besten, wenn der Baum in Nachbars Garten steht. Österreich hat auch einen höheren Beitragssatz. Und Österreich hat alle Reformen, die wir gemacht haben, noch vor sich. Würden deutsche Arbeitnehmer die vier Prozent Beitragssatz nicht in die private Riester-Vorsorge, sondern in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen, kämen sie auf denselben Beitragssatz wie in Österreich. Wäre dies nicht sinnvoller? Raffelhüschen: Es gibt in Deutschland bei der Rentenversicherung nichts zu tun. Sie ist leistungsgerecht: Wer viel zahlt, bekommt auch viel. Und sie ist generationengerecht: Durch eine Absenkung des Rentenniveaus werden die Babyboomer, sprich die geburtenstarken Jahrgänge, bestraft, die auch die Verursacher sind. Denn mit ihnen wächst die Zahl der Rentenempfänger. Lohnt sich die Riester-Rente angesichts von Minizinsen, Verwaltungsgebühren und Steuerabzügen überhaupt noch? Raffelhüschen: Welche Riester-Rente meinen Sie denn? Es gibt 1.500 verschiedene Riester-Produkte. Natürlich müssen sich Verbraucher beraten lassen. Aber die Riester-Rente wird in der Steuererklärung als Sonderausgabenabzug berücksichtigt. Und mit einem Riester- ETF-Aktienfonds haben Sie zweistellige Renditen. Aber Experten warnen wegen hoher Kursschwankungen vor Aktien im Alter. Raffelhüschen: Alter? Ich habe sie auch. Selbst Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel sieht Reformbedarf und macht sich für eine Mindestrente stark. Wer gearbeitet hat, soll auch eine auskömmliche Rente erhalten. Raffelhüschen: Das ist der falsche Weg. Damit wird Armut über die Rentenversicherung bekämpft. Armutsbekämpfung gehört steuerfinanziert!

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