Hände desinfizieren: Krankenhaushygieniker Johannes Kleideiter steht im Eingangsbereich des Klinikums Bielefeld Mitte. - © Andreas Zobe / Neue Westfaelische
Hände desinfizieren: Krankenhaushygieniker Johannes Kleideiter steht im Eingangsbereich des Klinikums Bielefeld Mitte. | © Andreas Zobe / Neue Westfaelische

Bielefeld Hygieneexperte: "Wir waschen die Hände oft zu kurz“

Martin Fröhlich

Bielefeld. Hygieneexperte Johannes Kleideiter aus Bielefeld erklärt, wie man Krankheitserreger im Alltag am besten aufhält. Er räumt auch mit einem Mythos in Sachen Allergie auf.

Herr Kleideiter, Sie sind Krankenhaushygieniker in Bielefeld. Dass sich ein Arzt mehrfach am Tag die Hände reinigen muss, ist klar. Aber wie oft sollten wir alle das eigentlich tun?
Johannes Kleideiter:
Das hängt davon ab, was wir zuvor getan haben. Sprich: ob sich auf den Händen krankmachende Mikroorganismen angesammelt haben können.

Wann passiert das?
Kleideiter:
Bei vielen Gelegenheiten. Wenn Sie auf die Toilette gehen, wenn Sie Windeln wechseln, Ihrem Kind beim Toilettengang helfen, wenn Sie Nase putzen, wenn Sie Kontakt mit Abfällen oder Tieren haben. Auch wenn Sie nach Hause kommen, sollten Sie die Hände waschen.

Gibt es Tätigkeiten, vor denen man Hände waschen sollte?
Kleideiter: Natürlich. Vor dem Essen, vor dem Hantieren mit Medikamenten und Kosmetika, vor dem Kochen und vor allem mehrfach während des Kochens, gerade wenn Sie mit rohem Fleisch arbeiten. Auch vor und nach der Behandlung von Wunden sollte man Hände waschen.

Wie wäscht man sie richtig?
Kleideiter:
Wir wissen aus Umfragen, dass viele nicht lange genug waschen. Mindestens 20 bis 30 Sekunden sollte die Seife auf den nassen Händen verrieben werden. Dann spült man sie gründlich ab und trocknet die Hände.

Achtung, Infektionsrisiko: Diese Übersicht zeigt, wo sich im Haushalt die meisten Bakterien pro zehn Quadratzentimeter verstecken. Der 
Toilettenrand ist dabei viel ungefährlicher als der Spülschwamm. - © NOW
Achtung, Infektionsrisiko: Diese Übersicht zeigt, wo sich im Haushalt die meisten Bakterien pro zehn Quadratzentimeter verstecken. Der 
Toilettenrand ist dabei viel ungefährlicher als der Spülschwamm. | © NOW

Sollte man sie auch regelmäßig desinfizieren?
Kleideiter: In der Regel ist das nicht erforderlich. Es kann allerdings als Ersatz zum Händewaschen dienen, wenn das mal nicht möglich ist. Da hilft dann das Fläschchen mit Desinfektionsmittel.

Aus dem Fernsehen kennen wir Mr. Monk, der sich nach jedem Händeschütteln die Hände desinfiziert. Übertreibt er es?
Kleideiter:
Ich denke schon. Sich nach jeder Begrüßung die Hände zu waschen, würde in unserer Gesellschaft zu Irritationen führen. Allerdings macht es Sinn, in der kalten Jahreszeit mit hohem Infektionsrisiko auf Händeschütteln zu verzichten.

Womit wir beim Niesen und Husten wären. Wie verhindert man eine Übertragung der Bakterien und Viren?
Kleideiter:
Halten Sie beim Niesen oder Husten mindestens einen Meter Abstand oder drehen Sie sich weg. Dann benutzt man am besten ein Einwegtaschentuch und verwendet es auch tatsächlich nur einmal und entsorgt es in einem Mülleimer – mit Deckel. Natürlich sollte man danach die Hände waschen. Ist kein Taschentuch griffbereit, hustet oder niest man in die Armbeuge, nie in die Handfläche.

Was kann man im Büro in Sachen Hygiene tun? Tastatur und Maus desinfizieren?
Kleideiter:
Ja, das könnte man tun, wenn jemand anderer diese benutzt hat. Man sollte sich aber nicht zu viel davon versprechen. Die meisten Tastaturen sind durch ihre Bauart nicht sicher zu desinfizieren.

Sollte man in öffentlichen Bädern grundsätzlich Gummilatschen tragen?
Kleideiter:
Unter hygienischen Aspekten ist das sinnvoll. Allerdings ist der Boden in Bädern, die gechlortes Wasser benutzen, weniger mit Erregern belastet als in vielen Umkleiden in Sporthallen. Die Übertragung durch die Füße ist allerdings viel geringer als durch die Hände.

Werden durchs Abspülen Keime erst auf dem Geschirr verteilt?
Kleideiter:
Verteilt werden kann nur, was auch ins Spülwasser hineingerät. Geschirr aus normaler Nutzung ist in der Regel frei von pathogenen Erregern. Aufpassen muss man beim Umgang mit belastetem Geschirr, also etwa bei Schimmel. Das muss man separat reinigen und nicht im allgemeinen Spülwasser. Der Geschirrspüler ist immer hygienischer als das Spülbecken. Dort kommen aggressivere Chemie und höhere Temperaturen zum Einsatz.

Man sagt, dass Kinder Dreck und den Kontakt mit Erregern brauchen, um ein Immunsystem zu entwickeln. Stimmt das?
Kleideiter:
Kinder benötigen ein normales Umfeld zur Reifung ihres Immunsystems, kein steriles Lebensfeld. Kleine Kinder zeigen einen sehr unbekümmerten Umgang mit ihrer Umwelt. Vieles nehmen sie in den Mund, was da eigentlich nicht hinein sollte. Aber natürlich muss man Kindern wichtige hygienische Regeln aus dem Alltag vermitteln. Bei kranken Kindern muss man im Einzelfall klären, ob zusätzliche Maßnahmen nötig sind. Es gibt aber keine wissenschaftlichen Daten, die belegen, dass die fehlenden Auseinandersetzung mit Umweltkeimen das Auftreten von Allergien begünstigt. Obwohl das immer wieder behauptet wird.

Müssen wir heute mehr auf Hygiene achten als früher?
Kleideiter:
Infektionserkrankungen waren noch vor 100 Jahren eine der bedeutendste Todesursachen. Die Medizin kann heute viel mehr. Viele Infektionskrankheiten können wir durch Impfungen vermeiden. Dennoch gibt es Faktoren, die Hygiene wichtiger machen. Infektionserreger können binnen Stunden um die Welt reisen. Denken Sie an SARS oder die Schweinegrippe. Und es gibt mehr resistente Erreger, was mit dem ausgeuferten Einsatz von Antibiotika zu tun hat.

Information

Ein Drittel der Fälle vermeidbar

Als Krankenhaushygieniker kennt Johanns Kleideiter auch das große Thema der Krankenhauskeime. Gemeint ist damit eine Infektion, die man im Krankenhaus erwirbt: „Untersuchungen legen nahe, dass maximal ein Drittel dieser Fälle vermeidbar sind, denn in zwei Drittel der Fälle stammen die Erreger aus dem eigenen Körper des Patienten".
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