Kämpft für Chancengleichheit: Auma Obama. - © Andreas Zobe
Kämpft für Chancengleichheit: Auma Obama. | © Andreas Zobe

Wirtschaft Cheftagung der Bielefelder Katag AG so politisch wie nie

Das Dienstleistungs-Unternehmen für den Einzelhandel stellte Migration, Integration und den demographischen Wandel in den Mittelpunkt einer hochpolitischen Veranstaltung

Martin Krause

Bielefeld. So hochpolitisch war die Cheftagung der Bielefelder Katag AG nie zuvor. Die Tagung endete mit einem kämpferischen Plädoyer für kulturelle Vielfalt und Verschiedenheit, gehalten von der kenianischen Autorin, Germanistin und Menschenrechtlerin Auma Obama. Die Wirtschaft habe die Vorteile erkannt, so Obama: „Ohne Vielfalt wären internationale Konzerne nicht wettbewerbsfähig", sagte sie den 400 Gästen der Cheftagung. „Vielfalt ist Bereicherung." Politische Courage Die Halbschwester des US-Präsidenten Barack Obama, die 16 Jahre in Deutschland lebte und hier studierte, hielt ihren Vortrag vor dem Hintergrund der Debatten über Flüchtlingswellen und Migration. Mit Integration sei oft völlige Anpassung von Zuwanderern gemeint, doch das könne nicht funktionieren, mahnte sie: „Wenn ich ein Dirndl trage, denken die Leute, es ist Fasching". Schon die neue deutsche Bezeichnung „Menschen mit Migrationshintergrund" sei ein Zeichen für Probleme und drohende Stigmatisierung, so Obama. „Ein Ausländer ist ein Ausländer", forderte sie unverkrampfte Sprache ein. Um die Öffnung der eigenen Kultur für Zuwanderer zu erreichen, seien Aufklärung, Verständnis und politische Courage nötig. Sorge um Ängstlichkeit Ebenfalls äußerst kämpferisch, wenn auch mit anderen Akzenten, trat FDP-Chef Christian Lindner auf. Ihn besorge die deutsche Ängstlichkeit angesichts der revolutionären gesellschaftlichen Veränderungen durch Digitalisierung, Globalisierung und demographischen Wandel. Die Ängstlichkeit mache das Denken klein. Großartig sei hingegen der Satz „Wir schaffen das" von Bundeskanzlerin Angela Merkel gewesen, gesagt in der Flüchtlingskrise 2015. Der historische Satz könne allerdings gutes Regierungshandeln nicht ersetzen. „Was sollen wir schaffen?", fragte Lindner. Wer Menschen, die existenziell bedroht sind, die Hilfe versage, „der hat kein Herz", stellte er klar. Doch er diagnostizierte „humanitären Narzissmuss" in Deutschland und stellte die rhetorische Frage: „Sind die anderen Europäer Unmenschen?" Die Europäer müssten sich auf eine europäische Grenzpolizei und die gemeinsame Kontrolle der Außengrenzen einigen, um entscheiden zu können, mit wem Europa sich solidarisch zeige und wer eingeladen werde – denn ohne Ordnung herrsche Chaos. Dringend nötig sei zudem ein Einwanderungsgesetz, denn Deutschland brauche kontrollierte Einwanderung. Zugleich müsse es seine liberale Werteordnung und freiheitliche Verfassung bewahren. Stabile Verhältnisse Katag-Chef Daniel Terberger hatte für die Tagung ein anspruchsvolles Thema vorgegeben: Es sollte um die „Revolution in der Sozialstruktur" gehen („Migration, Integration und demographischer Wandel") und um daraus resultierende Chancen für Handel und Wirtschaft. Terberger beklagte den Machtgewinn von Populisten in vielen Ländern und identifizierte die Migration als Sündenbock für politische Fehler. Er kritisierte die Subventionspolitik für Elektroautos und Milchbauern ebenso wie die Niedrigzins-Politik der EZB. Andererseits herrschten in Deutschland stabile Verhältnisse, es gebe einen ausgeglichenen Haushalt und Wirtschaftswachstum. „Fast alle in Europa und der Welt beneiden uns", so Terberger. Der stationäre Einzelhandel, dem die Katag ihre Dienstleistungen anbietet, profitiere zwar nur unterdurchschnittlich vom Konsum-Aufschwung („wir hatten nie so brutale Verhältnisse"), aber die Marktanteile des Fachhandels stabilisierten sich. Auch der Modehandel habe Chancen, die Trends im Konsum – weg von Mode, hin zur Elektronik – wieder zu drehen. Dafür gebe es aber keine perfekten Geschäftsmodelle: „Gute Läden einzurichten ist eine Kunst." Neustart Der Modekonzern S.Oliver nutzte die Cheftagung für eine Charme-Offensive: Drei Mitglieder der Inhaberfamilie (inklusive Gründer Bernd Freier) und drei Top-Manager warben unter den Einzelhändlern für ihre neue Strategie. Nach einigen „Irrungen und Wirrungen" sei man nun wieder auf dem richtigen Weg, so S.Oliver-Geschäftsführer Armin Fichtel. Die Partnerschaft mit dem selbstständigen Handel werde nun wieder verstärkt – Katag-Mitglieder erhalten zum Start 30 Prozent Rabatt. Händler hatten S.Oliver und anderen Herstellern den Aufbau zu vieler eigener Stores vorgeworfen. Katag-Chef Daniel Terberger stellte fest, dass das Verhältnis zu manchen Herstellern in der Vergangenheit von ruppigem Umgang geprägt war. Doch das Konzept, mit eigenen Stores zu wachsen, sei zum Teil nun gekippt.

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