Mit Familienfoto: Angela Orosz Richt-Bein zeigt vor Gericht ein Bild von der Hochzeit der Eltern. Von den 25 Personen darauf haben nur drei den Holocaust überlebt. - © Foto: Bernhard Preuss
Mit Familienfoto: Angela Orosz Richt-Bein zeigt vor Gericht ein Bild von der Hochzeit der Eltern. Von den 25 Personen darauf haben nur drei den Holocaust überlebt. | © Foto: Bernhard Preuss

Detmold Auschwitz-Prozess: Weitere Zeitzeugen sagen aus: „Die Wachen wollten uns leiden sehen“

Die Verteidigung wünscht, dass der Angeklagte nicht von den Aussagenden direkt angesprochen wird

Detmold. Um am fünften Verhandlungstag in einem der letzten großen NS-Prozesse teilnehmen zu können, benötigte der ehemalige SS-Wachmann Reinhold Hanning wieder einen Rollstuhl. Dem 94-Jährigen wird Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen vorgeworfen. Angeklagt ist vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Detmold.

Die Vorsitzende Richterin Anke Grudda erkundigte sich diesmal bei Johannes Salmen, einem der beiden Verteidiger des Angeklagten, nach Hannings Befinden. „Den Umständen entsprechend", erhielt Grudda zur Antwort.

Der zweite Anwalt von Reinhold Hanning, Andreas Scharmer aus Detmold, bemängelte zu Prozessbeginn, dass am ersten Verhandlungstag Holocaust-Leugner abgedrängt wurden. „Das geht so nicht", sagte Scharmer und betonte gleichzeitig, dass die Verteidigung aber keinen Wert auf Unterstützung von Holocaust-Leugnern für den Angeklagten lege.

Scharmer spielte damit auf einen Vorfall vom 11. Februar an, als die mehrfach verurteilte Holocaust-Leugnerin und Rechtsextremistin Ursula Haverbeck aus Vlotho vor dem Gerichtssaal auftauchte und dem Prozess als Zuschauerin beiwohnen wollte. Ursula Haverbeck hatte im Nachgang zu den Vorfällen einen Beschwerdebrief an die Stadt Detmold geschickt und darin Auschwitz als reines Arbeitslager bezeichnet. Die Stadt erstattete Strafanzeige, die Staatsanwaltschaft Detmold teilte mit, dass sie den Tatbestand der Volksverhetzung prüft.

Information

So geht 
es weiter

  • Der Prozess wird am Freitag, 11. März, um 10 Uhr im Saal der Industrie- und Handelskammer zu Detmold fortgesetzt.
  • Als Zeugin wird Judith Kalman gehört
  • Befragt werden könnte auch der Ermittler des LKA, Stefan Willms


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Im Zeugenstand berichtete Angela Orosz Richt-Bein, die heute in Montreal in Kanada lebt, ihre bewegende Geschichte. Die heute 72-Jährige wurde im Dezember 1944 im Konzentrationslager Auschwitz geboren, und zwar drei Tage vor der Weihnachtsfeier der SS-Männer. Ob die Wachmänner am Heiligabend oder am 1. Weihnachtstag gefeiert haben, weiß sie nicht. Daher schwankt ihr Geburtsdatum zwischen dem 21. und 22. Dezember.

Sie schilderte den drei Berufsrichtern und zwei Schöffen, wie ihre Eltern aus Budapest ins Konzentrationslager Auschwitz kamen, wie sie in einer Lagerbaracke auf einer Pritsche geboren wurde und dass sie so schwach war, dass sie nach ihrer Geburt, bei der sie nur 1.000 Gramm wog, nicht einmal geweint habe. „Ich habe überlebt, um für die Menschen zu sprechen, die es heute nicht mehr können", sagte sie und erinnerte an die sechs Millionen Juden, die in den Lagern von den Nazis ermordet worden sind.

Angela Orosz Richt-Bein möchte den anklagenden Finger erheben gegen die, die beim unmenschlichen Geschehen in den Lagern zugeschaut haben. „Gegen Menschen wie Sie, Herr Hanning", sagte sie zu dem Angeklagten, der aber auch an diesem Prozesstag in seinem Rollstuhl keine sichtbaren Reaktionen zeigte. Reinhold Hanning blickte wie unbeteiligt nach unten und wich damit dem suchenden Blick der Zeugin aus. „Ich möchte immer wieder an das erinnern, was im Holocaust passiert ist", sagte die nur 1,50 Meter große Frau, die Angst um ihre Enkel und Urenkel hat. „Jetzt herrscht wieder Antisemitismus, und keiner tut etwas."

Rechtsanwalt Johannes Salmen aus Lage unterbricht die Zeugin und fordert sie auf, den Angeklagten nicht mehr direkt anzusprechen.Ebenfalls in Englisch sagt dann der 87-jährige Benjamin Lesser aus. Er schilderte seine bis zum zehnten Lebensjahr unbeschwerte Kindheit in Krakau/Polen. Dann kam 1939 der Einmarsch der Nazis in Polen. „Das ist mir stark in Erinnerung", sagt er.

Mit seinen Eltern und zwei Brüdern und zwei Schwestern muss er nach Ungarn fliehen. Während seine Flucht in einem verstecktem Raum in einem Lastwagen gelingt, wird der zweite Transport mit seinen Eltern entdeckt. Alle zehn Insassen in dem Laster werden auf der Straße erschossen. Ben Lesser kommt nach Ungarn. Die Freiheit dort währt nicht lang, denn im März 1944 marschieren deutsche Truppen in Ungarn ein und die Juden werden deportiert.

Er kommt mit dem Zug nach Auschwitz. „Durch ein kleines Fenster im Waggon konnte ich ein Schild sehen. 'Arbeit macht frei' stand darauf", sagte er im Zeugenstand und schilderte seine Erlebnisse in Auschwitz und auf dem Todesmarsch nach Buchenwald. Während seiner Aussage appellierte Lesser an das Gericht: „Dieses historische Verfahren spielt eine bedeutsame Rolle für die Gerechtigkeit." Als Richterin Anke Grudda ihn nach den Wachmannschaften in Auschwitz befragt, antwortet er: „Die Wachen haben sich einen Spaß daraus gemacht, uns leiden zu sehen."

Lessers Aussage endet mit den Worten: „Ich würde jede Reise auf mich nehmen, um Zeuge zu sein. Wenn meine Generation nicht mehr da ist, gibt es keine lebende Stimme mehr, um dem Holocaust entgegenzutreten."

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