Bielefeld Trotz Atom-Aus: Deutschland hat Strom im Überfluss

Erneuerbare Energien, sinkender Verbrauch und neue Kraftwerke

Bielefeld. Acht deutsche Atomkraftwerke wurden nach der Fukushima-Katastrophe 2011 stillgelegt. Trotzdem exportierte Deutschland 2012 so viel Strom ins Ausland wie zuletzt vor fünf Jahren. Der Überschuss war mit 22,8 Milliarden Kilowattstunden fast viermal so hoch wie 2011 – Rekordwert. Das hat eine Untersuchung des Statistischen Bundesamts ergeben. Insgesamt importierte Deutschland im vergangenen Jahr 43,8 Milliarden Kilowattstunden und führte 66,6 Milliarden Kilowattstunden aus. Die Hauptabnehmer waren die Niederlande, Österreich und die Schweiz. Deutschland erzielte einen Überschuss von 1,4 Milliarden Euro. Grund ist die Energiewende. Solar- und Windstrom nehmen zu, der Anteil erneuerbarer Energien kletterte im vergangenen Jahr in Deutschland auf 23 Prozent. "Viele sind überrascht, wie schnell der Ausbau vorangegangen ist", sagt Norbert Allnoch, Direktor des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien (IWR) in Münster.Stromversorger überschwemmen den Markt "Der Zuwachs an erneuerbaren Energien und der Rückgang des Stromverbrauchs haben die AKW-Abschaltungen bereits vollständig kompensiert."Hinzu komme: "Die Stromversorger überschwemmen den Markt mit neuen fossilen Kraftwerken, ohne in gleichem Umfang ineffiziente Altanlagen abzuschalten." Das IWR beruft sich auf Planungszahlen der Bundesnetzagentur. Demzufolge sollen in diesem Jahr neue Steinkohle-Kraftwerke mit einer Leistung von fast 5.300 Megawatt erstmals Strom produzieren. Weil nur alte Steinkohle-Kraftwerke mit knapp 1.000 Megawatt stillgelegt werden, gelangen zusätzliche konventionelle Kraftwerkskapazitäten von 4.300 Megawatt auf einen gesättigten Markt. Die neuen Kohlekraftwerke dürften laut IWR den Druck auf die Strompreise verschärfen. "Die zusätzlichen Kohle-Strommengen beschleunigen den Rückgang der Strompreise an der Börse", sagt Allnoch. Mit der Folge, dass die Erneuerbare-Energien-Umlage auch dann weiter ansteige, wenn keine einzige neue Wind- oder Solaranlage mehr errichtet würde."Die Verbraucher können nicht profitieren" Gewinner seien die Großabnehmer, die Haushalte bezahlen das paradoxerweise über eine höhere EEG-Umlage. "Die Verbraucher können nicht profitieren", so Allnoch. Das bemängelt auch Hans-Josef Fell. Er ist energiepolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion der Grünen und Autor des Entwurfs des EEG 2000. "Energieversorger bedienen sich an der Börse immer günstiger, aber geben die gesunkenen Beschaffungskosten nicht an die Verbraucher weiter." Fell fordert zudem eine Änderung des EEG-Berechnungsmodus, damit auch die Haushalte profitieren. Da die Produktion in Wind- und Solarparks schwankt, kommt es immer wieder zu hohen Überschüssen. Perspektivisch gesehen ist es laut Fell deshalb sinnvoll, Speicherkapazitäten zu entwickeln. Nach Allnoch dauert es aber noch, bis Speicher notwendig werden. "Derzeit sorgt die Solarenergie für einen ausreichenden Puffer."

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