Verkauf beschlossen: Balda geht für 95 Millionen Euro an Stevanato. - © picture alliance / dpa
Verkauf beschlossen: Balda geht für 95 Millionen Euro an Stevanato. | © picture alliance / dpa

Bad Oeynhausen Balda-Aktionäre beschließen Verkauf an Stevanato

Italienischer Verpackungshersteller zahlt 95 Millionen Euro

Julia Gesemann
Andrea Frühauf

Bad Oeynhausen. Balda soll nach Italien verkauft werden. Wie das Unternehmen mitteilte haben die Aktionäre auf der außerordentlichen Hauptversammlung in Hannover am Freitagabend beschlossen, das operative Geschäft der Balda AG für 95 Millionen Euro an den Verpackungshersteller Stevanato zu veräußern. Zuvor war es auf der Hauptversammlung zu einem einzigartigen Bieterkampf gekommen. Wenige Minuten nach Beginn der außerordentlichen Hauptversammlung der Balda AG in Hannover nahm Aufsichtsratschef Thomas van Aubel auf dem Podium einen Briefumschlag entgegen. Der Inhalt: Ein neues Kaufangebot mit vier notariellen Urkunden der Düsseldorfer Heitmann & Thumann-Gruppe (H&T), wie er den Aktionären verdutzt erläuterte. Das Unternehmen des früheren BDI-Präsidenten Jürgen Thumann hatte erneut nachgelegt und sein Angebot überraschend von zuletzt 74 Millionen Euro auf 90 Millionen Euro für das gesamte operative Balda-Geschäft (inklusive der Belegschaft) erhöht. Damit sollte der Konkurrent, die italienische Stevanato-Gruppe, im letzten Moment doch noch ausgestochen werden. Einzige Bedingung: Die Annahmefrist lag bei Samstagmorgen, 9 Uhr. "Das ist Erpressung" Dies rief mehrere empörte Aktionäre auf den Plan, die für ihre Anfechtungsklagen bekannt sind und auch den Ruf der „räuberischen Aktionäre" haben. „Das ist Erpressung", schimpften einige. „Sie können hier nicht über ein Kaufangebot abstimmen, das nicht auf der Tagesordnung steht", wetterte Manfred Klein lautstark. Damit spielte er auf die geringe Präsenz von 38,51 Prozent an. Viele Aktionäre waren gar nicht erst angereist (gut 61 Prozent des Grundkapitals waren nicht vertreten). „Die zu Hause sitzenden Aktionäre müssen Sie aber informieren", forderte Klein. Und Karl-Walter Freitag, der bundesweit als Hauptversammlungsschreck berüchtigt ist und bereits eine Anfechtungsklage gegen Beschlüsse der Balda-Hauptversammlung im November 2015 eingereicht hat, sah sich nun in seiner Ansicht bestätigt. Aufsichtsratschef und Großaktionär van Aubel habe angesichts seiner hohen Verschuldung in Wahrheit nur ein Ziel: „Das Tafelsilber so schnell wie möglich zu Geld zu machen." Freitag kritisierte, van Aubel wolle einen „Verkaufsprozess nach Gutsherrenart durchsetzen" und forderte dessen Absetzung als Versammlungsleiter wegen Befangenheit. Van Aubel, der über seine Elector GmbH 29,43 Prozent der Balda-Anteile erworben hatte, hatte an diesem Tag aufgrund der geringen Präsenz eine eigene Mehrheit von rund 75 Prozent. Genauso viel wie für die Billigung der Tagesordnungspunkte nötig war. H&T erläuterte sein erhöhtes Kaufangebot Seine Elector dürfte noch tief in der Kreide stehen. Ende 2012, laut dem letzten Eintrag im Bundesanzeiger, summierten sich die Verbindlichkeiten auf 49 Millionen Euro. Mit der in der Hauptversammlung im November beschlossenen Ausschüttung hatte van Aubel immerhin schon rund 20 Millionen Euro kassiert. Weitere Millionen sollen mit der geplanten Kapitalherabsetzung folgen. Doch auch die bekannte Berufsklägerin Catherina Steeg versuchte, seine Pläne zu durchkreuzen. Der Balda-Wert belaufe sich in Wahrheit auf 130 bis 150 Millionen Euro, schimpfte sie lautstark. Die Kritiker vermissten ein offizielles Bieterverfahren. Sie wollten den Versammlungsleiter van Aubel absetzen, die Hauptversammlung ohne Beschlüsse vertagen. Doch ihre Anträge wurden mit einer Mehrheit von 98 Prozent abgelehnt. Stunden waren bis dahin vergangen. Christian Diemer, CEO der H&T-Gruppe, durfte das erhöhte Kaufangebot erst Stunden später erläutern: H &T habe sämtliche Synergieeffekte, die sich mit der Balda-Übernahme ergäben, in das nunmehr erhöhte Angebot einfließen lassen. „Wir sind sehr an dem Unternehmen interessiert und wollen den Kaufprozess so schnell wie möglich zu Ende bringen. Damit Balda-Kunden nicht Großaufträge an Wettbewerber vergeben." H&T habe bereits Aufträge für den Standort Bad Oeynhausen in der Tasche und wolle dort die Belegschaft ausbauen. Seine Ehefrau Christina Diemer stellte juristisch geschickt später einen Gegenantrag, den Beschluss der November-Versammlung (Punkt 7, Verkauf an H&T) doch nicht zu kippen, sondern die erst von H&T gebotenen 74 Millionen nun durch 90 Millionen Euro zu ersetzen. Schließlich erhöhte auch Stevanato - und gewann Balda-Vorstand Oliver Oechsle betonte: Schon die von Stevanato gebotenen 80 Millionen Euro „waren ein attraktives Kaufangebot". Nun seien 90 Millionen Euro lukrativer. Dann: Um 15.30 Uhr wurde van Aubel ein weiterer Umschlag gereicht. Stevanato erhöhte auf 95 Millionen. Annahmefrist: 15. Februar. Vorstand und Aufsichtsrat empfahlen die Annahme.

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