Am Dienstag hat ein weiterer Verhandlungstag im Bosseborn-Prozess stattgefunden. - © picture alliance / dpa
Am Dienstag hat ein weiterer Verhandlungstag im Bosseborn-Prozess stattgefunden. | © picture alliance / dpa

Bosseborn Bosseborn-Prozess: Schon Jahre vor den Taten zeichneten die Angeklagten Gespräche auf

Die Verhandlung wird am 29. Mai fortgesetzt

Jutta Steinmetz

Paderborn/Höxter. Der Ostwestfale ist gemeinhin als ruhig und ausgeglichen bekannt. So unaufgeregt wie er durchs Leben geht, so betreibt Justitia zwischen Lippe und Pader die Wahrheitssuche. Seit 46 Verhandlungstagen beschäftigt sich das Schwurgericht Paderborn mit dem sogenannten Bosseborn-Fall und hält seit Monaten das Verfahren nach den Vorgaben des Gesetzes vorwiegend mit dem Verlesen von Dokumenten und Protokollen am Laufen. Längst ist es nicht mehr notwendig, für die Medienvertreter zusätzliche Stühle aufzubauen und auch auf den Zuschauerbänken sind immer noch ein paar Plätze zu haben. Man wartet – auf die Gutachter, die noch immer beschäftigt sind mit Problemstellungen, deren Bearbeitung echter Experten bedarf. Audiodateien aus den Jahren 2004 und 2005 Auch der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus ist ein waschechter Westfale. Er verliert nie die Contenance und nie die Geduld. So verliest er an diesem 46. Verhandlungstag einige von der Polizei gefertigte Mitschriften von Audiodateien, die aus den Jahren 2004 und 2005 stammen. Eigentlich gebe es da inhaltlich „nicht so schrecklich viel Neues", sagt Emminghaus. Aber er wolle doch eingeführt wissen, dass Angelika und Wilfried W. ihre Gespräche schon sehr, sehr früh mitschnitten. Dass Angelika W. schon weit vor dem Tatzeitraum immer wieder beteuern musste, dass sie von ihrem Partner nicht geschlagen oder gequält worden sei. Dass sich also schon damals ein Muster entwickelte, das auch seine Anwendung fand in der Zeit, in der Annika W. und Susanne F. auf dem Gehöft in Bosseborn misshandelt wurden und infolgedessen ihr Leben verloren. Gutachterin Nahlah Saimeh soll am 3. und 4. Juli ihre Expertisen vorstellen Ein richterliches Vorgehen, das bei Wilfried W.s Verteidigern „Bauchschmerzen" hervorruft, wie Detlev Binder sagt. Die Gespräche, die die beiden Angeklagten mit Diktiergeräten und Mobiltelefonen aufzeichneten, müssten vorgespielt werden, so die Ansicht von Binder und seinem Mitstreiter Carsten Ernst. Auch das hört Emminghaus mit Gelassenheit – ebenso die Kritik der Verteidiger, dass Gutachterin Nahlah Saimeh bislang weder die avisierten Abschriften ihrer Notizen vorgelegt hat noch das Gutachten. Schließlich stehe doch bereits fest, dass am 3. und 4. Juli Saimeh ihre Expertisen zu beiden Angeklagten vorstellen wolle, sagt Binder, und da sei es notwendig, alle Unterlagen frühzeitig zu erhalten, um gut vorbereitet zu sein. „Ich kann ja auch nicht zaubern", bekundet daraufhin der Vorsitzende Richter, sichert aber zu, bei Saimeh vorzusprechen, und empfiehlt: „Wir wollen optimistisch sein." „So langsam sollten sich alle Beteiligten auf die Plädoyers einstellen" Dass das seine Grundeinstellung ist, schimmert kurz vor Ende der halbstündigen Sitzung durch. Just hat Emminghaus für Juli und August vier weitere Verhandlungstermine festgelegt, da zeigt er deutlich, dass das Gericht so ganz viel Klärungsbedarf nicht mehr hat. Zwar müssten noch Experten aus der Rechtsmedizin endgültig klären, ob Annika W. und Susanne F. mit rascher ärztlicher Hilfe hätten gerettet werden können, bevor dann die Psychiaterin Saimeh am Zuge ist. Aber „so langsam", findet er, „sollten sich alle Beteiligten schon einmal auf die Plädoyers einstellen." Die Verhandlung wird am 29. Mai fortgesetzt. Möglicherweise ist dann ergründet, wer der Briefschreiber ist, der im April eine Lanze für Wilfried W. brach.

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